Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1874-02-10 · 6 (10.2.1874) · p. Seite 46

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
6 (10.2.1874)
Date
1874-02-10
Page
Seite 46 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9588641-9578923-9578974--531-9578980
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4 — 46 Maschinen, Fabriken, Gütern, Realitäten und soliden Effecten. Er war ein rechtschaffener Geschäftsmann, ein unternehmender Industrieller und behandelte seine Beamten sehr gut. Der Geschiedene erfreute sich seiner Gesundheit bis zum 7. Januar, wo er im Alter von 81 Jahren starb. Vierundzwanzig Stunden vor seinem Tode wurde er vom lutherischen Geistlichen getauft und von seinem Palais aus aus dem christlichen Kirchhof gebracht und dort mit Ehren bestattet. — — Nun möchten die geehrten Leser dieser Zeitschrift wohl fragen, was um alle Welt einen reichen Mann, der 81 Jahre im Judenthum lebte, zu dieser letzten Verfügung ganz eigener Art veranlassen konnte; denn die volle Emancipation, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit findet man doch auch auf dem jüdischen Gottesacker! Gestatten Sie mir eine muthmaßliche Erläuterung. Die jüdische Beerdigungsgesellschaft in Polen besteht aus einigen bemittelten Kaufleuten, Sckänkern und Händlern, deren Aufgabe es ist, die notorisch ganz Armen umsonst zu beerdigen; Andere werden zu Zahlungen von 5 fl. bis zu 100 fl. angehalten. Stirbt jedoch ein Reicher oder ein reich Gedachter, so kommt der gesammte Vorstand der Beerdigungsgesellschaft in einer — Methschänke zusammen, läßt sich hohe Gefäße (Kufen genannt) mit Meth vorsetzen; das Haupt der Familie des Verstorbenen wird eingeladen und das Verlangen des Vorstandes lautet von 1000 fl. bis zu 3000 st. ö. W. Der Handel wird geschloffen unter vielen Witzen, die sich der Leidtragende gefallen lassen muß. — Dann erst wird vom Vorstande beschlossen, in wessen Nähe die Leiche beerdigt werden soll, daß nicht etwa ein Zaddik neben einen ״neuen" Nachbar kommt und, behüte, später, wenn ein Monument gesetzt werden soll, sich in der Nachbarschaft eines Namens oder einer Jahreszahl befindet, die denen gleichen, die bei Geldgeschäften zu benützen wohl üblich sind. Sollte dies dennoch Vorkommen, so wird das Monument zerkratzt, geschändet! Eben ein solcher Fall lag auch vor mit dem Grabstein des gottseligen Direktors der israelitischen Schule! — Diese Unannehmlichkeiten wird der selige(!) Baruch seinen Söhnen ersparen haben wollen! — Und der Mann, der nie Wechselgeschäfte machte, wechselte aus Liebe zu seinen beiden Söhnen am Ende seines Lebens seine Religion. Abraham Gumplowicz. (Das ist abscheuliche Frivolität auf beiden Seiten, die uns in einen unerhörten Abgrund sittlichen und religiösen Verfalls blicken läßt, von dem wir in Deutschland fast keinen Begriff haben! Ein solcher Glaubenswechsel, aus solchen Motiven, im Angesichte des Todes, von einem׳' Greise von 81 Jahren. Redaction.) Kunäscüau. 17. Ingelheim, 1. Febr. Hr. Ferdinand Maye^, Kaufmann von hier, wurde jüngst zum Branddirector (Ober-' sten der Feuerwehr) fast einstimmig erwählt, was um so mehr hervorzuheben ist, als sich zu diesem Ehrenposten christliche Bewerber fanden, während Hrn. Mayer die Stelle ohne sein Zuthun und zu seiner größten Ueberraschung gleichsam aufgedrängt wurde, und derselbe wohl ursprünglich zu den Gründern der Feuerwehr, aber seit längerer Zeit nicht mehr zu den activen Mitgliedern zählte. Es ist diese Wahl eben nur ein Zeichen mehr seiner geachteten bürgerlichen Stellung, die übrigens die meisten hiesigen Israeliten Gottlob theilen. Der Vater des Erwählten, Hr. M. Mayer, ist seit längerer Zeit Mitglied des Gemeinderaths. Fe n i k t e t o n. Baron Frank, der Kabbalist in Offenbach. Htstorische Erzählung von I. (Fortsetzung.) In einem weiten, schmutzigen Gehöfte des schon genannten kleinen podolischen Dorfes, in dessen Hintergrund ein unscheinbares, einstöckiges Haus stand, versammelte sich nach und nach eine große Schaar der Wanderer, welche wir am frühen Morgen dem Dorfe zuwandern sahen. Sie waren sämrntlich ermüdet, bestaubt — und so legten sie sich denn neben einander auf den schmutzigen Boden; — was schadete es auch? schmutziger konnten sie ja doch nicht werden, als sie es bereits waren! Einzelne erfrischten sich an den mitgebrachten Speisen und bald wanderte auch die Branntweinflasche von Hand zu Hand und von Mund zu Mund und die Gesichter rötheten sich, die Augen entflammten sich mehr und mehr, die Aufregung stieg, denn — noch war ״der Herr" nicht erschienen. Und auch die Krone der Versammlungen, die ״heilige Jungfrau", die würdige Tochter des heiligen Herrn, ließ sich noch nicht blicken. Sie ruhten noch — Vater und Tochter — im Innern des Hauses, das die Versammelten scheu betrachteten, es war ja die Wohnung des ״Heiligen". Wir haben einige Zeit, uns den Kreis der Besucher etwas näher zu betrachten. Viele sind nicht fremd in diesen Räumen. Es sind die bekannten, fanatischen Anhänger des heiligen Herrn, die von Zeit zu Zeit erscheinen, um diesem ihren Tribut zu bringen und ihre Verehrung zu bezeugen; andere sind Neulinge, die aus irgend einem besonderen Grunde einmal ihre Heimath verlassen haben, hier Schutz vor irgend einer Gefahr, Hülfe in einer Noth zu finden. Die große Mehrzahl sind starke, rüstige, theilweise junge Männer mit einem, fast dem großen Theil gemeinsamen eigenthümlichen Zug gemeiner Sinnlichkeit im Gesichte, der gepaart ist mit dem Ausdrucke störrigen Fanatismus. Die Frauen sind sehr i : i I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.