Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 7 (17.2.1874)
- Date
- 1874-02-17
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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51 Anen zu finden, die ihre Namen in keiner lebenden Sprache ^schreiben können,*) es nicht einmal können wollen, ja prin- W^piell es als Gottlosigkeit betrachten, das ״Deutsch" zu ver- 'stehen und in ihren Jeschiboth, deren es noch heute nicht wenige gibt und die noch immer frisch wie Pilze aus der Erde aufschießen, mit einem eines Besseren würdigen Eifer diese Maxime zur Geltung bringen, in ihren Gemeinden mit der größten Energie gegen Einführung von Schulen opponiren, mit einem Worte gegen Alles Front machen, was möglicherweise der Bildung eine Thüre zu öffnen, der Wissenschaft Vorschub zu leisten geeignet wäre. Und wahrlich! nicht Dummheit, Kurzsichtigkeit, Mangel an Verständniß der Zeit darf man diesen Orthodoxen zum Vorwurf machen. Im Gegentheil! Gerade sie verstehen die Zeit, kennen ihre Anforderungen, ihre unabweislichen Bedürfnisse ganz genau und gerade deshalb wollen sie nichts mit derselben zu schaffen haben, wollen sich lieber in ihr Schneckenhäuschen zurückziehen, weil sie die Bildung und Wissenschaft als ihre ärgsten Feinde, als ihre unversöhnlichsten Gegner mit Recht betrachten, mit einem Worte, weil sie des Widerspruches zwischen Starrheit, Stabilität, Buchstabenglauben, Orthodoxie und Bildung, Wissenschüft, freier Forschung, ungehemmter Entwickelung des Geistes sich bewußt sind; sie wissen es nur zu wohl, daß, sobald nur eine Schranke durchbrochen ist, sobald sie nur der Elementarschule Coneessionen machen, es mit ihrer Herrschaft zur Neige geht. Es wird uns daher, so horrend es auch für den ersten Moment klingen mag, ganz erklärlich sein, wenn eine mächtige Säule, ein großes Licht dieser Richtung in der ungarischen Judenheit sich geäußert hat: Deutsch Lesen sei der erste Schritt zur Gottesleugnung! Ist das Verrücktheit, so hat sie doch System. Nach unserer Ansicht können die Leute einmal nicht anders handeln. Wenn daher irgend eine Orthodoxie Berechtigung hätte, so wäre es entschieden nur diese; denn diese ist consequent, ist ehrlich, ist eine abgesagte Feindin der Bildung und Wissenschaft, aber auch aufrichtig genug, offen und unumwunden, ohne Rückhalt, ohne Scheu, es zu sagen, so daß Jeder weiß, was er von ihr zu halten habe. Wie sieht es aber mit der sogenannten Neuorthodoxie aus, die besonders im ultramontanen Süddeutschland — charakteristisch genug — ihr Lager aufgeschlagen hat. Welch ein Bild zeigt sich da unseren Blicken! Wir sehen hier allen Anzeichen gemäß ein dem bisher geschilderten diametral entgegen¬ *) Und diese Männer setzen ihre Namen unter die Bannbullen der südwestdeutschen Heißsporne der Orthodoxie, während sie nicht wissen, was sie unterschreiben. Das ist — Sittlichkeit, Religiösität, Wahrhaftigkeit. Man zählt die Namen und wägt sie nicht. So bekommt man eine große Zahl von kleinen Namen: und doch sagt man dann, wenns paßt, wieder: daß in religiösen Dingen die Zahl, die Majorität nicht entscheide. Redaction. gesetzes Wesen. Sind die bisher betrachteten Orthodoxen wenigstens — was wohl Niemand bestreiten wird — große Capacitäten auf dem so schwierigen Talmudgebiete und Allem, was drum und dran hängt — allerdings so weit es das historische Gebiet nicht berührt— so zeigt sich in der deutschen Orthodoxie eine crasse Unwissenheit, geradezu unerhörte Ignoranz auf diesem Gebiete, die aber natürlich durch die peinlichste, ins Minutiöseste gehende Aengstlichkeit, in der strictesten Befolgung jedes Jota im Schulchan-Aruch und der späteren Erschwerer ersetzt werden soll; ein allerdings wohlfeiles Geschäft, den Mangel an Wissen durch Ueberfluß an Werkheiligkeit auszugleichen. Nun ja, lassen wir ihnen dieses Vergnügen; denn nehmen Sie diesen sündigen Menschenkindern ihre Orthodoxie weg — und es bleibt ihnen gar nichts, rein gar nichts übrig, ihre Schulchan-Aruch-Vergötterung ist ihr Alles. Daß diese die größten Fanatiker sind, wer weiß dies nicht; man muß sich ja in Etwas Hervorthun. (Fortsetzung folgt.) Corresponäenz. Ingekkeim. Die Frage ״über den Austritt aus der jüdischen Gemeinde" ist vorläufig von der Tagesordnung des preußischen Abgeordnetenhauses abgesetzt. Die Herren Minister des Cultus und des Innern scheinen nach halbofsiciösen Aeußerungen in politischen Blättern und dem in der ״Jsr. Wochenschrift" veröffentlichten Berichte der Petitionscommission des Abgeordnetenhauses nicht übereinzustimmen. Der Minister des Cultus möchte das Princip der Gewissensfteiheit bei den Juden mit aller Strenge gewahrt wissen und die Massen- Petitionen, welche die Befürchtung des Zerfalls der jüdischen Gemeinden befürchten lassen, würden ihn nicht stören. Er folgt darin Lasker und Lasker folgt — nur sich selbst und seiner persönlichen Anschauung. Doch der Minister des Innern befürchtet eine Benachtheiligung Dritter, d. i. der Gläubiger jüdischer Religionsgemeinden und vielleicht auch angestellter Cultusbeamten und Lehrer und er hat deshalb zuerst bei den Provinzialregierungen zur Begutachtung über diese Angelegenheit angeftagt, und die Entscheidung wird daher noch eine geraume Weile auf sich warten lassen. Es kann hier nicht in Bettacht kommen, was wir persönlich in dieser Beziehung denken und was wir früher geäußert hatten. Als die Hoffnung auf eine vollständige Trennung der Kirche vom Staate, auf eine baldige Klärung der Rechtsverhältnisse aller Religionsgemeinschaften eine wahrhafte und ungeschmälerte Anerkennung der Gewiffensfteiheit einigen Erfolg versprach, glaubten wir das Heil des Judenthums auch in der unbeschränktesten Freiheit zu finden. Wir glaubten und hofften, daß in Deutschland auch die Einführung amerikanischer