Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1874-02-24 · 8 (24.2.1874) · p. Seite 58

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
8 (24.2.1874)
Date
1874-02-24
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9588641-9578923-9578992--545-9578994
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

58 die erste Bedingung zur Wiffenschaft — die frei sein muß — ist. Nach all diesem wird es doch jedem objectiven Beobachter ein geradezu unlösbares Räthsel sein, wozu haben solche ausgesprochene Feinde der Wissenschaft eine Stätte dafür — Lucus a non lucendo — gegründet? Daß es ihnen mit der wissenschaftlichen Erfassung des Judenthums und seinen Institutionen unmöglich Ernst sein kann, glauben wir bereits nachgewiesen zu haben; diesem Köder müssen nothgedrungen andere Ursachen zu Grunde liegen. Um den mit der Sachläge minder Vertrauten hierüber Licht zu verschaffen, möge es gestattet sein, auf die Geschichte der letzten zwei Jahre zurückzugehen. Damals wollten die hiesigen Orthodoxen das hier bestehende Beth-Hamidrasch in Verbindung mit einer hier bestehenden ähnlichen Anstalt zu einem sogenannten Seminar umgestalten. Natürlich war Dr. Hildesheimer mit Leib und Seele dafür eingenommen und machte sich in der Angelegenheit viel zu schaffen. Natürlich; betraf sie doch die brennendste Frage des orthodoxen Judenthums, war doch das Interesse der ganzen Zukunft desselben so eng mit dieser Lebensfrage für sie verbunden, war ja die Realisirung eines orthodoxen Seminars, wie er sich auszudrücken pflegte, die wichtigste Sache, die die Juden noch vor ביאת המשיח zu thun hätten — ipsissima verba. — Nun hören Sie und staunen, mit einem Male wirkt Dr. Hildesheimer mit allen zu Gebote stehenden Mitteln gegen die für die gesetzestreuen Juden so hochwichtige Angelegenheit. Und meinen Sie, meine lieben Leser, warum? Siefragen? Ganz einfach. Nun ja, weil das Curatorium des zu gründenden Seminars — bedenken Sie nur einmal diesen außerordentlichen Mangel an Urtheilskraft, diesen hohen Grad von Unzurechnungsfähigkeit — weil das Moratorium, sage ich, Dr. Hildesheimer nicht zum Rector des Seminars ernannt hatte, sondern ihn den anderen zu wählenden Lehrern coordiniren wollre. ודי להכימא ברמיזא Zwar wußte Jeder, und wer besser als er selbst, daß durch das Nichtzustandekommen dieser Anstalt das orthodoxe Judenthum sehr gefährdet würde — wie es auch wirklich der Fall war, da sicherlich nur dadurch (?) die Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums kurze Zeit nachher — natürlich unter fteisinnigen Auspizien — errichtet wurde; — aber, mein Gott, wer kann es von einem frommen Wanne, der doch im Punkte der Bescheidenheit sicherlich unserem Ideale und Lehrer Mose nicht nur nachzustreben, sondern sogar zu übertreffen sucht, alles Ernstes verlangen, daß er so weit von seinem erhabenen Piedestale herunterstiege, um mit Männern, wie — ich will exempli gratia nur Dr. David Cassel nennen — nur coordinirt zu sein. Man denke mit Dr. Cassel nur auf einer Stufe zu stehen — das wäre allerdings zu viel verlangt, das hieße, die Forderung der Bescheidenheit zu hoch gespannt, das hieße ja die Anspruchslosigkeit auf die Spitze getrieben. Zwar ist Dr. Cassel nicht ganz ohne, ist ein großer Gelehrter, hat viele gediegene Werke geschrieben — nun ja, suum cuique! — aber, mein Gott, muß man denn als Gelehrter in der Welt bekannt sein, wissenschaftlich etwas geleistet haben, um die Leitung eines Seminars zu übernehmen und im Lehrercollegium das erste und letzte Wort zu haben? Bei Leibe nicht! — Hat das Curatorium ganz und gar vergessen, daß Dr. Hildesheimer 18 Jahre Director eines Seminars — will sagen einer Rabbinerschule, d. h. in der That einer Jeschiwa — war und da das bewunderungswürdige, in der Geschichte der Pädagogik sicherlich als Unikum dastehende Problem löste, seinen Bachurim in einer Person Elementar- Gymnasial-Realschullehrer und Universitäts-Professor zu sein und — horribile dictu — zu gleicher Zeit eben denselben Schülern Wurst's Sprachdenklehre und Methaphysik, die vier Spezies und Religions-Philosophie, gemeine Brüche und den Akedah, Decimalbrüche und Rhetorik, Homiletik und dazu Physik, Chemie und Mathematik, Geographie, Griechisch und Lateinisch vorzutragen, dabei aber auch als Professor der Theologie und שעור דבי zu sagen. Dabei wurde ihm vom Stuhlrichter und vom Pfarrer zu Eisenstadt, einem ungarischen Marktflecken von 3000 Einwohnern, Zeugniß mit Siegeln, kurz in aller Form gegeben, daß er orthodox ist (cf. Ben Chanania 1858—59, Bericht über die Eisenstädter Rabbinerschule) und dies Alles soll nun das Curatorium einer jüdischtheologischen Anstalt übersehen? 0 tempora, 0 moros! Man kann es ertragen, für eine Säule der Orthodoxie gehalten zu werden, man kann dazu lächeln, wenn man von starrgläubigen, eines frischen Gedankens unfähigen Fanatikern als Retter des Ueberkommenen betrachtet wird, aber wenn Rectorwürde, wenn Liebe zur alleinigen Herrschaft zur Chimäre wird, dann fahre hin uneigennütziges Streben für die Gesammtorthodoxie ׳s? אם אין אני לי מי (Sorg' ich nicht für mich, wer denn?), gehe dann in Trümmer orthodoxes Seminar, zerfalle in Scherben, du wichtiges Werk, das das Judenthum noch vor ביאת ד,משית zu machen hat. לא לי ולא לך יהיה גדודו nicht mir, nicht dir soll es gehören; löst es auf! oder, was daffelbe sagen will, lasset es nicht das Licht der Welt erblicken! Wird ja mein Ehrgeiz doch nicht dadurch befriedigt! — Und so wurde wirklich das Seminar unter dem Curatorium A. H. Heimann, Gottschalk Lewy und N6nd6 ad calcndas graocas vertagt. — Am komischsten ist die Ausflucht, die dann angeführt wurde, um die Schuld vom Exdirector in spe abzulenken. Die Schüler seiner Rabbinerschule hätten nämlich ihm in corpore erklärt, sie würden in das Seminar nur dann eintreten, wenn ״Er" Director wäre. Diese Thatsache wäre selbst unter normalen Zuständen kein begründetes Motiv für die Auflösung einer Anstalt für jüdische Wissenschaft, wir wollen aber dahin gestellt sein lassen, ob das ganze mehr als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.