Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 2 (13.1.1874)
- Date
- 1874-01-13
- Page
- Seite 13 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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13 seines Heimgegangenen Vorgesetzten und der Gemeinde immer zu erfreuen hatte. Möge die Wahl der Gemeinde eine glückliche sein! Das Andenken des Heimgegangenen aber wird immerdar zum Segen bleiben. Worms. Die Nummer 51 der ״Jüdischen Volkszeitung" brachte einen Leitartikel ״Judenfeindliche Schriften" aus der Feder des geehrten Herrn Redacteurs. Die in demselben ausgesprochene Wahrheit wird gewiß von Jedem anerkannt, der die neuen und neuesten Products auf literarischem Gebiete, sowie die Auslassungen der Presse mit nur einigermaßen Aufmerksamkeit verfolgte. Es ließe sich über dieses Thema noch so Vieles schreiben und die in besagtem Artikel angeführten Beispiele könnten noch um einige mehr vermehrt werden; doch lassen wir dies heute und stellen solchen Auslassungen folgende Worte des früheren Schulrathes zu Gotha und jetzigem Direktor des Lehrer-Pädagogiums zu Wien, Di־. F. Dittes, gegenüber. In seinem Werke: ״Geschichte der Erziehung und des Unterrichts", das, nebenbei gesagt, ein vortreffliches Buch ist, schreibt der geehrie Herr Verfasser über die Erziehung bei den Israeliten Folgendes: — — — ״Und so haben wir denn die Israeliten als das einzige wahrhaft pädagogische Volk des semitischen Stammes zu betrachten. Sie allein stehen noch heute als lebendiger Zweig dieses alten Stammes inmitten der großen Völkerfamilie; Jahrtausende hindurch, unter egyptischer, babylonischer, persischer, macedonischer, syrischer und römischer Knechtschaft, unter den Verfolgungen durch Heiden, Christen und Mohamedaner, unter dem Drucke harter Gesetze, unter der Verachtung der Nationen, unter der aussaugenden und entwürdigenden Staatskunst der Regenten haben sie ihr Eigenleben bis auf diesen Tag behauptet; ihre Freiheit, ihre Rechte, ihre Arbeit, ihre Existenz standen fast immer und überall in Frage, ihr Vaterland, fast auch ihre Sprache haben sie verloren: aber ihr Blut, ihren Charakter, ihr Selbstgefühl, ihren Nationalstolz, ihren Glauben haben sie bewahrt. Wenn irgend ein Volk auf dem weiten Erdenrunde, so haben die Israeliten bewiesen, welche Macht einer consequenten Erziehung eigen ist. Nicht die Starrheit des Chinesenthums, sondern die individuelle Selbstständigkeit und Entwickelungsfreiheit ist das Lebens- und Erziehungsprincip der Israeliten. Sie wissen sich in die Zeit, in die Menschen, in die Umstände zu schicken, und unter allem Wechsel des äußeren Daseins ihre Eigenart zu behaupten; sie verschließen sich gegen keine Neuerung, und ihre Geschichte ist im Großen und Ganzen eine Geschichte des Fortschritts, nicht des Rückgangs, der steten Verjüngung, nicht des tödtlichen Siechthums." Nachdem der Verfasser alsdann sich speciell über die Erziehrmg bei den Israeliten äußert, schließt er sein interessantes Capitel mit folgenden Worten: ״Eigentliche Kinderschulen scheinen bei den Juden erst in den letzten Jahrzehnten vor der Zerstörung Jerusalems entstanden zu sein. Zur Wiederaufrichtung des Volksthums auf heimischer Erde konnten dieselben nicht mehr führen; denn mit dem letzten Reste politischer Freiheit ging die Grundbedingung ihres Gedeihens verloren. Doch haben die Juden in der letzten Zeit des Alterthums, sodann durch das ganze Mittelalter hindurch und bis auf die Neuzeit herauf fortwährend eine rege Thätigkeit auf allen Gebieten der Wissenschaft entfaltet. Ueberall, wo sie in größerer Anzahl beisaminen wohnten, nicht blos in Jerusalem, Alexandrien und anderen Städten des Orients, sondern auch in den romanischen und deutschen Ländern, unterhielten sie blühende Akademien, welche die Stellen der späteren Hochschulen vertraten. Allerdings hat auch die jüdische Gelehrsamkeit, ebenso wie im Mittelalter die christliche, ihr scholastisches Zeitalter gehabt, in welchem sich die Geister abmühten, alles Denken und Leben in ein künstliches System theologischer Satzungen zu bauen, während Jugend- und Volksbildung auf bloße Anleitung zu einein rmverstandenen Werkdienst hinauslief. Aber im Ganzen haben die unter allen Völkern zerstreuten Jsraeliten immer eine hervorragende Begabung und ein lebhaftes Interesse für intellectuelle Arbeit an den Tag gelegt, und Jahrhunderte lang sind sie die wichtigsten Pfleger der Wissenschäften: der Mathematik, Astronomie, Medicin, Geschichte, Sprachkunde und Philosophie gewesen. Noch jetzt Zeichnen sich die Juden durch große Regsamkeit auf allen Gebieten des geistigen Lebens aus. Insbesondere ist auch ihre Betheiligung am Schulwesen meist eine sehr eifrige. Die Eltern halten ihre Kinder nachdrücklich zum Lernen an und bekümmern sich sorgfältig um deren Fortschritte; die Kinder stehen nicht selten an Wißbegierde und zähem Fleiße ihren christlichen Schulgenossen voran. Auch an werkthätiger Menschenfreundlichkeit zur Erziehung der vom Schicksale oder von der Natur vernachlässigten Kinder (der Waisen, Tauben, Blinden) fehlt es den Israeliten nicht, wie ihnen überhaupt der Sinn für Humanität nur mit Unrecht abgesprochen werden kann; ist ja doch die humanste aller Religionen aus dein Judenthum hervorgegangen.(?) Und wenn auch dasselbe noch manche Schattenseite als Erbtheil des Stammes und als Wirkung langer Mißhandlung an sich tragen mag, so haben doch die modernen Völker allen Grund, an ihre eigene Brust zu schlagen und mit den Israeliten eine aufrichtige Versöhnung auf Grundlage voller Gleichberechtigung herbeizuführen." Mit diesen Worten schließt f l . 1