Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 8 (24.2.1874)
- Date
- 1874-02-24
- Page
- Seite 61 (sequence 5)
- Language
- German
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61 im Cuttus zerstört wird. Dazu kommt, daß es nur auf diese Weise möglich ist, einen sehr großen Theil der Glaubensgenossen dem Cultus und schließlich vielleicht der Religion zu erhalten; ferner, daß es anerkannter Grundsatz im Judenthum ist. Einzelnes, nicht Grundsätzliches, wenigstens zeitlich der Erhaltung des Ganzen zu opfern, gleichwie der Arzt ein Glied amputire, um das Leben zu erhalten (Mann. v. d. Widerspenitigen 2, 4.). Wollte die Orthodoxie alles das bedenken, so dürfte sie, der es doch um die Erhaltung der Religion am meisten zu thun sein müßte, am allerwenigsten der Einführung eines solchen Gebetbuchs, da wo es das Bedürfniß heischet, sich widersetzen. Indessen, das wird noch lange ein frommer Wunsch bleiben, in des Wortes voller Bedeutung. Allein, wenn auch nur auf fortschrittlicher Seite ein wahrhaft fürchterlicher Jndifferentismus nicht so tief sich eingefressen hätte, so wäre es wenigstens ein Leichtes, ein Gebetbuch nach den obigen Grundsätzen für das Bedürfniß des Schulunterrichts herzustellen und an sehr vielen Orten einzuführen. So lange dies nicht geschieht, muß das ganze Verfahren den einzelnen Lehrern überlassen bleiben, wodurch freilich Vieles schwankend und unsicher bleiben wird, wenigstens je nach den persönlichen Ansichten und Fähigkeiten des Lehrers. Mit der Uebersetzung der Pentateuchstücke dürfte es dagegen besser gehen. Der geschichtliche Theil wird, soweit er für die Jugend zur Erörterung kommen kann, in der biblischen Geschichte gelehrt, die Priester-, Tempel- und Opfergesetze u. dgl. haben natürlich auszufallen, und so wird, außer dem 19. und 20. Capitel des Exodus, nicht viel mehr als das Deuteronomium für die Uebersetzung übrig bleiben. Mit der Uebersetzuug der Gebet- und Pentateuchstücke muß aber nach unserer Ansicht der Unterricht wenigstens in den nackten, einfachen Wortformen der hebräischen Sprache verbunden werden, sobald die Schüler durch die bereits erlangte Kenntniß der deutschen Wortarten einen Begriff von den Sprachformen überhaupt erhalten haben. Und hier haben wir es nicht blos mit dem stofflichen Inhalte des Unterrichts zu thun, sondern schon mit dem formalen Wesen deffelben, also mit der Methode. Aller Unterricht, das bedarf in unserer Zeit keines Nachweises mehr, hat seine wesentlichste Bedeutung nicht sowohl in dem stofflichen Inhalte, als in seiner formalen Seite, in der geistigen und sittlichen Bildung, mit einem Worte, in der Erziehung der Jugend zu würdigen Menschen, zu tüchtigen, Gliedern der Gesellschaft. Dies gilt von allen Unterrichtsgegenständen, ganz besonders aber von dem Religionsunterrichte. Hier muß aller Mechanismus von vornherein verbannt werden, wenn die Religion Sache des Herzens und des Geistes und nicht ״angelerntes Menschenwerk" sein soll. Damit allein stehen wir auch auf wahrhaft jüdischem Boden. Das Judenthum ruft uns zu: ״Erkenne den Ewigen, deinen Gott", und will kein blindes 6r6ä6. Darum schon halten wir auch die Kenntniß der hebräischen Sprachformen für nothwendig, weil jede Uebersetzung ohne diese Kenntniß ein todter Mechanismus bleibt. Dazu kommt, daß nirgends mehr als im Religionsunterrichte das alte Wort: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir, seine volle Bedeutung hat. Eine Uebersetzung aber ohne alle Kenntniß der hebräischen Sprachformen wird das Leben bald wieder verflüchtigen und das Gebet vor wie nach ein bloßer Lippendienst bleiben, wenigstens so weit es die hebräischen, also die wichtigsten Stücke betrifft. Aus diesen beiden Gründen: dem der Erziehung zur Geistes- und Herzensbildung, sowie der möglichsten Dauer des Gelernten für das Leben, ergibt sich nun von selbst auch die Methode für die übrigen Gegenstände des Religionsunterrichts. Es wird dabei überall weniger auf die Masse ankommen, die dem Gedächtnisse einzuprägen wäre, als auf das Verständniß, also auch weniger auf das, was die Kinder zu Hause zu lernen haben, als auf den Unterricht in der Schule; auf die geistige Behandlung des Stoffes von Seiten des Lehrers. In dem Katechismus sind blos die Bibelstellen auswendig zu lernen: die eigentlichen Lehrsätze müssen geistiges Eigenthum der Zöglinge werden; die biblische Geschichte, die wir wie die Beispiele zu den Regeln einer Grammatik, oder vielmehr wie die Uebungsstücke einer solchen behandelt wissen möchten, ist nur durch Lesen und Erklären in der Schule für die religiöse und sittliche Bildung zu verwerthen. Dadurch allein, also durch die richtige Methode, scheint uns auch die Möglichkeit gegeben, daß in der Communalschule auch in diesen Gegenständen Ersprießliches geleistet werden könne. Die Hindernisse, welche dem Religionsunterrichte in der Communalschule, auch in den höheren Lehranstalten, entgegenstehen, sind nämlich dreifacher Art. Einmal haben die Kinder allerdings für die anderen Gegenstände bei anderen Lehrern so viel zu thun, daß ihnen in der That nicht viel Zeit zu Hausaufgaben für den Religionsunterricht übrig bleibt; sodann ist es die Schwierigkeit der Disciplin und der Mangel an Aufmerksamkeit. Die Schüler sind den ganzen Tag bei anderen Lehrern: für den Religionsunterricht kommen sie, besonders bei dem israelitischen Lehrer, der in der Regel allein ist und daher natürlich nur eine Classe hat, aus allen Claffen für diese Unterrichtsstunde zusammen. Es ist daher begreiflich, daß der Lehrer den Kindern gegenüber die Autorität nicht in dem Maße besitzt, und daher auch die Disciplin weit schwieriger ist, als wenn er sie die ganze Unterrichtszeit hat. Ebenso begreiflich ist es, daß die Gedanken der Jugend auf die betreffende Hauptschule (Classe) und ihre dortigen Aufgaben gerichtet sind, die Aufmerksamkeit also nur eine getheilte sein