Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 4 (27.1.1874)
- Date
- 1874-01-27
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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י י■ durch die Jeschiba den Weg zur Universität suchen mußten und sich bahnten? Wir erinnern uns in diesem Augenblicke an eine Thatsache, die uns ein Augen- und Ohrenzeuge mitgetheilt; sie mag einen schlagenden Beweis geben, welchen Weg diese Männer zu durchschreiten hatten. — Vor etwa 42 Jahren wurde die ehrwürdige alte Synagoge Fürths umgebaut und am Sabbath vor Roschhaschana in feierlichster Weise wieder ihrer Bestimmung übergeben. Am darauffolgenden Sabbathe, am Sabbath Teschuba, bestieg Dr. Loewi die Kanzel und erklärte hier ״Kraft seines Amtes", daß ״das Barbieren am Chol Hamoed" (an den Halbfesten von Sukkot und Peßach) erlaubt sei! — Von diesen Anfängen der Reform und Regenerirung des Judenthums bis auf unsere Zeit: Welcher Weg, welche Kämpfe! Uns scheinen jene ersten Schritte der noch so schwachen Reform so winzig, so unbedeutend, so nichtssagend; und doch waren sie Wagnisse und die Ausgangspunkte einer übermächtig gewordenen Geistesbewegung! Und wie wurden jene Männer um ihrer Reformbestrebungen willen angefeindet, verfolgt; wie wurde ihnen — und besonders Loewi in dem berüchtigten bairischen Neologenproceß — ihr Leben und Wirken verbittert und erschwert! Welchen Gefahren waren sie ausgesetzt! Und ihre Gegner waren wirklich fromme, im Grunde würdige. Männer, denen es Ernst war, Männer von Wissen und Charakter! Was sind dagegen die scheinorthodoxen Heuchler unserer Zeit? Loewi wurde in der Bezirkssynode vom Jahre 1836 zum Präsidenten erwählt. Als Rabbi Wolf Hamburger, sein unversöhnlicher Gegner, — der früher sein Talmudlehrer gewesen, — eintrat, erhob sich Loewi von seinem Präsidentensitze und sprach: ״DieserStuhl gehört dem Würdigsten, meinem Lehrer." Haben seine Feinde dasselbe Zartgefühl bewiesen? Auf Loewi's Angesicht glänzte die Majestät des Gedankens und des Charakters, jenes hohen, edlen Charakters, der selbst seine Feinde hinriß zu dem bewundernden Ausrufe: Er hat die Gestalt und das Angesicht eines Malach (Engels). Und seinem Aeußeren glich die Kraft seines Wortes, seine seltene Kanzelberedtsamkeit! — Und seinem Reden sein Thun! — Wo sind Ersatzmänner, o Gott? Wenn die Träger der großen Ideen der Regenerirung des Judenthums Einer nach dem Andern ins Grab sinken: wer bleibt uns zum Tröste? Diese Unersetzlichen, die Männer von reichem Wissen und edlem Charakter: חבל על דאבדץ ולא משתכחין! Wie werden sie jetzt im Grabe verlästert werden von Menschen, die sich ״fromm", ״orthodox nennen — und darum das Recht zu haben glauben, Wissen und Charakter zu lästern? Wir erinnern an das Unerhörte, was wir jüngst in Bezug auf Dr. Mayer in diesen Blättern zu berichten hatten. — O, diese Lästerer, die sich die Gesetzestreuen nennen; die heute von Gemeindefteiheit, individueller Freiheit, Ge- Wissensfreiheit, von all und jeder Freiheit faseln, während sie sich bestreben, Geist und Willen, Herz und Hand der Ungebildeten, der urtheilslosen Menge zu fesseln — wen könnten sie uns zeigen, der einem Fürst, einem Mayer, einem Loewi auch in jüdischem Wissen, — wir wollen nicht sagen: gliche oder aufwöge, nein — auch nur bis ״an die Knie" reichte? Was haben denn ihres Gleichen geschaffen? Streit? — Zeigt doch einmal die gelehrten Werke, auf welche Ihr stolz sein könntet; die Schulen, die Ihr gegründet und die Schüler, die Ihr darin in eurem Geiste ausgestellt und die doch dabei Etwas sind für die Gesammtheit! Zeigt unter Euren Gesinnungsgenossen die Männer von Geist und Herz, die mit so hingebender Liebe für das Judenthum gewirkt, die Euch angehören, Euren Worten lauschen, Euren Charakter preisen, wie wir es von Tausenden der Schüler jener selig Entschlafenen sagen können? Da beugen sie jetzt das Knie vor Eduard Lasker, wie vor einem Moschiach, weil er die bekannte Resolution vertritt, die, wie sie hoffen, die jüdische Gemeinde aufzulösen bestimmt ist. Sie preisen ihn in ihren Zeitschriften, nennen ihn ״mit Entzücken", ״mit erhebendem Gefühl" den berühmten Sohn von Judas Stamm; preisen seine Ueberzeugungstreue, | seine Offenheit, Wahrheit (!), Aufrichtigkeit, seinen Charakter.! — Ihr Heuchler! Wie könnt Ihr das wagen, ohne zu er-! röthen? Ist dieser Lasker etwa Einer der Euren? Habt Ihr < seine koscheren Zizith und Thephillin untersucht? Fastet er" jeden Thaanith? Hat er, als er in Frankfurt seine Wahlrede hielt, bei Ullmann gespeist und sich bei Hirsch aufrusen lassen? Gehört er zur einzig wahrhaft jüdischen Gemeinde Berlins, zu der Hildesheimer's? Wie, Ihr preist ihn, damit er Euch helfe, daß Ihr Euch von ihm trennen könnt, weil er ״ein Verbrecher^), ein Verräther ist an seinem jüdischen Herkommen — am jüdischen Gesetze!" — Wir wissen es, daß Ihr Euch drehen und winden könnt nach Eurem Vortheile! — Wir erinnern uns, wie Ihr den todten Rieß er schmähtet, wie Ihr gegen Cromieux Eure giftsprühenden Tiraden versuchtet, weil er in einer Alliancerede, die die Verherrlichung der zehn Worte vom Sinai zum Thema hatte, den vierten Spruch (— vom Sabbath —) — vielleicht vergaß! Alle diese Männer und ihres Gleichen, die sich in der Politik, im Wirken für die Emancipation des Judenthums, in Kunst, Wissenschaft und Literatur auszeichneten oder noch auszeichnen: Kosch, Jacobi, Bamberger, Morgenstern, Auerbach, Kompert, Oppenheimer, t *) In einer Schrift Hirsch's gegen Makower werden die Nichtorthodoxen — Verbrecher genannt!