Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 4 (27.1.1874)
- Date
- 1874-01-27
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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wollen. Auch damit ist Hr. H. im Jrrthum befangen, wenn er bei allen seinen Anhängern an eine reine Gesinnungstüchtigkeit glaubt. Im orthodoxen Lager sind gar Viele, welche sich in dasselbe aus verwandtschaftlichen oder ökonomischen Rücksichten, oder auch blos aus Opposition begeben haben; gar Viele auch, welche fortwährend in Conflict mit den orthodoxen Riten leben. Von äer saar. (Zur Reichstagswahl.) In der circa 60 Familien starken jüdischen Gemeinde zu Illingen, einem Flecken zwischen Saar und Blies, wählten — am Sabbath den 10. d. M. — die israelitischen Staatsbürger, bis auf 2 Mann, welche sich der Wahl enthielten, alle, sage alle: — clerical! — obschon noch zwei andere Candidaten, ein freiconservativer und ein liberaler, aufgestellt waren, die geeignete Auswahl also keine Schwierigkeit bot. Das that die rechtgläubige, fromme, betbrüderliche Kehilla Illingen, die (beiläufig gesagt) in ihrer großen und schönen Synagoge bis heute noch tagtäglich Esehu mekomon sammt Zubehör, und an ״guten" Sabbathen und Feiertagen — unbeschrieen! — alle Piutim und selbst Kraftstellen wie נקום לעינינו und ומח שמו וזכרו ונטה זכורו מלהזכירו mit großer Andacht producirt. Wissen diese guten Leute denn nicht, daß es in unserem schönen Alenu-Gebete, welches aber dort mit großer Ungeduld hergeleiert wird, heißt: שלא (שם) חלקנו כהם וגרלנו ככל המונם ״unser Antheil ist nicht der ihrige und unser (Wahl-) Loos nicht das (Wahl-) Loos ihres großen Haufens?" (Oder ist nach orthodoxer Weise der letzte Theil dieser Stelle, weil שלא שם nicht wiederholt ist — trotz des Binde-1 — als Bejahung zu nehmen?) Zum Schlüsse wird die orthodoxe löbliche israelitische Gemeinde Illingen noch die Fragen erlauben: Heiligt man so den Sabbath? Verherrlicht man so das Judenthum? und — heißt das Vaterlandsliebe geübt, wenn man ultramontan wählt? Das ist die Frucht der heutigen Orthodoxie: sie macht raabenschwarz! (Kein Wunder! es wird wohl anderwärts nicht besser gewesen sein. ״Gleiche Brüder, gleiche Kappen". Wir würden nicht staunen, wenn nächstens Dr. H. oder L. das ״Barett" (den Cardinalshut) oder mindestens einen bekanntlich sehr billigen päpstlichen Orden bekämen. Red.) KunäjUau. 13. Alle israelitischen — anerkannten — Gemeinden Großbritanniens haben in London eine allgemeine Vertretung, den Board of Deputies, einen Centralausschuß. Ein ziemlich verbreitetes deutsches Sprüchwort sagt: ״wie sichs christelt, so jüdelt sichs"; nun ist man vielleicht in keinem Lande der Welt so zäh am Herkömmlichen hängend, als in England, und wie die Nationalkirche in ihrem Wesen ganz dieselbe bleibt, wie sie sich unter Königin Elisabeth gebildet, orthodox, jedem Fortschritt unzugänglich, starr und schroff, — man denke nur an einen englischen Sonntag — so sind auch die englischen Juden in ihrer eminenten Mehrzahl jeder Aenderung des Altherkömmlichen, jeder Verbesserung abhold. Vor etwa 30 Jahren bildete sich in London eine kleine, aber sehr wackere, durch Intelligenz und Wohlstand ausgezeichnete israelitische Reformgemeinde, Berkeley street Congregation genannt — übrigens außerordentlich gemäßigt in ihren Reformen, die aber von den Orthodoxen angefeindet und von ihrer Vertretung ausgeschlossen wurde. Endlich, aber erst nach heftigem, langwierigem Kampfe und gegen eine sehr ansehnliche Minorität, find unsere das Bessere und den Fortschritt anstrebenden Glaubensgenossen in die Reihe der Judengemeinden Englands ausgenommen worden: mit 14 Stimmen gegen 11 ließ der Board of Deputies die Vertreter der Reformgemeinde in seine Mitte zu. 14. Wir hatten schon mehrmals Gelegenheit, auf die Vorurtheilslosigkeit und Gleichberechtigung hinzuweisen, mit welchen unsere Glaubensgenossen in Holland behandelt werden. Zweien katholischen Mitgliedern war es Vorbehalten, in der Volkskammer das hier zu Lande so seltene Beispiel der Intoleranz zu geben. Die HH. Hijdenrijk und Hoffmans sprachen sich tadelnd gegen das Ministerium über die Haltung aus, welche dasselbe gegenüber einer Rede Godefroi's, in Betreff des durch Nichtgeistliche zu ertheilenden Unterrichts, eingenommen hatte. Unter dem Beifall der Kammer, dem sich die Presse anschließt, wies Hr. Godefroi die Angriffe der Ultramontanen gegen die Juden, die sie Fremdlinge zu nennen wagten, energisch in ihre Schranken zurück. 15. In Buenos-Ayres, bei unseren Gegenfüßlern also, sammelten sich am 30. September, Vorabend des Jomkippur, nach ergangenem Auftus, 57 dem Judenthum ungehörige Personen und feierten, zum ersten Male in diesem Theile der Welt, dies hohe Fest. Man speiste gemeinschaftlich, bekleidete sich darauf mit Todtenkleid und Talith, blieb bis nahe um Mitternacht im Gebet, begann damit wieder folgenden Tags um 5 Uhr des Morgens und endete um 9 (?) Uhr des Abends, worauf zur Beendigung des Fastens, nach dreimaligem(?) Schofar-Blasen, ein gemeinschaftliches Mahl die Feier beschloß. Die Versammlung bestand aus Engländern, Deutschen, Polen, Türken und einem Italiener; der Commandant des im Hafen liegenden englischen Dampfers ״Die Newa" war unter der