Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 2 (13.1.1874)
- Date
- 1874-01-13
- Page
- Seite 12 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Voraus beantwortet, ganz auffallend erscheinen. Wer übrigens, wie der Herr Correspondent, einräuint, daß das Gesetz humanitären Ursprung hat, muß auch der Reform einen Platz zugestehen. ״Wir gehören also nicht zu denen, welche über derartige Gesetze leichtfertig den Stab brechen", ist eine an sich ganz ungerechtfertigte, ja auffallende Reservation. Von solchen Erpectorationen kann sich keine Partei erbaut fühlen, weil der Wissenschaft nicht gedient und das geschichtliche Bewußtsein in keiner Weise alterirt wird. Mich erinnerts au des Dichters Worte: Wer Metaphysik studirt. Weiß, daß, wer verbrennt, nicht friert. Weiß, daß das Nasse feuchtet Und daß das Helle leuchtet. Ach, aus dieses Thales Gründen. Die der kalte Nebel drückt. Könnt' ich doch den Ausgang finden. Ach, wie fühlt' ich mich beglückt. Einer, der wünscht, es möchte zwischen Milch und Fleisch bald Frieden sein! B—n. Fürtk, den 30. December 1873.*) Ein schwerer Vertust hat unsere Gemeinde betroffen, der Rabbiner Hr. Dr. Loewi ist nicht mehr! In der Nacht des 25. d. M. verließ seine edle Seele ihre irdische Hülle, sanft und gottergeben wie sein Leben, war auch dessen Ende על פי נשיקה. Hr. Dr. Loewi war 1803 in Adelsdorf geboren, einem kleinen Orte bei Bamberg, der jedoch die Heimath großer in der Neuzeit berühmter Rabbiner werden sollte. Noch als Knabe bezog Hr. Dr. Loewi die damalige berühmte Jeschiba dahier, wo er zu den hervorragenden Schülern des sel. Rabbi Wolf Hamburger gezählt wurde. Gleich vielen strebsamen Jünglingen seiner Zeit genügte ihm jedoch jüdisches Wissen allein nicht; in schon vorgeschrittenem Alter bezog er das Gymnasium in Bamberg und dann die Universität in München. Nach Beendigung seiner Studien wurde er 1827 zum Rabbiner in Mhl. Uehlfeld und schon nach weiteren 3 Jahren auf den altehrwürdigen Rabbinatssitz hierher berufen. Hier verlebte er in edelster Wirksamkeit für Gott und die Menschheit 43 Jahre des Strebens und Ringens. Seine Richtung war eine freisinnige und sein Charakter ein äußerst humaner. Er war ein Vater der Armen und Bedrängten, half gerne, wo Hülfe uöthig war und fragte dabei nicht lange nach Stand oder Glaubensbekenntniß. Darum gab sich auch bei seinem Hintritte die allgemeinste Theilnahme.kund und das Leichenbegängniß war ein imposantes, wie vielleicht selten. Sonntag Nachmittags 2 Uhr begann der Trauergottes¬ *) Obschon unsere vorige Nummer vom Tode Dr. Loewi's berichtete, bringen wir doch auch diesen Bericht aus der Gemeinde selbst. Redaction. dienst in der Hauptsynagoge, deren Räume so überfüllt waren, daß Tausenden der Einlaß versagt werden mußte. Ein erhebender Gesang eröffnete die Feier und hierauf betrat Herr Dr. Neubürger die Kanzel. Diesen jungen Theologen, der dem Nabbinerseminar in Breslau hervorgegangen war, hatte der Verewigte, als er vor 3 Jahren dem Amte nicht mehr allein vorstehen konnte, nach längerer Wahl zu seinem Adjuncten erkoren, und nun war ihm die traurige Aufgabe zugefallen, den: edlen Greise die letzte Ehre zu erweisen. Er löste dieselbe mit gewohnter Meisterschaft. In glänzender und feuriger Rede, mit tiefempfundenen und tiefergreifenden Worten hob er die Verdienste des Heimgegangenen um die Entwicklung und Hebung des Judenthums hervor. Er erinnerte daran, daß Hr. Dr. Loewi nicht nur wie viele Andere für die äußere Emaneipation der Juden gekämpft, sondern auch, und zwar als der Erste in Baiern, die Nothwendigkeit eurer inneren Emaneipation betrat und den Juden dadurch die Menschenwürde nach langer Erniedrigung zurückerobert, sich selbst aber einen unsterblichen Namen in der Geschichte errungeir hat. Weiter schilderte der Redner das herzgewinnende, innige Wesen des Verlebten, welches versöhnend auf alle Welt und sogar auf seine Gegner wirkte und den Geist religiöser Dilldung in hiesiger Stadt allgemein erzeugte und großzog. Der Erfolg dieser Rede war ein so überwältigender, daß kein Auge thränenleer blieb. Ein würdiger Gesang schloß dann diesen Theil der Feier. Hierauf setzte sich von der Synagoge aus ein unübersehbarer Leichenzug, zusanunengesetzt aus allen Schichten der Bevölkerung, in Bewegung und gleichzeitig ertönten auf Anordnung des Stadtnragistrats alle Glocken der Stadt. Am Grabe ergriff der königliche Notar Hr. Dr. Ortenau, ein hochgeachteter Freund des Verstorbenen und Vorstands- Mitglied der Cultusgemeinde, das Wort. In schwungvoller Rede wies er auf das segensreiche Wirken des Entschlafenen hin, dankte ihm im Namen der Gemeinde und erkannte ihm den Lorbeerkranz des Verdienstes in Verbindung mit der Palme des Friedens zu. Alle, die das Grab umstanden, rührte die begeisterte Rede in der innersten Seele. Noch hielt dann, von seiner Gemeinde hierzu beauftragt, Hr. Dr. Lewin, Rabbiner in Nürnberg, eine gehaltvolle Rede, in welcher er die Vorzüge des Heimgegangenen nach den zwei Seiten des amtlichen Lebens und der persönlichen Tugenden in blumenreicher Sprache schilderte. Die Wunde, welche der Tod unserer Gemeinde geschlagen, ist eine schmerzliche; indessen ist Aussicht vorhanden, daß die Nachfolge im Sinne des Verblichenen geordnet werden wird. Die Verwesung ist einstweilen dem genannten Herrn Dr. Neubürger übertragen, der sich der vollsten Anerkennung