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Jüdische Volkszeitung · 1874-01-20 · 3 (20.1.1874) · p. Seite 18

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
3 (20.1.1874)
Date
1874-01-20
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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18 des wirklichen Lebens die schließliche Entscheidung geben können." Was haben wir hierauf zu entgegnen? ״Einen gebrechlichen Rohrstab reichst du selbst uns nur, so lange deine Religion des Geistes (-^ Naturreligion, s. oben) nicht mit dem Zusatze sich versieht: ״Religion des Geistes aller Geister"; denn wie sie nur so den Makel von sich abwälzt, eine neue verbesserte Auflage des alten Heidenthums zu sein, also wirst du der Sittlichkeit des Menschen nimmer einen sicheren Halt und Stützpunkt geben, wenn selbige nicht in dem Geiste aller Geister, dem Heiligsten aller Heiligen, dem Urbilds der Vollkommenheit wurzelt, und Er, wie der Ursprung der Geister in allem Fleische, auch das Ideal ist, zu dem sie emporschauen und -ringen in allem Streben und Weben, und in Dessen Gericht gerechtfertigt zu erscheinen, nicht aber der Verwerfung und Verurtheilung werth zu werden, ihres Herzens sehnlichstes Begehren und Wünschen ist. Dünkt dich aber eine Religion dem Geiste unserer Zeit unangemessen, die den Menschen mit seinen Erwartungen und Hoffnungen beständig auf den Himmel verweist, die Erde und ihre ganze Frille ihn aber verachten lehrt, nun so ״frage doch die früheren Tage" und deren Lehr- Meinungen, gehe zur Mutter jener himmelseherischen Religion zurück, welche, der Tochter darin wie in manchem wesentlichen Anderen ganz unähnlich, eine jenseitige Belohnung und Bestrafung des menschlichen Thuns — was ihr oft genug zum herben Vorwurf gemacht worden — nur andeutungsweise von fern ahnen läßt, direct aber lediglich zu einem gottgefälligen segensreichen Wirken auf Erden, zum Heile des eigenen Volkes und der übrigen Menschheit ermuntert und anspornt und den Lohn dafür auch in dem diesseits zu erwartenden Gottessegen verheißt. Hier sind Idealismus und Realismus, Göttliches und Menschliches, Geistiges und Leibliches in trauter Harmonie vereint; hier ist ein einziger Gott, in dem das Allleben concentrirt ist, von dem es fort und fort ausströmt, die von Ihm ausgehende Welt ist, so viele Mängel auch das Einzelne, für sich betrachtet, aufweist, in ihrer Gesammtheit vollkommen (Genes. 1 Schluß), und die Menschheit, der Er auf diesem Erdbälle ihren Wirkungskreis angewiesen, bildet bei aller unermeßlichen Mannigfaltigkeit in Racen, Geschlechlern und Individuen gleichwohl eine symmetrische Einheit (Abstammung von Einem Menschenpaar!), zu der sie, ohne von jener wesentlich Einbuße zu erleiden, in dem einmüthigen, vernunftgemäßen, sittenveredelnden Glauben an den einzigen allheiligen Gott und in allumfassender, von keinem Stand und Rang, von keiner Verschiedenheit der Nationalität sowie der Sitten und Neigungen beeinträchtigten Humanität (Nächstenliebe) sich zusammenschließen soll. Kann sich nicht selbst die erleuchtetste Wissenschaft, der für ihr Forschen und Fortschreiten hier unbegrenzter Spielraum vergönnt ist — da, wie schon oben gesagt, blinder Glaube in keiner Weise gefordert, Denken und Erkennen vielmehr nachdrücklich zur Pflicht gemacht werden — kann nicht auch sie sich mit solch wahrhafter, nicht blos scheinbarer Geistesreligion befreunden, und sollte diese nicht gerade, eben in ihrer verklärtesten Gestalt, diejenige sein, zu welcher (nach Jesaj. 2 und Mich. 4) der Zug der Nationen trotz alles Widerstrebens schließlich sich hinwenden wird? Und was die Furcht vor Internationale und Socialdemokratie anbelangt, so liegen im alten Testamente sicher ebenso wenige als im neuen viele Anknüpfungspunkte für sie, da jenes zwar Allem, was mit Gerechtigkeit und Billigkeit sich verträgt, was der Mildthätigkeit und Barmherzigkeit Vorschub leistet, eiftigst das Wort redet, von socialistisch-communistischer Gleichmacherei und Raubtheorie aber so weit entfernt ist als Ost von West und der Himmel von der Erde. Freiheit und Brüderlichkeit sind seine durchgängigen Principien, Gleichheit aber nur in dem Sinne, daß Alle gleich seien vor dem Gesetz, Alle gleiches Recht und gleiche Pflicht haben, und es trifft auch wohl Vorkehrungen voll Weisheit und Milde gegen die übermäßige Ungleichheit im Besitz, das Ueberhandnehmen des Reichthums auf der einen und des Pauperismus auf der anderen Seite, aber diesen klaffenden Krebsschaden der Neuzeit, durch den jene perversen Theorien recht in Flor und Schwung gekommen, doch deren Grundsätze: Eigenthum ist Diebstahl, aller Besitz muß unter Alle gleich getheilt werden rc., wessen strictere Antipoden, wären sie als der alttestamentlichen Staats- und Sociallehre, die in den zehn Worten, ihrer Verfassungsgrundlage, die Heilighaltung des Eigenthums der des menschlichen Lebens und des Ehebundes unmittelbar zur Seite stellt? Lasset denn, ihr Lichtfreunde! das Licht der Wissenschaft, so hell ihr nur immerhin wollet, hineinstrahlen in das von Sinai und Zion her verkündete Gotteswort, es hat dasselbe so wenig zu scheuen, daß die Rabbinen selbst schon den Ausspruch gethan: Die Lehre Israels kann in unzähligen Weisen beleuchtet werden. Das heißt keinesweges, wie der Verfasser meint, ״neuen Wein in alte Schläuche füllen", denn der Quell, der am Sinai geöffnet worden, er sprudelt ewig lebendig fort, und seine Wasser sind köstlicher als aller Wein menschlichen Wissens für sich allein, das aber mit ihnen imrig vermählt dem Geist die edelste Labung beut." — Die ״Zukunft der Religion" oder die ״Religion der Zukunft" wird daher dem unbefangenen Beobachter nicht aus einer radical neuen Schöpfung hervorgehen, welche nur einem Anlegert der Axt an die Radix der bisherigen menschlichen Entwickelung auf religiösem Gebiete gleichbedeutend wäre, sondern vielmehr auf letzterer durchaus basirend, vor Allem an dem allein vernunftgemäßen, unbeugsamen Monotheismus mit all seinen heiligenden und beseligenden Consequenzen in Moral und Gesellschaft festhaltend, wird sie ihn an der Hand

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