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Jüdische Volkszeitung · 1874-01-13 · 2 (13.1.1874) · p. Seite 10

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
2 (13.1.1874)
Date
1874-01-13
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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10 Anläufen unserer Zeit, nur zu einer Art modernen Heidenthums hinführt. Man urtheile hierüber nach folgender Auslasfung (S. 111 ff.): ״Ist dieser Standpunkt aber überhaupt noch Religion?" Strauß hat darauf geantwortet: ״Ja oder Nein, jenachdem man es verstehen will." Es kommt darauf an, was man unter Religion versteht. Ist Religion, der alten Definition gemäß, irgend eine Art, Gott oder Götter — und zwar im eigentlichen Sinne des Wortes, als göttliche Personen — zu glauben und zu verehren, so haben wir freilich keine mehr. Ist aber Religion überhaupt die Verehrung von Mächten oder einer Macht, welche hoch über unserem Einzeldasein steht, unendlich über dasselbe übergrcift, so haben wir allerdings noch Religion. Diese?Nacht ist das Allleben, aus dem wir hervorgehen, auf dem wir fußen, in dem wir unsere Ewigkeit haben, in dein wir leben, weben und sind. — Dieses Allleben ist zugleich Eins und unendliche Mannigfaltigkeit. Die Heiden haben es sich darum in mehreren oder vielen Göttern vorgestellt, die Juden und Muhamedaner in Einem *) Gott, die Christen in dem Einen, in drei Personen zerfallenden ©ott.**) Wir verehren das All in seiner unfaßbaren Unendlichkeit und Ewigkeit als Eins; wir verehren aber auch die einzelnen Welt- und Lebensmächte in ihrem, im tiefsten Grunde ebenso unbegreiflichen Walten.***) Wir sehen mit immer neuem Staunen und Entzücken den Sternenhimmel an und vernehmen, was die Forscher uns von ihm berichten, bewundern die Gesetzmäßigkeit in seinen Bewegungen, blicken ahnend in das Geheimniß der Unendlichkeit. So schauen wir auch wieder in der Nähe auf unserer Erde auf die Wunder des Naturlebens in seiner unendlichenMannigfaltigkeit, Gliederung und Verkettung, seiner entzückenden Schönheit, seiner Freundlichkeit und Milde, seiner Erhabenheit, ja seinein Schrecken. Im Sonnenschein, im Sturm, im Erdbeben, in Wärme und Kälte, überall bewundern wir es und fühlen uns ihm verwandt, — und wiederum auch in entgegengesetzter Richtung beobachten wir das Kleine, das sich unserer rein natürlichen Wahrnehmung entzieht, mit demselben Erstaunen. Und neben den Gestalten sind es nicht weniger die Alles durchströmenden und zusammenhaltenden Kräfte, die uns in Bewunderung versetzen. Ueberall wunderbares Leben und Weben, dessen Tiefen wir nicht ermessen. — Vor Allem aber fordert unsere Bewunderung und Verehrung der Geist, durch welchen im Menschen das Allleben sich offenbart und in dem unser edelstes Wesen seine Heimath hat. All die hohen (Gedanken, welche die Menschheit in sich *) Jedoch überweltlichen! **) Halb heidnisch. ***) Hier wird alsbald Polytheismus aus dem Naturdienst wie von jeher. erzeugt, die hohen Thaten und Werke, die sie ausgeführt, der ganze große Geiftesreichthuni, den sie aufgespeichert hat und der sie beseelt, sind die Nahrung unseres inneren Lebens und das Feld, woraus wir selbst zu arbeiten und zu fördern suchen. Das Menschenleben, unsere Theilnahme an demselben, unsere Arbeit auf seinem Felde erfüllt und befriedigt uns.*) — Religion ist Verehrung; ^*) wir haben sie gegenüber dem All, der Natur, dem Geiste. Religion ist Idealismus: wir haben ihn im letzterem. Religion ist Hingabe an ein Höheres, Allgemeines: wir haben sie gegenüber allen hohen Geistesmächten, der Wahrheit, dem Guten, dem Edlen und Schönen, der Liebe und Freundschaft, der Familie, dem Vaterlande, dem Menschengeschlechte. Das Alles steht uns weit über unseren blos persönlichen und sinnlichen Interessen, die wir dafür hingeben. Bedeutet Religion nach dem Wortlaute Verpflichtung gegen ein Höheres, im Gegensatz Zur Selbstsucht, so haben wir sie. . . . . Es ist das die ״Religion des Geistes gegenüber der Geistlosigkeit" . . . Dieser moderne Paganismus, wie er sich hier unverhohlen ausspricht, unterscheidet sich von dem antiken wohl durch seine Politur und Würde, indem er sich nicht wie dieser vor den rohen Naturmächten niederwirft und ihnen knechtisch dient, sondern sie nur innerlich verehrt, sowie auch dadurch, daß er überall auf das Geistige und nicht das Liebliche in der Natur den Nachdruck legt, aber Naturanbetung, wie fein geartet immer, bleibt es gleichwohl, und — merkwürdig! — wie hierin eine Selbsterniedrigung unzweifelhaft involvirt, so schlägt diese Anschauung auf der anderen Seite in sträfliche Selbstvergötterung um, wie sich dies beides in nachfolgenden Worten des Verfassers charakterisirt (S. 83 f.): ״Die Wissenschaft hat nicht blos den unermeßlichen Reichthum desNaturlebens aufgeschlossen, sondern auch das innere Wesen derselben in neuem Lichte gezeigt. Dem Christenthum und der Kirche ist die Welt das willkürliche (!) Werk eines von ihr unabhängigen Schöpfers, von ihm ebenso willkürlich (!) regiert, erhalten und vernichtet. ***) Die Wissenschaft dagegen findet in Welt und Natur ewiges Selbst- und Allleben, kein nach Außen hin abhängiges?Nachwerk (!). — Auch der Mensch tritt dadurch in ein wesentlich anderes Verhältnis. Dort eben auch als eür willkürliches (!) Geschöpf des Schöpfers aufgefaßt, von ihm auf die Erde gesetzt, willkürlich begabt und beschränkt, *) Ganz und vollkommen? **) Gottesverehrung! und All, Natur, Geist sind wohl nach heidnischem, aber nicht monotheistischem Sinne (und dieser soll es doch im Grunde sein — Ein Allleben!) Gottheit. ***) Die Natur ist nach der Bibel keine willkürliche, sondern eine mit Weisheit und Güte freiwillig von der Allmacht hervorgebrachte und ebenso regierte und erhaltene Schöpfung!

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