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Jüdische Volkszeitung · 1874-02-03 · 5 (3.2.1874) · p. Seite 37

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
5 (3.2.1874)
Date
1874-02-03
Page
Seite 37 (sequence 5)
Language
German
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israelitische Gemeinde Mühlhausen im südlichen Böhmen sich confessionslos erklärte, um einen ihr mißliebigen Rabbiner los zu werden. Die Sache war indessen in dem von Ihnen citirten Blatte. derart dargestellt, daß man sich leicht hätte versucht fühlen können, die genannte Judengemeinde als einen Ausbund von Freisinnigkeit zu preisen. In der Wirklichkeit hat sich aber die Geschichte ganz anders zugetragen und läßt die Judengemeinde Mühlhausen in einem ihrer weit und breit bekannten orthodoxen Engherzigkeit mehr entsprechenden Lichte erscheinen. Der interessante Sachverhalt ist nämlich folgender: Die Gemeinde von Mühlhausen (im südlichen Böhmen) acceptirte vor einigen Jahren einen Rabbiner, der außer den Predigten auch die Leitung des Unterrichts an der israelitischen Schule zu besorgen hatte. Hierbei hatte ihm der Vorbeter, auch Cantor genannt, zu helfen. Anfangs ging Alles gut, und die Gemeinde war mit den Leistungen des Rabbiners zufrieden. Namentlich wurden seine Erfolge als Lehrer von allen Seiten anerkannt. Als er nach einiger Zeit festen Fuß gefaßt zu haben glaubte, faßte der Rabbiner — ein freisinniger Mann — den Plan, die Gemeinde zu resormiren. Er begann die Reform mit freisinnigen Predigten, mit Beseitigung abergläubischer Gebräuche und mit Weglassung von Gebetstellen, welche mit den jetzigen Verhältnissen im crassesten Widerspruche stehen. Nun begann der erste Sturm gegen ihn sich zu regen. Die Gemeinde theilte sich in eine orthodoxe und eine freisinnige Partei. So lange die freisinnige Partei die Leitung der Gemeinde- Angelegenheiten inne hatte, war die Stellung des Rabbiners noch eine haltbare; bald jedoch gewannen die Orthodoxen die Oberhand; es ward aus ihrer Mitte ein neuer Vorstand gewählt und dieser kündigte dem Rabbiner den Vertrag, sperrte ihm den Gehalt, um ihn zum Weggehen zu zwingen. Der Rabbiner, gestützt auf seinen Vertrag, protestirte dagegen, und da die Gemeinde keine genügenden Gründe anführen konnte, weshalb sie die Kündigung vorgenommen, wurde der Proceß, nachdem er zwei Jahre lang alle Administrativbehörden durchlaufen, vom Cultusministerium dahin entschieden, daß die Gemeinde dem Rabbiner nicht kündigen könne, sich jeder Eigenmächtigkeit zu enthalten und allen ihren Verpflichtungen demselben gegenüber nachzukommen habe. — Der Vorstand, mit einer Zähigkeit, wie sie nur orthodoxen Juden eigen ist, recurrirte abermals, indem er behauptete, in Mühlhausen bestehe gar keine israelitische Cultusgemeinde, sondern nur ein Privat-Verein. Dieser Recurs wurde zurückgewiesen, da dadurch, daß in Mühlhausen seit Jahren eine Synagoge und eine israelitische Schule bestehen und daselbst ein Rabbiner und Lehrer angestellt sei, der factische Bestand einer israelitischen Cultusgemeinde nachgewiesen erscheine. Mit diesem endgültigen Bescheide wurde zugleich die Zahlung des Rückstandes und des laufenden Gehaltes abermals aufgetragen, widrigenfalls das Vermögen der Gemeinde exequirt werden würde. Nun stand der orthodoxe Vorstand rathlos da, er wollte um jeden Preis den freisinnigen Rabbi los werden, und so blieb ihm nichts Anderes übrig, als — sich confessionslos zu erklären. Also aus Freisinnigkeit ist dieser Schritt nicht gethan worden, das muß nach dem Gesagten Jedermann einleuchten. Es galt einzig und allein die Befriedigung der Rache an dem Rabbiner. Kein Zweifel, daß der Vorstand den jesuitischen Plan hegt, nach Auflösung des Vertrages sich nicht nur wieder als israelitische Gemeinde zu constituiren, sondern auch wie zuvor den alten orthodoxen und abergläubischen Satzungen anzuhängen. — Es bleibt noch zu erwähnen, daß der so arg verfolgte Rabbiner Vater von vier kleinen Kindern ist und eine kränkliche Gattin hat. Man kann sich nun leicht vorstellen, in welchem Elende er und seine Familie sich befinden müssen, da ihm seit beinahe drei Jahren der Gehalt gesperrt und noch die Zukunft unsicher gemacht ist; auch von dieser Seite lernt man den Jesuitismus des ״confessionslosen Vorstandes" kennen. Aiterarisckes. Ingelheim, im Januar 1874. Wir haben dem jüdisch-deutschen Publikum eine Mittheilung zugleich freudiger und schmerzlicher Natur zu machen. In den letzten Tagen des alten Jahres wurde das 58., d. i. das letzte Heft von "ספרי קדש Jllustrirte Prachtbibel für Israeliten, in dem masoretischen Text und neuer deutscher Uebersetzung mit erläuternden Bemerkungen von Professor Dr. Julius Fürst" ausgegeben. Wir haben das Wachsen dieser Prachtbibel verfolgt und es gereicht uns zur wahrhaften Genugthuung, daß das freisinnige deutsche Judenthum nunmehr ein solches Werk besitzt, welches den Sinn und die Bedeutung der heiligen Schrift ihm nahezubringen geeignet und das zugleich ein wahres nationales Prachtwerk ist. Wem, der ein Herz hat sür wahre Größe, sollte es aber nicht schmerzen, daß der Meister, der das Werk erdacht und es fast bis zu Ende geführt, die Augen schloß, bevor er mit jener heiteren, gerechten Befriedigung, die die auszeichnende Eigenschaft des seligen Fürst und das Zeugniß seiner Seelengrüße war, auf das Werk zurückschauen konnte? — Und wer, der ein Herz hat für den Fortschritt des Judenthums und die Entwickelung seines religiösen Lebens, für die Verherrlichung seines erhabenen Schriftthums, sollte nicht zornvoll und schmerzlich sein Herz bedrückt fühlen, daß noch nicht eine einzige Stimme in der deutsch-jüdischen Presse dieses Werkes | Erwähnung gethan; die Einen aus principiellem Gegensatz, — | und das läßt sich wohl noch eher entschuldigen — die Anderen

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