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Jüdische Volkszeitung · 1874-02-17 · 7 (17.2.1874) · p. Seite 55

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
7 (17.2.1874)
Date
1874-02-17
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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und der Messe, welche Bickell richtig auf das häusliche Peßach- Ritual zurückführt, sind ja eigentlich dem Tempel- und Synagogal-Cultus fremd und können darum auch mit Priester- und Opferdienst keinerlei Zusammenhang haben. Selbst ״Kidusch", welcher den Kelch in den späteren Synagogal- Cultus gebracht hat, gehört eigentlich nicht der Synagoge, sondern der Mahlzeit des Hauses an. Alzey. Dr. R. Feuilleton. Baron Frank, der Kabbalist in Offenbach. Historisch-romantische*) Erzählung von I. (Fortsetzung.) ״Ist er da, mein Sohn?" ״Ja, liebe Mutter! Er ist da und auch sie, seine Tochter." ״Und wie sieht er aus?" ״Wie ich voraus wußte und Dir sagte, liebe Mutter! Du verlangtest, daß ich Dich hierherbegleite, um Dir Dein volles Augenlicht vom ״heiligen Herrn" zu erbitten. Ich habe Deinen Wunsch erfüllt, liebe Mutter! Alles, was Du willst; aber . . . ." ״O, mein Sohn, Du glaubst nicht . . .?" ״Was soll ich glauben? Der Mann ist ein Schwind- .!er; was sollte er anders sein? Er betrügt — vielleicht auch sich selbst. Und seine Tochter . . . ." ״Nun, seine Tochter, die Matronita, von der sie so viel Wunderbares erzählen . . . ." ״Ist ein reizendes, verführerisches Weib. . . Wehe dem, der in ihre Netze fällt; er ist verloren . . . ." Ein Lächeln umspielte das Antlitz der alten, halberblindeten Frau. Sie kannte ihren Sohn; für ihn waren diese Netze ja, leider, nicht gefährlich. Er führte ein einsames, nur dem Studium gewidmetes Leben und Alles, was sonst die Jugend erfreut, reizt und beglückt, war ihm bisher fremd und gleichgültig geblieben. Er suchte nicht den Umgang seiner Altersgenossen. In einem Alter, wo in seinem Vaterlande die jüdischen Jünglinge längst schon Familienväter sind, stand er noch wie völlig theilnahmlos dem anderen Geschlechts gegenüber. Einsam bewohnte er seine ärmliche Studierstube; und die glänzendsten Anerbietungen solcher Väter, die einem solchen ״Charis", einen kampfgeübten Fechter der jüdisch-theologischen Wissenschaften und einen ganz eigenthümlich schönen und kräftigen Mann dabei gerne eine Tochter gegeben hätten, wurden bisher, zum Leid seiner Eltern, streng und kalt abgewiesen. *) Zu unserem Bedauern ist bei den beiden ersten Abschnitten die Bezeichnung ״romantisch" vergessen worden. Es ist übrigens selbstverständlich, daß nur die bekannten äußeren Ereignisse aus dem Leben unseres Helden historisch festgestellt sind. Im Uebrigen ist die poetische Licenz, die Thatsachen nach freier Phantasie zusammenzustellen und durch Hypothesen zu ergänzen, ein berechtigter Anspruch des Erzählers. Redaction. ״Du urtheilst wieder strenge, wie immer, lieber Sohn! Warum bist Du den weiten Weg mitt mir hierher gereist, wenn Du nicht glauben willst, wo alle glauben und vertrauen, die bisher hier waren? O, Du bist — —" Mittlerweile war Chaja, die schlaue Tochter des Heiligen, immer näher gekommen. Die Langeweile und Ermattung, welche wir an ihr bei ihrem Eintreten in den Hof wahrgenommen hatten, war aus ihren Zügen gewichen und hatte einer steigenden Erregung Platz gemacht; sie hatte, wie wir schon ftüher sagten, den jungen Mann bemerkt, dm wir soeben im Gespräche mit seiner Mutter belauschten und er hatte ihr ganz anders gefallen, wie andere Männer. Seltsam! Es warm vielleicht schönere Männer unter den Anwesenden, die mit stechenden, berauschten Blicken auf die wunderbare, reizende und verführerische Mädchengestalt schauten, deren Züge, Kleidüng und Bewegungen durchaus Nichts von einer ״Heiligen" hatten; aber die Anwesenden waren ihr ja allesammt bekannt und gleichgültig. Der junge Mann aber an der Hand seiner alten, und wie sie erst jetzt sah, halberblindeten Mutter, war ihr nicht allein eine neue und ftemde Erscheinung; er war auch etwas ganz Anderes als die Uebrigen. Groß und kräftig gebaut, mit ausdrucksvollen, energischen Gesichtszügen und durchbohrenden Augen voller Feuer — erregte er in ihr ein bisher ganz unbekanntes Gefühl, das sie belebte, befeuerte, so daß die Anwesenden unter sich murmelten: ״Die Mattonita ist heute vom Ruach hakodesch (heiligen Geist) besessen, wie noch niemals." Was war das für eine eigene Art von Ruach hakodesch! Jetzt erhob sie wie gebieterisch ihre Hand und streckte ihren Arm aus; Alles schwieg! Ihren Lippen entsttömten Laute, die Niemand verstand; ihre Augen strömten Feuer, die ganze Gestalt hob sich, Worte stossen aus ihrem Munde, die wohl keinen Sinn und keinen Zusammenhang hatten, aber doch wie tief geheimnißvolle Prophetenworte, für die gläubigen und verzückten Männer wie Gottesstimmen erklangen; sie bewegte sich wie im convulsivischen Zucken vorwärts, breitete ihre Arme aus, riß ihr Vorderkleid auseinander, so daß ihr Oberkörper ganz nackt war; — und so stand, oder vielmehr so bewegte sie sich vor der mittlerweile immer mehr sich vergrößernden Versammlung; vor Männern, die mit irren, unreinen, gierigen Blicken die herrliche Büste fast verschlingen zu wollen schienen; vor Frauen, die beschämt und fast entsetzt die Augen niederschlugen vor der gemeinen Scene, die sich jetzt vor ihnen entrollte, und dem strengen, sittlichen Geiste des jüdischen Leibes ganz widerstrebten. Chaja bewegte sich im Kreise vorwärts; und — jetzt stand sie unmittelbar vor dem jungen Manne, der, die Hand seiner Mutter nicht loslassend, von der ganzen Scene fast unberührt zu bleiben schien.! (Fortsetzung folgt.)

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