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Jüdische Volkszeitung · 1874-01-06 · 1 (6.1.1874) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
1 (6.1.1874)
Date
1874-01-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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und Bewunderer der Künste und insbesondere der Gesangeskunst, lauschte entzückt auf diese Volksmelodie, die der Knabe so bezaubernd und doch mit so starker Stimme vortrug, daß man es in dem weiten Corridor und im Schloßhof vernahm. Die Prinzessin Anna folgte dem Liede mit verhaltenem Athem — ihr Auge füllte sich mit Thränen, als sie den schönen, so armselig bekleideten Knaben betrachtete, dessen Stimme sich ohne Lehrer so herrlich entfaltete, während alle Mühe und Unterricht es nicht dahin bringen konnten, daß sie ein einigermaßen schwieriges Lied richtig vorzutragen im Stande war. ״Diese Stimme ist ein Schatz, eine Perle, ein Diamant. Und der arme Junge weiß es nicht einmal", murmelte der Fürst. Er griff in seine Tasche — doch ein Gedanke kam ihm. Er hielt zurück. ״Kennst Du den Inhalt des Liedes?" fragte er. ״Nein." ״Und warum zündet Ihr diese Lichter an?" ״Weil — Chanuka ist." ״Ja, aber was ist das— Chanuka? Und warum feiert ihr Juden dies Fest?" ״Durchlaucht, das weiß sicher Rabbi Nathan — unser Chasan und Lehrer." Jetzt griff der Fürst in die Tasche und gab dem Knaben ein großes Geldstück, das dieser verzagt annahm. — ״Singe mir noch einige hebräische oder deutsche Lieder! Kannst Du noch solche?" Der Knabe sang nach Herzenslust, Alles, was ihm beifiel; hebräisch und deutsch; Gesänge der Synagoge und Straßenlieder. Es war sehr spät, als er, von einem fürstlichen Lakaien geleitet, nach Hause zu seiner Mutter eilte und dieser von den wunderbaren Geschichten Mittheilung machte, welche heute ihm begegnet. — Am andern Tage wurde der Knabe wieder ins Schloß berufen — mit seiner Mutter. Rabbi Nathan, der Chasan und Lehrer, sollte auch zugegen sein. ״Warum feiert Ihr Chanuka?" fragte der Fürst. ״Durchlaucht möge uns gnädig sein", sagte Rabbi Nathan, ״das W weil Mathisjahu, der große Priester, das Malchut Jawan geschlagen und einen Krug mit Oel gesunden, der ursprünglich nur für einen Tag bestimmt, doch acht Tage zur Füllung der Menorah im Tempel reichte." ״Ist das Alles?" ״Ja!" ״Wann soll das geschehen sein?" ״Schon lange; ich weiß es nicht, ich kann aber zu Hause Nachsehen." ״Sehet nach, Rabbi. Indessen will ich dieser Frau einen Vorschlag machen. Ich will ihren Sohn unterrichten lassen auf meine Kosten. Seine wundervolle Stimme soll auch ausgebildet werden. Wo meint Ihr, daß man ihn Hinthun soll? Er soll bei seinem Gesetze bleiben." ״Gott segne unseren gnädigen Herrn. Wenn Ew. Durchlaucht es für gut finden, so möge er in die Schule zu A. kommen." ״Ja, das geht. Er kann dort das Gymnasium besuchen. Ich sorge für Alles und bezahle Alles." Jsaac kam auf das Gymnasium und wurde zugleich in Gesang und Musik ausgebildet. Wenn er dann auf Ferien einige Wochen zu seiner Mutter nach L. kam, mußte er fast stets im Schlosse, bei den Prinzessinnen sein. Prinzessin Anna insbesondere zählte die Stunden bis zu seiner Wiederkunft. Wundervoll entfaltete sich seine Stimme und er wurde der Lehrer der Prinzessinnen in der Musik, die in den wenig Tagen seiner Ferien mehr lernten, als von den geschicktesten Lehrern, die im ganzen Jahre sich im Schlosse abmühten. Sechs Jahre waren seit jenem Ereignisse an: Chanukaabende verflossen, als Jsaac wieder zur Ferie nach Haus!׳ kam. Prinzessin Anna empfing ihn mit Thränen tut Auge. ״Ich bin Braut", flüsterte sie, ״ich werde die Gemahlin des Für- : sten R. — in Böhmen. Wenn Du wieder nach Hause konunst, Jsaac, wirst Du mich nicht mehr hier treffen. Die glücklichen, heiteren Tage unseres Jugendlebens, Deine Fericntage, sind für immer vorüber. Wirst Du dieser Tage und in ein er gedenken?" Jsaac küßte bebend die Hand der Prinzessin und eine Thräne fiel darauf. ״Ich werde Ihrer nunmer vergessen", sprach er leise. Von diesem Tage an kam Jsaac fast nicht mehr ins Schloß. Nur einmal noch, am letzten Morgen vor seiner Ab reise, am Schluffe jener Ferientage, sah er die Prinzessin Anna — von ferne; es war ein Mer, letzter Abschieds grüß.-- In den höheren, gesellschaftlichen Kreisen der Hauptstadt Oesterreichs herrschte eines Tages eine große Bewegung. Ein längst berühmter, aber hier noch fremder Sänger sollte heute eine Gastrolle geben. Der Ruf eines großen Künstlers wie eines ganz absonderlichen Menschen ging ihm voraus. ״Denken Sie sich, Durchlaucht, er soll solide sein bis zum Geize; Frauen sieht er nie an, so sehr ihn: diese auch huldigen, denn er ist schön wie Adonis", sagte beim Ankleiden die Kammerfrau zur Fürstin R., die diesem Geplauder stets nur geringe Aufmerksamkeit schenkte; ״und wissen Sie, Durchlaucht, was man noch mehr sagt?" fragte sie leise.

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