Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 2 (13.1.1874)
- Date
- 1874-01-13
- Page
- Seite 14 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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14 das interessante Capitel und wir haben nur hinzuzufügen, daß uns ein Urtheil über Juden und Judenthum von Dr. Dittes, der als Pädagog in objektiver und psychologischer Weise die Verhältnisse prüft und feststellt, gewichtiger erscheint, als viele von Freitag und Spielhagen, die in ihrenRomanen doch nur ihre subjectiven Gefühle zum Ausdrucke bringen und bei den Lesern und Leserinnen jene Saite zu berühren versuchen, die bei ihnen aus gewissen Gründen schon lange in der lebhaftesten Schwingung versetzt ist. S. Rothschild. (Nur kommen Spielhagen und Freitag in mehr Hände als unser edler Dittes, der nur von der besseren Classe von Lehrern (Pädagogen) gekannt ist und studirt wird. Redaction.) Kunäscüuu. 6. Wien, 29. Decbr. Der bisherige Hosrath im auswärtigen Amte, 1)1׳. Weyl, hat mit einer kaiserl. Auszeichnung die nachgesuchte Versetzung in den Ruhestand erhalten. Hofrath Weyl, ein geborener Württemberger, gehörte zu jener Phalanx streitbarer Geister, welche, wie Biegeleben, Gagern u. A., ״aus dem Reich" in den österreichischen Staatsdienst berufen wurden, um hier ihre Begabung im Dienste der großdeutschen Ideen, wie sie seiner Zeit am Ballhaus-Platze gepflegt wurden, zu verwerthen. Der nun pensionirte Hosrath war in den 50er Jahren Leiter der ״Constitutionellen Zeitung" in Berlin gewesen und von dieser Epoche wohl auch noch in Norddeutschland nicht ganz vergessen. Graf Rechberg zog ihn als deutsche Capacität nach Wien, und da ihm stets ein reger Sinn für gouvernementales Wirken innegewohnt haben mochte, so bereitete ihm der Uebergang aus dem amtlichen Lager des einen Staates in dasjenige des anderen keine besonderen innerlichen Schwierigkeiten. Hosrath Weyl wurde mit der Fabricirung der öffentlichen Meinung, wie sie das damals noch nicht verfassungsmäßige Regiment brauchen konnte, betraut, und seine Leistungen als Preßleiter trugen nicht wenig zur Verschärfung jenes Conslicts zwischen Oesterreich und Preußen bei, der einige Jahre später eine gewaltsame Auseinandersetzung unvermeidlich machen sollte. Unter Beust glaubte man fürs Erste dieser Art des Kampfspiels entrathen zu müssen, und so ward Dr. Weyl in ein ruhigeres Bureau versetzt und mit dem Referat über die französische Presse betraut, während ein anderer College von der Feder, Dr. H. Orges, früher Ches-Redacteur der ״Allgemeinen Zeitung", neben ihm den Bericht über die englische Presse bearbeitete. Dem Glauben seiner Väter war Weyl allezeit treu geblieben, und trotz des ultramontanen Regiments, welches zur Zeit seiner Uebersiedelung in Oesterreich herrschte, war ihm seines mosaischen Bekenntnisses halber nie ein Stein in den Weg gelegt worden. > Noch im Laufe dieses Sommers stand er an der Spitze einer! Deputation, welche dem Schah von Persien das Schicksal der!persischen Juden nahelegen zu müssen glaubte. Nach der Ab-!reise des Schahs machte man die Entdeckung, daß die betreffende! Petition Weyl's und Genossen in den Papierkorb gewandert; war, woselbst sie ungelesen wieder aufgefunden wurde. (K. Z.)! (Weyl war s. Z. der thätige Förderer der württembergischen! israelitischen Kirchenverfassung. Red. d. Jüd. Volksztg.) 7. Der eben in Paris verstorbene Banquier Bischofsheim hat den israelitischen Wohlthätigkeitsanstaltcn 150,000 und der neu zu gründenden Gemeindecasse 50,000 Francs hinterlassen. 8. Mit Freude begrüßt das ״Arch. isr.", und wir mit! ihm, die großmüthige Handlung eines Glaubensgenossen, die abermals beweist, daß das ״jüdische Herz" noch fortwährend warm schlägt und im Judenthume das rechte Verständniß für die Bedürfniffe und Forderungen der Zeit nicht geschwunden i ist: Baron v. Hirsch in Paris, Schwiegersohn des Senators Bischofsheim in Brüssel und Neffe des eben verstorbenen durch seine Wohlthätigkeit ausgezeichneten L. R. Bischofsheim in Paris, Gründer und Präsident des türkischen Eisenbahn- .wesens, hat soeben Eine Million Franken gestiftet, die er ׳ der ״Allianz" zur Verfügung stellt und die zur ״Entwickelung . des Unterrichts der jüdischen Bevölkerung im ottomanischen! Reich" bestimmt ist. Das ist ein edler und wohl angelegter! Gebrauch, der vom Reichthum gemacht wird! Eine Deputation! der Allianz, an ihrer Spitze der Oberrabbiner Isidor und! Crömieux, beglückwünschten Hrn. v. Hirsch und sprachen ihm! in beredten Worten den Dank der Allianz aus. £iterc1rifcftcs. Haber, Dr. Johannes: Der Jesuitenorden nach seinerVerfassung und Doctrin, Wirksamkeit und Geschichte. 564 Seiten. Berlin, Lüderitz'sche Buchhandlung 1873. (Von einem katholischen Lehrer besprochen.) (Lchlnß.) Schließlich ist es noch interessant, zu hören, daß der erste Sturz der Jesuiten, wie ihre zweite Vertreibung aus Deutschland nicht religiöse, sondern ganz weltliche Motive zur Ursuche hatten. Hätte das Wirken der Jesuiten nicht die Pläne Bismarcks gestört, sie hätten das katholische Volk noch lange in die Fesseln der Verdummung schlagen dürfen. Aber es können nicht zwei Königinnen in einem Bienenstände bestehen, eine muß weichen oder sterben. Im Anfang des 18. Jahrhunderts stand der Jesuitenorden aus dem Gipfel seiner Macht, sein Einfluß in Rom war sehr groß, er besaß unermeßliche Reichthümer, trieb großen Handel, hatte in Südamerika einen eigenen fast unabhängigen Staat (Paraquoz),