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Jüdische Volkszeitung · 1874-02-10 · 6 (10.2.1874) · p. Seite 42

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
6 (10.2.1874)
Date
1874-02-10
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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— 42 — Wenn demnach der Turiner Vorstand hinsichtlich der Abschaffung des zweiten Feiertages zu dem Mittel der Selbsthülfe griff, so hat er nicht nur Bildung und Intelligenz, sondern auch die historische Wahrheit auf seiner Seite, die hier einmal zu eruiren von um so größerem Interesse sein dürfte, als diese Frage früher oder später auch bei uns aufs Tapet kommen dürfte. Wir versuchen daher den Lesern dieser geschätzten Zeitung, der einzigen, die der freien Meinungsäußerung ihre Spalten öffnet, eine kurzgefaßte Geschichte der Entstehung des zweiten Feiertages zu bieten, damit er sich ein eigenes Urtheil über den Werth, refp. Unwerth des streitigen Punktes bilden kann. Die Berechnung der Monate und Jahre richtete sich im jüdischen Alterthume, wo man die astronomische Wissenschaft und den Kalender noch nicht kannte, nach dem jedesmaligen Sichtbarwerden des Mondes. Sowie nun der erste Schein der Mondsichel sichtbar und von zwei beglaubigten Zeugen entdeckt wurde, machten diese den Oberen des Gerichtspräsidiums (Synhedrion) Anzeige davon, und erklärten vor denselben, daß sie den Neumond (מולד הלבנה) klar und deutlich gesehen hätten. Zu dieser Entdeckung streiften oft ganze Schaaren in den umliegenden Bergen umher, so daß sich einst 80 Männer bei dem Synhedrion einfanden, die Zeugniß über das zuerst erblickte Mondlicht ablegen wollten. (R. Hasch. 1,6.) Dies Verfahren zur Feststellung des Anfangs des Monats nannte man: קידוש החדש על פי הריאה*). Das Präsidium trug jetzt Sorge dafür, daß der Eintritt des Monats sämmtlichen Juden sofort bekannt wurde, da die Feier der Festtage, für die in der Bibel bestimmte Monatstage angewiesen sind, von dem Bekanntwerden des in Jerusalem festgestellten Neu- Mondtages abhing. Da ein Telegraph noch nicht vorhanden und, wie erwähnt, die Bekanntschaft des Kalenders auch noch nicht gemacht war, so half man sich damit, daß man auf dem Oelberge ein Feuersignal gab, das sich dann von Berg zu Berg bis zu den außerhalb Palästinas wohnenden Juden rasch sortpslanzte und ihnen die Kunde von dem Monatsanfang brachte. Diese Art von Verkündigung mußte jedoch später aufgehoben werden, weil die Samaritaner aus Unmuth darüber, daß sie nicht in den Bund des Judenthums aufgenommen wurden, an früheren, unrichtigen Abenden die Feuersignale gaben, um die Juden in die Irre zu führen. Man schickte jetzt Eilboten aus. So weit nun dieselben vor den Feiertagen reichen konnten, wurde überall, wie es die Thora vorschreibt, nur ein Tag gefeiert, in den entfernt liegenden Ortschaften Palästinas aber, und vorzüglich im Auslande, wohin die Boten nicht rechtzeitig gelangen konnten, feierte man zweifelshalber anstatt eines, zwei Feiertage, um so desto *) Heiligung des Mondes durch das Sehen. sicherer den richtigen Feiertag zu begehen. Nur der Ver-!söhnungstag allein wurde nicht verdoppelt. So enfftand der ^״zweite Feiertag der auswärtigen Juden". Die große Unbequemlichkeit, den Monatsanfang nach dem ״Schauen" zu bestimmen, und die noch größere Störung, die die Landwirthschaft durch diese Doppelfeier erlitt, veranlaßte die helleren Köpfe zum Nachdenken, wie diesem Nebel abzuhelfen sei. Samuel Jarchinai wird uns als der Erste genannt, der die Conjunction des Mondes mit der Sonne auf astronomischem Wege erkannte, und hierauf gestützt, einen fesfftehenden Kalender einführen wollte. War er doch — nach dem Standpunkte der astronomischen Wissenschaft seiner Zeit — ״mit den Bahnen der Himmelskörper so vertraut, wie mit den Straßen Nehardea's". Wie nun fast jedes neue Streben, so groß und nützlich es auch sein mag, einen Kampf mit der Bornirtheit und dem schon damals beliebten falschen Conservatismus zu bestehen hat, so erging es auch Samuel und seinem Streben, das als eine ״Neuerung" fast gar keine Beachtung fand. Doch er ließ sich deshalb nicht abschrecken, und noch in seinem Greisenalter schickte er R. Jochanan einen Kalender über die nächstfolgenden 60 Jahre ein, der ihn jedoch an den Verfasser mit der verletzenden Censur zurückschickte: ״Es ist doch nur ein Rechenexempel!" — Erst ungefähr 110 Jahre nach seinem Tode (356 n. d. g. Z.) hörte das ״Schauen" und die Aussendung von ״Eilboten" auf, indem das Streben Samuels allgemeine Anerkennung fand und auf Grund des Zeugnisses: "״) ״אנן בקי בקביע דירחיWir sind mit dem Bestimmen der Monate vertraut") der Kalender eingeführt wurde. Mit diesem Augenblicke hörte jedwede Existenzberechtigung des zweiten Feiertags aus, nach dem auch dem blödesten Sinne verständlichen, logischen Urtheile: ״ ,בטל הטעם במל הדברMit dem Aufhören der Ursache, hört auch die durch sie geschaffene Einrichtung auf". Und dennoch hat sich der rabbinische Feiertag bis auf unsere Zeit erhalten! — Ob es nun ein Gebot der Zeit, eine מצות עשה שהזמן נדמא für diejenigen sei, die sich ausschließlich die Diener der Religion nennen, der Stimme aus Italien Rechnung zu tragen, anstatt sie zu perhorresciren, und dies vorzugsweise im Interesse derjenigen, die die Feiertage aus innerer Ueberzeugung und mit religiöser Wärme noch begehen, aber dieselben reducirt wissen wollen — dies zu bestimmen, überlassen wir dem Urtheile des geschätzten Lesers. Und sollte derselbe den eigenen Eingebungen der Vernunft, so sehr auch die geschichtliche Wahrheit dafür spricht, nicht trauen und einer Auctorität bedürfen, an die sie sich anlehnen kann, so sei hier auch dieser Eventualität genügt. Im Thalm. Hieros. Trakt. Erubin I. heißt es wörtlich also: ״Warum mußte ich in Syrien (״außerhalb Palästinas") zwei Festtage feiern? Weil ich den Einen in Palästina auch nicht

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