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Jüdische Volkszeitung · 1874-02-10 · 6 (10.2.1874) · p. Seite 47

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
6 (10.2.1874)
Date
1874-02-10
Page
Seite 47 (sequence 7)
Language
German
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47 in der Minderzahl; es sind eben nur solche, die einen Leiden- I^Jöen, ein krankes Kind, einen lahmen, blinden oder sonstigen I^^^nken Gatten an der Hand führen und verzagt und traurig Hintergründe des Hofes sich niedergelassen haben. Mehr und mehr wächst die Aufregung in Folge des genossenen Branntweins; lauter und lauter wird das Gespräch; l da öffnet sich die Pforte — und ein Mann tritt heraus, der ein etwa 1?jähriges Mädchen an der Hand führt. ״Der Herr", ״die Matrone", entfährt Allen wie aus einem Munde und — Todesstille herrscht im Kreise. Sie legen ihre Hände auf die Brust und harren geduldig auf das, was kommen soll. Der ״Herr" geht langsam die Reihen entlang, wie ein König, der seine Gäste empfängt, ihm nach das Mädchen, und Beiden folgen Diener, welche auf silbernen, aber schmutzigen Platten und Schüsseln Erfrischungen tragen und wieder Andere mit verschlossenen Büchsen, um die Gaben in Empfang zu nehmen, die reichlich und in Fülle dargebracht werden, so daß bald die Büchsen gefüllt sind. Schor, wir werden den ״heiligen Herrn" ferner mit diesem, ihm zugehörigen Namen nennen, ist eine lange, hagere Gestalt, in einen rothen, schmutzigen Kaftan gehüllt; auf seinem Kopfe thront eine Pelzmütze, wie sie die podolischen Juden nicht tragen, hoch und spitzig, etwas Eigenthümliches, das nur für ihn erfunden zu sein scheint, da es seine ohnehin hohe Gestalt nur noch höher erscheinen läßt. In seinem Gesichte prägen sich dieselben Spuren gemeiner Sinnlichkeit in nur verstärktem Maße aus, wie wir ihn im Gesichte eines Theils seiner Anhänger gefunden haben, verbunden mit einem Zuge verschlagener, abstoßender Verschmitztheit; das ist Alles, was in dem Gesichte eines Mannes zu lesen ist, der einen so großen, unbeschränkten Einfluß auf die fanatische Masse seiner Anhänger und Gläubigen hat. Seine Tochter, Chaja, war eine für sinnliche Naturen reizende Erscheinung. In einem lang herabhängenden losen Kaftan gehüllt, die kohlschwarzen Haarstränge auf den blendend weißen, halbentblößten Schultern kokett und verführerisch wie Schlangen gelockt, trug die ganze Erscheinung den Stempel der Ueppigkeit und der Genußsucht in fast frechem Eynismus zur Schau. Sie war die würdige Tochter ihres würdigen Vaters. Mit einem stieren Blicke der Uebersättigung, der Ermüdung und Verachtung musterte sie die Menge der Gäste. Das waren lauter bekannte Gestalten; sie mußte gähnen.... Doch halt, nein! Wer ist jener junge Mann dort, der seine Mutter an der Hand führt? — — (Fortsetzung folgt.) Mantenffels Vorgänger irr Frankfurt a. M.*) Im Mürz 1734 kam der Fürst von Kufstein nach Frankfurt und forderte von der Judenschaft auf Befehl des Kaisers *) Arch den hebr. Briefen der Baumeister an ihren Agenten in Wien, im Archiv der israelitischen Gemeinde. (Karl IV.) eine Donagratia oder ein Darlehn von st. 100,000. Die Baumeister Leser Trum und Jsaac Speyer stellten dem Fürsten mündlich und schriftlich die durch den Gassenbrand (1711) und andere Unglücksfälle finanziell ruinirten Gemeinde- Verhältnisse vor und daß sie daher durchaus nicht im Stande seien, eine solche Geldsumme weder durch Umlage, noch auf Creditwegen aufzubringen. Kufstein ging aber von seiner Forderung nicht ab und gab vor, er habe die unnachsichtige Mission, seinem Kaiser eine Million Münze heimzubringen. Während 3 Monaten wurde hierüber in Frankfurt und in Wien verhandelt und die Judenschaft gab sich schon der Hoffnung hin, daß ihr Antrag, die alljährlich dem Kaiser zu zahlende Kronsteuer (3000 fl.) auf 10 Jahre voraus zu entrichten, ״die Hitze des Fürsten gedämpft habe", als plötzlich Anfangs Juli Kufstein unter Androhung einer Execution binnen 24 Stunden die Zahlung von st. 100,000 forderte. Da nun die Judenschaft diesem Befehle nicht Folge leisten konnte, so wurden sofort Mittwoch Mittag durch die Stadtmiliz die Eingänge zu den beiden Synagogen gesperrt und somit der Gottesdienst — das religiöse Lebenselement der alten Juden — verhindert, was nun natürlich eine ungemeine Aufregung und Bestürzung verursachte. Sofort wurde per Estaffetten die Hülfe der einflußreichen Männer Sinsheim und Jafa in Wien und des Hoffactors Sander in Braunschweig angerufen, allein es konnte von Kufstein nicht einmal ein Aufschub von einigen Tagen erlangt werden, um den Erfolg des Hülferufs abzuwarten. Er bedrohte die Israeliten mit noch schärferen Executionsmitteln, und der mit diesen beauftragte Magistrat, so hülfreich er auch immer den Juden zur Seite stand, um kaiserliche Erpressungen abzuhalten, konnte hier nicht um seine Beihülfe gebeten werden, weil die Stadt selbst fl. 400,000 zahlen mußte. Es wurde daher mit der Execution fortgeschritten und am 13. Tamus kamen Soldaten mit Schlossern in die Judengasse, um das Frauenbad zu verschließen; ferner wurde mit der Schließung des Friedhofs gedroht und hiergegen noch eine Frist von 24 Stunden zugestanden. In dieser Bedrängniß mußten die Israeliten der Forderung theilweis nachgeben und sie übernahmen st. 70,000 Banealassecuranzen, in 60 monatlichen Raten rückzahlbar. Zur Sicherstellung der Zinsen a 5 °/0 wurde die obengenannte Kronsteuer hypothesirt. Um etwaigen Einreden bei der Rück- Zahlung zuvorzukommen, wurden die Schuldverschreibungen gegen Revers an Wiener Häuser cedirt, wodurch 1756 bei dem Falliment von Sinsheim in Wien die Judenschaft um die Restitution von 20,000 st. dieser Schuldverschreibungen processiren mußte. Die Rückzahlung der 70,000 fl. ist somit nicht nach den stipulirten 60 monatlichen Terminen erfolgt und die durch geheime Mittel erwirkten kürzeren Rückzahlungstermine als die, welche die Stadt erhielt, waren erfolglos. R K.

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