Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 5 (3.2.1874)
- Date
- 1874-02-03
- Page
- Seite 38 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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38 aber aus — industriellem, b. h. aus egoistischen Gründen? Ist das Judenthum so reich an Männern, wie Fürst; an Werken, wie die ״Jllustrirte Prachtbibel", dem Schwanengesang eines Meisters, daß man ein solches Werk mit Stillschweigen übergeht? Ist es nicht Pflicht der Presse, die Erzeugnisse der Literatur offen und nach ihrem wahren Werthe, ohne Ansehen der Person, zu würdigen? Ist die jüdische Literatur das Monopol Einzelner, die aus deren Beherrschung ein Geschüft machen; sie unterdrücken, indem sie sie zu heben vorgeben? Wahrheit, Offenheit, Consequenz, Redlichkeit über Alles! Sittliche Grundsätze nur können das neue Judenthum heben und retten! Gehts aber so fort mit Gleißnerei, Heuchelei, Egoismus, da wird Alles faul, מכף רגל ועד ראש. Mag man unsere Worte derb und schroff nennen; wenn man ihnen nur die Wahrhaftigkeit und Selbstlosigkeit nicht abzusprechen vermag. Nun, die ״Jllustrirte Prachtbibel" ist da, vom seligen Fürst etwa bis zur Chronik, von da in seinem Geiste durchgeführt. Es ist ein wahres Prachtwerk in jeder Richtung. Die Uebersetzung, von der wir Proben lieferten, ist so edel und anziehend, wie keine andere der uns bekannten Bibelübersetzungen. Man mag mit Einzelnem nicht übereinstimmen, Einzelnes anders wiedergegeben wünschen, im Ganzen wird man die Weihe des Schriftthums in dieser Uebersetzung erkennen, die sich stets bemüht, das Wort in seiner wahren Bedeutung, ohne Nebengedanken oder Rücksicht, so wiederzugeben, wie es wahrscheinlich von den Propheten und Dichtern gedacht und gefühlt worden ist. Die Erklärungen sind frei, sehr frei, aber sie sind das Werk reichster Forschung, rührigsten Strebens, wahrhaftester, ungekünstelter Ueber- Zeugung. Fürst sagt, was er denkt und fühlt. Daß das die richtige Pietät für das Schriftwort ist, wird jeder überzeugungstreue und wahrhafte Mensch zugestehen müssen. Fort mit den Scheinheiligen, die das Judenthum zu retten vorgeben, weil sie den Mantel des Wunderbaren nur dichter zuziehen, den Schleier des Bildes zu Sais nicht lüften wollen! Der Mensch muß müssen; auch der Gelehrte, der die Schrift deutet, muß wahr sein vor Allem, durchaus wahr und überzeugungstreu! Unsere geschätzten Leser wissen also, was sie hier zu suchen haben. Wenn sie im Stande sind, ihrem Hause, ihrem Familienzimmer ein wahres Prachtwerk, eine Zierde zu geben; wenn sie sich erheben wollen an dem Worte und dem Geiste der heiligen Schrift, so mögen sie die Ausgabe nicht scheuen für diese ״Jllustrirte Prachtbibel". Das Merck hat 1853 Seiten (groß Folio, 231 Bogen), mehr als 100 Separatbilder und nahezu 600 in den Text gedruckte Illustrationen, dabei herrliche Ausstattung in Druck und Papier und kostet 141/2 Thlr. Feuikketon. Baron Frank, der Kabbalist in Offenbach. Historische Erzählung von I. Es war ein wunderlieblicher Maimorgen. Auf den Hügeln Podoliens an den Ufern der Sinotryschah schoben und erhoben sich kleine weiße Nebelflocken, die in der klaren sonnigen Luft bald verflogen, bald sich wieder sammelten, bald wunderliche Gestalten bildeten, die die Phantasie der Beschauer lebhaft beschäftigen konnten. Eine würzige Luft, von den unzähligen Maiblüthen des gesegneten, fruchtbaren Landstriches herrührend, durchfluthete die in üppiger Fülle, Frühlingsfülle, prangende Gegend, und erfreute den Wanderer, trotzdem er bald überzeugt sein mußte, daß hier die Natur mehr aus sich selbst heraus, aus der ihr von Gott verliehenen ureignen Kraft arbeitet, als Menschenhände beitrugen zur ״Früchte Fülle". Der Morgen war noch nicht weit vorgerückt. Die Felder waren noch durchaus menschenleer. Aber auf den schmalen nnd schmutzigen Wegen, welche von den Hügeln ringsherum in das kleine, ärmlich aussehende podolische Dorf führten, herrschte Leben und Bewegung. Man hätte glauben sollen, daß ein Jahrmarkt im Dorfe wäre. Von allen Seiten wanderten Menschen demselben zu, während im Dorfe selbst noch vollständigste Morgenstille zu sein schien. Sie kamen in allerlei Art und Gestalt: Zu Wagen, — wenn man die kleinen zweirädrigen Karren so nennen darf, die mit den kräftig gebauten und gut genährten podolischen Ochsen bespannt waren und nur mühsam in dem tiefen Kothe der schlechten Straße sich sortbewegten; Andere, wenn auch wenige, waren — hoch zu Roß! — Wieder Andere bescheiden zu Fuß, dabei beladen mit schweren Päcken von allerlei Art, — ״denn nicht leer sollen sie erscheinen vor dem Herrn". — Das Ziel für Alle war ein gemeinsames, gleiches, das wußten sie. Doch sprachen sie wenig zusammen, grüßten sich kaum und gingen fast verstohlen an einander vorüber. Wohl schien es, als ob die Männer sich beim Begegnen durch ge- Heime Zeichen verständigten. Aber Niemand sprach ein Wort. Mütter mit jammernden Kindern suchten diese zu beruhigen, Kranke ächzten, Lahme brachten sich nur mühsam weiter; Alle schauten jedoch mit einer gewissen Zuversicht nach dem nahen Dorfe, als wäre ihnen dort die Erlösung sicher. Es war eine wunderliche Wallfahrt. Und eine Wallfahrt war es auch. Aus allen Theilen Podoliens und Bessarabiens strömten die geheimen Sabbatianer, die Getreuen des heiligen Herrn, nach diesem Orte, wo der thronte, der jetzt ihr Erlöser und Meister war. In dem armseligen podolischen Dörfchen, hart an der bessarabischen Grenze, hatte er seine Residenz aufgeschlagen. Um ihn schaar-