Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 7 (17.2.1874)
- Date
- 1874-02-17
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 ziehen. Es hat dies dieselbe Bewandtniß wie mit den aller soliden Basis entbehrenden Gründungen, deren Entstehung doch nur auf den allgemein wohlthätigen großen Aufschwung, den Gewerbe und Industrie gewonnen, zurückzuführen ist; denn wo viel Licht, muß auch viel Schatten sein. Also von einer solchen Gründung neuesten Datums wollen wir des Nähern sprechen. Unsere geehrten Leser werden vielleicht schon errathen haben, daß wir nichts Anderes als die Gründung des orthodoxen Seminars unter Leitung des vr. Hildesheimer in Berlin meinen. Sapienti sat. — — Es ist eine feststehende Thatsache, daß das Gute, Edle, Ideale, Erhabene gerade dadurch an Einfluß, Verbreitung, Zugkraft und Intensität am meisten gewinnt, daß das Alltägliche, Unbedeutende, ja selbst das Gemeine und Schlechte mit allen Mitteln, allem Kraftaufwande danach strebt, gut, edel, ideal, erhaben zu scheinen. So ist es der größte Triumph der Wahrheit, daß selbst die verwerflichste Lüge in ihren Mantel sich hüllt und Alles aufbietet, um für wahr gehalten zu werden. Aus dieser trüben Quelle entspringt auch die Heuchelei, die die Formen, Kleidung, überhaupt alles Aeußere von der Tugend abborgt, um desto leichter, bequemer und ungehinderter sich in die Rolle des wahrhaft Tugendhaften hineinzulügen; das Böse | dient daher dem Guten nur zur Folie, wodurch der Strahlen-! glanz des letzteren um so herrlicher und reiner hervortritt.! Nach dieser Voraussetzung bedarf es keiner großen Schärfe in der Deduction und Dezision, um zu der bereits aufgestellten Behauptung zu gelangen, daß der Sieg des Fortschrittes und der Wissenschaft im Judenthume niemals deutlicher sich zeigen kann, als wenn der Wissenschaft und dem Fortschritte notorisch feindlichen Elemente bereits doch zur Einsicht gelangen oder vielmehr durch das unaufhaltsam rollende Fortschrittsrad der Zeit, durch die eiserne Nothwendigkeit dazu getrieben werden, nicht nur eine Entwickelung anzuerkennen, sondern selbst die Bahnen und Wege, die diese ihnen vorzeichnet, einzuschlagen, gleichsam in die Fußtapfen, die der fortgeschrittene Geist der Zeit ihnen gebieterisch vorzeichnet, zu treten. Zwar sehen die Herren Orthodoxen das Gespenst nicht, das sie an die Wand sich malen, vergessen ganz und gar an den vielsagenden Spruch: ״Spielet nicht mit dem Feuer", meinen vielmehr allen Ernstes, daß sie die Wissenschaft in den Dienst der Finsterniß werden nehmen können; aber wenn sie auch keine Augen haben, dieses einzusehen, sollten sie doch Ohren haben, den Flügelschlag der Zeit nicht zu überhören; sollten sie doch aus der Geschichte der letzten Dezennien erfahren haben, welch ein unversöhnlicher, nie auszugleichender Widerspruch zwischen Stabilität, Stillstand, Stagnation, Tod und Wissenschaft, Entwickelung, kreisender Bewegung und regem pulsirendem Leben ist. — Gehen denn alle Zeiterscheinungen so ganz spurlos, so ganz ohne Lehre an ihnen vorüber? — Sollte doch zum mindesten das seit 20 Jahren bestehenj^^ unter streng conservativen Principien ins Leben getreter^M^M Breslauer Seminar sie hierüber eines Besseren belehrt habH^Dr^ Sie brauchten ja nur die Jahre nachzuzählen und auf Entwickelungsgang desselben ihr Augenmerk zu richten. Wie orthodox war diese Anstalt in den ersten Jahren ihres Be- 4 stehens! Und welch eine Richtung, welch historisch-kritischen Standpunkt nimmt sie jetzt ein; einen Standpunkt, der sich bereits nicht mehr ängstlich umsieht, nicht scheut, wenn er eine Bibelstelle vorurtheilsfrei, historisch auffassen und auslegen soll; eine Richtung, die, während sie in den ersten Jahren schüchtern und zurückhaltend es kaum wagte, über Talmud und Tradition ein offenes, freies Urtheil abzugeben, heute ohne Aufhebens die biblischen Schriften selbst — den Pentai teuch nicht ausgenommen — mit den scharfen Scalpier der Kritik schonungslos secirt und mit ihrer Ätzenden Lauge sie reinigen will (cf. Grätz' Hohelied Koheleth, besonders aber neuestes Geschichtswerk Band I., Heft I.). Ja, wahre Wissenschaft und starres Festhalten am Hergebrachten, an der lieben alten Gewohnheit, die, weil altersgrau, Vielen heilig, unantastbar ist, sind ״die Quadratur des Zirkels", sind eben für immer unvereinbar. In richtiger Erwägung dieser unumstößlichen Thatsache hat die ehrliche Orthodoxie — wie sie in Ungarn, Galizien, Polen und Rußland noch sehr stark vertreten ist — bis auf den heutigen Tag mit geradezu staunenerregender und wenn auch nicht Symt pathie — da wir von diesem Standpunkte כרחוק מזרח ממערב *) entfernt sind — doch mindestens Achtung gebietender Consequenz sich von Allem, was nur irgendwie mit Wissenschaft in die leiseste Berührung kommen könnte, ängstlich und scheu fern gehalten und je ehrlicher, mit desto bewunderungswürdigerer allen Einwirkungen von Außen trotzender Zähigkeit hält sie noch heute diese Richtung für die einzig heilsame und sucht dieses Abschließungs-System mit allen nur erdenklichen und zu Gebote stehenden Mitteln auftecht zu erhalten. Und wahrlich! das muß jeder objective Beobachter sich zugestehen, ausgezeichneten Instinkt besitzen diese Leute für das, was ihren Zwecken zuwiderläuft; auf ein Haar haben es die Rückschrittsleute aller Confessionen vermittelst ihrer merkwürdigen Spürnase gleich heraus, was ihnen zum Heil oder Unheil gereicht, was ihren Zwecken dienlich oder schädlich sein wird. — Es darf uns daher gar nicht wundern, wenn es selbst heute noch nicht zu den Seltenheiten gehört, in Ungarn, Galizien, Polen und Rußland viele sogenannte hochgelehrte Rab- *) Wie Sonnenaufgang von -Niedergang.