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Jüdische Volkszeitung · 1874-03-03 · 9 (3.3.1874) · p. Seite 66

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
9 (3.3.1874)
Date
1874-03-03
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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66 omelette machen müssen. Zudem ist es noch bekannt, daß selbst, wenn alle diese angeführten Prämissen gar nicht existirten, es für Dr. Hildesheimer absolut Sache der Unmöglichkeit ist, einen Mann neben sich zu dulden, der ihm geistig überlegen ist. Was thun? spricht Zeus. Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus? Wenn nichts, so sind nachstehende Facten geeignet, über das Thun und Treiben, über Mangel an wahrem wissenschaftlichen Streben dieser Clique Helles Licht zu verbreiten. Wäre Sinn für Wissenschaft vorhanden gewesen, mußte schon an diesen Schwierigkeiten allein der ganze Plan scheitern und daß dieses nicht geschehen, kennzeichnet also genau die Motive der ganzen ״Gründung". Nmrdus •mit decipi ergo decipiatur ist die Tendenz des Gründers des orthodoxen Seminars. Wer braucht wahre Wissenschaft? Das Volk wird schon mit dem bloßen Schein zufrieden sein und den anzunehmen, darin ist man ja durch ״Uebung" Meister. Um also der Herrschsucht keine Zügel anlegen zu müssen, wurden auf eigener Hand noch zwei Prosessoren — wer lacht da? — gewählt, zwei Acquisitionen, auf die die Wissenschaft stolz sein mag, die eine in der Person eines vielleicht gut zu nennenden ישיבה Bachur's, in der Person eines gewissen Dr. Hoffmann, der in Eisenstadt vielleicht ein Decennium oder mehr zu den Füßen seines jetzigen Collegen, will sagen Rectors, saß, um aus dem sprudelnden Borne seiner Weisheit zu trinken, und was wahr ist, muß man sagen: erkenntlich zeigt sich ein הבי, wenn er den תלמיד damit belohnt, daß er ihn zum Professor der Exegese ernennt. Ob vielleicht das hohe Verdienst, H.'s Schüler zu sein, schon eo ipso eine große Garantie für die Tüchtigkeit in der Bibelexegese bietet, wird wenigstens zu bezweifeln um so eher erlaubt sein, als nicht blos der in Rede stehende Schüler, sondern selbst der Lehrer nichts ohne Uebertreibung rein gar nichts auf diesem Gebiete geleistet haben. Der Leser wird vielleicht den hierin redlich in die Fußtapfen seines Meisters getretenen Schüler mit einem bekannten talmudischen Sprüch- Worte רבי לא שנאה ד חייא מנא ליה zu entschuldigen suchen, aber da ist es noch sehr fraglich, ob dieser Entschuldigungsgrund stichhaltig ist. Die zweite Größe wurde in Dr. Berliner gefunden. Mit den anderen verglichen, könnte man auf Letzteren doch anwenden צדיק הוא בדורותיו (Ein Gerechter seiner Zeit); neben H. und H. ist B. ein Gelehrter. Nebst anderen guten Eigenschaften haben diese drei gelehrten Herren auch dies mit einander gemein, daß sie nie ein Gymnasium regelrecht besucht haben. So wären wir denn glücklich bis zum Director, will sagen (da dieser Ausdruck zu sehr an Gründer einer Actiengesellschaft erinnert) Rector der Anstalt angelangt und, wie man sieht, scheint er seine Pflichten sowohl als Glied dieses Trifoliums als auch als Leiter desselben wenigstens zu kennen. Wie es mit Erfüllung derselben aussieht, ist allerdings wieder eine andere Frage. Also Dr. H. hält nicht blos talmudische Vorlesungen, sondern auch Collegien über jüdische Geschichte, Religionsphilosophie (hört! hört!) und (was werden Sie wohl dazu sagen?) leitet die homiletischen Uebungen seiner Bachurim, fühlt sich also wahrscheinlich in Folge seiner merkwürdigen Beredtsamkeit (von der nur er selbst überzeugt sein kann) berufen, um würdig zu vollenden, selbst seine Hörer zu tüchtigen Rednern auszubilden. Daß aus dem Schoße der gesammten jüdischen Orthodoxie auch noch nicht ein einziges historisches Werk hervorgegangen, vom Rector dieser Anstalt aber überhaupt noch gar nichts auf wissenschaftlichem, auch nicht einmal auf talmudischem Gebiete etwas geleistet wurde, ist männiglich bekannt. Es ist also schon immerhin ein Wagestück, historische Vorlesungen unter solchen Umständen zu halten, daß er sich aber bis zu dem so schwierigen Gebiete der jüdischen Religionsphilosophie versteigen würde, ohne darüber bisher auch nur durch ein Schriftchen, trotz seines bereits vorgerückten Alters, sich bekannt gemacht zu haben, setzt zum Mindesten sehr großes Selbstvertrauen und kühnen Muth voraus; denn es ist überhaupt keine Kleinigkeit, wissenschaftliche Vorlesungen in Berlin zu halten, wo die Wissenschaft zu Hause, wo eine solch ausgezeichnete Universität ist, wo besonders für jüdische Wissenschaft und ihre Pflege so viel geschieht; einer im wahren Sinne des Wortes den Ehrennamen עיר מלאה חכמים וספרים verdienenden Stadt, welche speciell sehr viele jüdische Theologen gegenwärtig zu ihrem Aufenthalte wählen. — Bekanntlich besteht hier auch schon seit Jahren die Ephraim — Beitel Heine'sche Lehranstalt, an welcher die DD. Aub, Haarbrücker, Lebrecht und Steinschneider wirken — zumal konnte der Dr. H. bedenken, daß das Seminar auch für solche berechnet ist, die nicht (ä la Eisenstadt) in der einen Stunde Grundelemente der deutschen Sprachlehre, in der anderen religionsphilosophische und historische Studien betreiben werden. Daß Dr. H. homiletische Uebungen leitet, muß Jedem, der ihn nur einmal predigen*) hörte, wie reine Ironie klingen, ungefähr so, als wenn ein Blinder optische Experimente machen wollte. Wer ihn einmal gehört hat, dem ist es unmöglich, ihn noch einmal zu hören, ich abstrahire natürlich von den obscuranten Fanatikem seiner kleinen Gemeinde, denn selbst von dieser hören Viele, wenn auch mit scheinbarem Widerstreben, Dr. Geiger's Predigten mit dem größten Wohlgefallen — und machen ihre Vergleiche. Daß die Sympathie für die obgenannte Gründung *) Predigt der Mann auch? Seine Predigten find aber sicherlich nicht zum Halten, sondern — zum Davonlaufen! Wir haben ihn einmal sprechen gehört: verstanden hat ihn wohl Niemand. Redaction.

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