Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 4 (27.1.1874)
- Date
- 1874-01-27
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
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27 Frankenburger, Mosenthal und wie sie hießen oder Gottlob noch heißen: sie waren Söhne der Cultur, die die Männer begründet und gepflegt haben, die Ihr zu schmähen, zu verdächtigen wagt, die Ihr anfeindetl Sie sind Schüler und Geistesgenossen der Resormrabbiner und ״neumodischen" Lehrer — sagt uns doch, wen Ihr uns liefern würdet, wenn wir unsere Söhne nach Euren Anschauungen bildeten? Aber diese Connivenz der Unsern, unserer Gesinnungsgenossen; dieser Jndifferentismus! Wann wirst Du aufwachen, Löwe Juda, um Dich um Deine Fahne zu schaaren, deren erstes und ewiges Gebot Licht ist? Sind wir die treuen Schüler und Söhne jener Männer — von Mendelssohn bis Loewi? Lebt in uns die heilige Begeisterung für die Sache der Neugestaltung und stetigen Fortbildung des Judenthums? Oder müssen wir uns des Vergehens zeihen, daß wir allzuleicht unsere Lehrer und Vorkämpfer — verlassen und vergessen? — — Es ist traurig, daß wir uns zugestehen müssen: Nein, wir haben die Saat, die jene Edlen ausgestreut, nicht gepflegt und geschützt! Stein hat in diesen Tagen der Synode den Vorwurf gemacht, daß sie hinter die Rabbinerversammlung zurückgegangen. Wir halten treu zur Idee der Synode; wir erblicken in ihr die einzig berechtigte Instanz für die Umbildüng unseres religiösen Lebens; wir wissen und hoffen, daß ihre Zeit wiederkommen wird; wir wissen, daß Rabbinerversammlungen ein Rückschritt wären, auch wenn wir unsere Augen vor der offenkundigen Thatsache verschließen könnten, daß die jungen Rabbinen nicht so sind, wie jene, und nicht, wie sie sein sollten; daß sie nicht den Muth haben, das zu sein, was die Männer der Rabbinerversammlungen waren — sie sind ״Vermittler". Sie leben nicht, sie wollen aber noch weniger sterben für ihre Ueberzeugung, wenn sie überhaupt eine Ueberzeugung haben! — Aber wir müssen auch zugestehen, daß der Vorwurf Stein's begründet ist! Wir dürfen, zur Ehre unserer Vorkämpfer, nicht zurückgehen hinter das, was sie geschaffen. Fortbauen müssen wir! Es ist Zeit, hohe Zeit; denn diese Vorkämpfer, sie gehen zur Neige.- ״Unser Auge füllet sich mit Thränen, unser Herz mit Wehmuth." Heilige Erinnerungen würdiger Vorbilder, gießet Muth und Thatkraft in die Herzen unserer Zeitgenossen: .עת לעשות לה הפרו תורתך Das Andenken der Gerechten sei uns zum Segen. Wir wollen ihre Erinnerung pflegen, ihnen treue Schüler und Nachfolger sein. Corresponäenz. Leipzig, im Januar. Herr Dr. I. Wiener, Secretär des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, hat einen Ruf als Prediger der Congregation of British Jews zu Manchester erhalten und wird sein neues Amt bereits zu Ende dieses Monats antreten. Fjirtk, den 19. Januar. Heute bin ich in der angenehmen Lage, von einem bedeutenden Fortschritt in der Gleich-! berechtigung unserer Glaubensgenossen berichten zu können, ' bie erste Ernennung eines Juden zum Richter, hat den letzten Bruchtheil mittelalterlicher Fesseln in Bayern fallen lassen. Nachdem in fast allen Zweigen des öffentlichen Lebens Juden zur Verwendung gekommen waren, hatte das Justiz- Ministerium bei der Besetzung von Advocaturen und Notariaten zwar erhaben über jedes consessionelle Vorurtheil, doch vom eigentlichen Justizdienste die Israeliten noch immer serngehalten. In Ermangelung einer anderen gesetzlichen Grundläge hatte man sich darauf gestützt, daß die für Richter vorgeschriebene Eidesformel für Juden nicht statthaft, diese aber nur auf verfassungsmäßigem Wege geändert werden kann. Es geschah dies erst im Jahre 1869, indem bei der Einführung einer neuen Civilproceßordnung die Schlußformel dieses Richtereides die kürzere Fassung: ״So wahr mir Gott helfe" erhielt. Nun war nur noch die Geduld und Beharrlichkeit nothwendig, daß ein jüdischer Priester der Gerechtigkeit alle Anerbietungen, ihn zum Notare und Rechtsanwalts zu befördern, ausschlug und auf ein Richteramt aspirirte. Das Verdienst, dieses Opfer gebracht und von dem glänzend bestandenen Staatsconeurs bis zur Anstellung ein volles Decennium und noch darüber ausgeharrt zu haben, gebührtHrn. Max Berlin von hier, seit heute Assessor am königlichen Stadtgerichte in Nürnberg. Er hatte seinen Stolz darein gesetzt, der erste jüdische Richter in Bayern werden zu wollen, und hat auch dem Principe dadurch zum Siege verholfen. Landau i. d. Pfalz. (Schluß.) Unlängst kam uns ein, zwar schon 1869 erschienenes Buch des Herrn Bischofs von Haneberg zu Gesicht: ״Die religiösen Alterthümer der Bibel". Wir können nicht umhin, die umfassende Kenntniß der jüdischen Quellen von Seiten des christlichen Gelehrten und dessen geistreiche Combinationsgabe, besonders in Bezug auf den Bau des Tempels, der hier, unterstützt von Zeichnungen, zu klarster Anschauung gebracht wird, zu bewundern. Nichtsdestoweniger bietet das Buch in anderen Materien der Kritik mannigfache Handhaben. Der Herr Verfasser hält sogar seine früher aufgestellte Ansicht von der feindseligen Lehre des Talmuds gegen Nichtisraeliten aufrecht, trotzdem er unsere Widerlegung*) der Beachtung würdigt, wenn auch insofern modificirt, daß er sie auf einen einzelnen Talmudisten beschränkt, was prin- *) S. m. Sittenlehre des Judenthums anderen Bekenntnissen gegenüber S. 180 ff.