Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1874-02-24 · 8 (24.2.1874) · p. Seite 60

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
8 (24.2.1874)
Date
1874-02-24
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9588641-9578923-9578992--547-9578996
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

60 Das in diesen Blättern angeregte Gebet für die Alliance israslite universelle und die unterdrückten Glaubensgenossen ist bei uns eingeführt und wird an den Sabbathen gesprochen, an denen zwei Thorarollen ausgehoben werden. Seit Beginn dieses Jahres ist die Versteigerung der Mitzwoth eingestellt. Sie werden nach einem billigen Tarife verkauft, bez. vom Synagogenvorsteher gratis vertheilt. Nur Chassan Bereschith bleibt dem Gemeindevorstand zur Verehrung Vorbehalten. Chassan Thorah ist der Rabbiner. — Endlich ist auch im Vorjahre dem Bettelwesen der Schnorrer dadurch ein Ziel gesetzt worden, daß der in seinem Vorstand organisirte Fremdenunterstützungsverein allwochentäglich eine feste Expeditionszeit einhält und Hausbettlern nichts verabreicht wird. Nur wenige Mitglieder haben sich ausgeschlossen. Die Uebrigen haben ihre Vereinsbeiträge wesentlich erhöht, geben aber privatim an Schnorrer nichts. Die Einrichtung hat sich bewährt. Im Verein mit der Gemeinde Leipzig haben unsere Vorsteher und der Rabbiner im November v. Js. König Albert zur Thronbesteigung begrüßt und ihm eine Adresse überreicht. — Zum Jahrbeginn feierten wir das 25jährige Amtsjubiläum unseres Oberbürgermeisters Pfotenhauer und erhielten bei Ueberreichung einer Adresse durch Rabbiner und Vorsteher von ihm die Erklärung, daß er allezeit unsere Glaubensgenassen in Humanitätswerken seinen Glaubensgenossen habe voranleuchten sehen. — Wenige Tage darauf erlitt unsere Gemeinde einen schmerzlichen Verlust, Sanitätsrath Dr. Bernhard Hirschel, als Arzt wie als medicinischer Schriftsteller in weitesten Kreisen geschätzt, ein Mann von hervorragendem Geist und Wissen, starb im 59. Lebensjahre. Für unsere Gemeinde hat er, früher als Vorsteher, zuletzt als Deputirter, jederzeit als einsichtsvoller Förderer des Fortschritts sich verdient gemacht. — Erfreulich ist die jüngst einem anderen hier geborenen jüdischen Arzt gewordene Anerkennung: Dr. Wilhelm Lehmannbeer, zur Zeit in Zittau, Inhaber des eisernen Kreuzes und mehrerer Orden, ist zum Oberstabsarzt erster Classe mit Majorsrang ernannt worden. Diese Ernennung unter König Albert darf von den Juden in Sachsen günstig gedeutet werden. Denn leider sind die Zustände in Deutschland heutzutage doch noch nicht allenthalben hinsichtlich der Juden so geordnet, daß den gesetzlichen auch die thatsächlichen Verhältnisse entsprächen. Da ist es denn bezeichnend, daß in unserem Sanitätscorps ein Jude die zweite Stelle, die erste nach dem Generalstabsarzt, einnimmt. — Unser Reichstagswahlkampf war diesmal haarscharf: Fortschrittspartei, Nationalliberale, Socialdemokraten standen sich gegenüber, letztere beiden hatten Juden aufgestellt: Oberhandelsgerichtsrath Dr. Goldschmidt in Leipzig und Jacoby in Königsberg. Aber wie Ihr Referent mit seinen Freunden von der Fortschritts- Partei die Canditatur des vr. Minckwitz öffentlich anempfahl, so hat auch in der sonst ziemlich hitzigen Debatte die Confessionalität keine Rolle gespielt und haben die jüdischen Wähler ohne Rücksicht auf sie gestimmt. Mit Stolz aber darf es doch auch den politischen Gegner erfüllen, daß solche Glaubensgenossen als Candidaten aufgestellt werden, daß wir solche Männer haben, daß heutzutage alle liberalen Parteien, wenn sie die besten Namen nennen, Juden aufzählen. Die Tüchtigkeit Jacoby's wie Goldschmidt's mußten auch die po- Mischen Gegner anerkennen. Und da ist es doch trotzalledem eine Freude, in solcherZeit zu leben. Das שהחינו war nie mehr am Platze, als in unserer Zeit. E. L. Lanäau (Pfalz). (Fortsetzung.) Als die wichtigsten alten Gebete, welche in der Schule zum Verständniffe gebracht und daher übersetzt werden müssen, erklären wir unbedingt das Sch'ma mit seinen Segenssprüchen und die Stillgebete für Werk-, Sabbath- und Festtage (Sch'mona Esre, Birchath Scheba, Tescha). Natürlich, wie bereits erwähnt, erstere in ihrer alten, kürzeren Fassung, ferner mit Weglassung der unserem heutigen religiösen Bewußtsein widerstreitenden Stücke von den Thieropfern rc., der Häufung unmittelbar hintereinanderfolgenden Synonyme (Emeth w'jazibh rc., Ja'aleh w'jabo u. s. w.). Dazu bedüfte es nun allerdings eines neuen Gebetbuches, und wir würden uns, da die scharfe Betonung der posttiven ewigen Ideen des Judenthums und seiner religiösen Aufgabe im Gebete ebenso nöthig ist, als die Weglassung des Ueberlebten, für das Gebetbuch, wie es nach Nr. 5 dieses Blattes für Berlin beabsichtigt ist, entschieden aussprechen. Die Orthodoxie kann nicht leugnen, daß die dort ausgesprochenen Grundsätze, soweit sie positiven Inhalt haben, dem ureigenen Boden des Judenthums angehören und daß der Streit sich nur um das Weggelassene dreht. Wenn sie daher bedenken wollte, daß die Fortlassung anderer, von ihr anerkannterTheile im Gebete noch kein Ableugnen derselben an und für sich involvirt; wenn sie ferner die durch die Erfahrung der Jahrtausende bezeugte Wahrheit der talmudischen Aussprüche über die Nothwendigkeit des Friedens zum Bestände Israels beherzigen, wenn sie sich der Einsicht nicht verschließen wollte, in welch , ganz anderer Weise wir durch die Herstellung der Einheit unseres Cultus für dessen Anerkennung und Gleichberechtigung dem Staate gegenüber eintreten könnten, bei aller Verschiedenheit der Richtungen innerhalb der Synagoge, wie dies ja auch bei den Protestanten geschieht, wo die Verschiedenheit der Richtungen innerhalb derselben Kirche — von den verschiedenen Secten sprechen wir hier nicht — von weit tiefer einschneidenden Bedeutung als bei den Juden ist, wo es sich ja nicht um die Fundamente des Glaubens handelt (der 12. Maimonidische Glaubensartikel fand ja als solcher Widerspruch bei den bedeutendsten Autoritätm), ohne daß dadurch die äußere Einheit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.