Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 7 (17.2.1874)
- Date
- 1874-02-17
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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52 Institutionen möglich wäre und zum Heile führen könnte. Wir sind leider durch die Erfahrung eines Anderen belehrt worden. Einmal haben die politischen Verhältnisse in der Gegenwart, ״der Culturkampf", wie man zu sagen beliebt, unsere Jllussionen grausam vernichtet. Wenn es möglich war, daß die ultramontane Partei im letzten Wahlkampf fast ein Drittel sämmtlicher Wahlstimmen auf ihre fanatischen Vertreter vereinigt; wenn man also sagen kann, daß sicher 4/5 des fanatisirten, vom Clerus irregeleiteten katholischen Volkes auf Seite seiner Pfaffen steht, so ist eine vollständige Trennung des Staats von der Kirche noch lange nicht zu erwarten. Der Staat wird, um seiner selbst Willen, die Zügel strammer halten müssen und der Gegensatz wird sich vielfach nicht als Freiheit, sondern — als Protestantismus, als protestantisches Staatskirchenthum äußern. Wir werden auf diese Gefahr ein andermal zurückkommen; sicher ist, daß sich schon um deswillen das Judenthum vorzusehen hat. — Mehr aber noch hat uns die Kampfesweise der Orthodoxen und ihres Gelichters und Anhanges die Augen geöffnet. Einen Jrrthum einzugestehen, der auf eine bessere Meinung von den Menschen sich gründete, ist gewiß keine Schande. Nun denn, wir glaubten das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Glaubensgemeinschaft so fest begründet im Judenthum, daß wir die Meinung festhielten, es könnten die Herostraten des Judenthums durchaus keinen Anhang finden. Ist ja ״Blut ein fester Kitt" und elende Phrasen, Ausgeburten der Phantaste lichtscheuer Dunkelmänner, sollten den stolzen Bau der Glaubenseinheit zerstören, vernichten, das Bewußtsein, daß wir zusammengehören, wie Kinder einer Mutter und eines Vaters, auch wenn wir in Aeußerlichkeiten auseinandergehen? Wir hielten ein planvolles Hinsteuern auf Trennung der Gemeinden für unmöglich und darum, weil wir die Spreu von den Körnern trennen wollten, hofften wir selbst, das Judenthum würde an Gefühl der Zusammengehörigkeit gewinnen, was es an Personen ohne Gesinnung verlöre; wir hofften sogar Etwas wie den Bruch des Jndifferentismus. Eitle Hoffnung! Wir kannten unsere Leute, aber wir kannten sie nicht genug! Und so sind wir von dem Gedanken der unbedingten Gemeindefreiheit abgekommen; wir hoffen nicht mehr, daß bald die Zeit der unbedingten Gewissensfreiheit zurückkommen werde. Wir wissen jetzt, daß wir es zur Zeit nicht mit Engeln, zuweilen nicht einmal mit Menschen, sondern mit Leuten von teuflischer Gesinnung zu thun haben. Um aber nur ein Bild von der Zerstörung zu geben, die die von der Orthodoxie angestrebte Trennung der Judenheit in zwei oder mehr Confessionen herbeiführen würde, wie sie in das innerste Leben der Familie eingreifen, alle heiligen Bande zerreißen würde, wollen wir heute mittheilen, was man uns soeben erzählt. ״In einem ganz nahe bei Frankfurt liegenden Städtchen^ wohnt ein jüdischer Fabrikant, der seine vier ersten ®öljnejjp * beschneiden ließ; bei seinem kürzlich geborenen fünften SöhtE^ chen unterließ er die Beschneidung aus unbekannten Gründen^ mit Zustimmung seiner Frau, trotz des großen Unwillens seiner ganzen Familie, und all der Beeinflussungen, die man versuchte. Die Frau ist aber eine Schwägerin des Sohnes von Rabbiner Dr. Hirsch. — —" Wir sehen hier, was uns bevorsteht; wie weit die Ansichten in den engsten Kreisen auseinandergehen; wie hier ein Vater eines der heiligsten Gebote des Judenthums Übertritt, der mit einer so streng orthodoxen Familie zusammenhängt. Wie weit müßte da die Trennung und Ausscheidung gehen; in wie viele Atome müßte sich die arme Judenheit scheiden! In Trier haben Rabbiner und Vorstand der Petition über die Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinden so viele, höchst gewichtige Forderungen beigefügt, die sich auf das allereinfachste Recht stützen, daß wir diese Petition mit großer Freude begrüßten. Es ist die Consequenz des einen, vollberechtigtenSatzes: die jüdische Confession wird gleich den christlichen Confessionen vom Staate anerkannt und denselben in allen Beziehungen gleichgestellt. — Was hieraus sich für Cultus, Schule, Religionsbeamten, 1 obligatorischen Religionsunterricht u. dgl. ergibt, ist so selbstredend, daß ein sicheres Rechtsgefühl wohl seine volle Zustimmung geben muß. Hoffen wir den besten Erfolg von * der Zeit und der Gewissensnöthigung, die im ״Culturkampf" auch in dieser Richtung liegt. Ingeküeim. Die Reden, welche bei der Leichmfeier Loewi's von den DO. Neubürger, Orthenau und Lewin gehalten wurden, sind ״in Manuscript gedruckt". Ihr ergreifender Inhalt,und der Schwung, der in ihnen waltet, spricht mehr als Alles, wqs wir sagen und schreiben konnten, von der Größe des Verlustes, den das bayrische Judenthum erlitten. Dr. Neubürger, der Rabbinatsverweser in Fürth, und, wenn wir nicht irren, auch Dr. Lewin, Rabbiner in Nürnberg, also Beide theologische Redner, gehören der ״historischen Schule" an; der Erstere ist ein Zögling des Breslauer Seminars. Es ehrt um so mehr die Redner, daß sie so edle Worte der Anerkennung sprachen. — Vor einigen Jahren besuchte der König von Bayern die Synagoge zu Fürth und seine Unterredung mit Loewi waren ein קדוש השם, denn Dr. Loewi verstand es, den Moment zu ergreifen. Damals brachten die orthodoxen Blätter ellenlange Lärmberichte. Vielleicht ließ sich dadurch Etwas ״fischen". Heute ehren sich die orthodoxen Blätter, indem sie über den Tod Loewi's beredt — schreiben. Herr Dr. Neubürger erhielt aus dem königlichen Cabinette folgendes Schreiben: