Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 1 (6.1.1874)
- Date
- 1874-01-06
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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?י ״Nun, was?" ״Er soll, denken Sie sich, der Mann, der in den höchsten Kreisen Zutritt hat, soll — ein Jude sein." Ein dunkles Roth tiberflog für einen Augenblick das blasse Gesicht der schönen Fürstin. Sie gedachte ihres Jugendfreundes, von dem sie seit ihrer Verheirathung nichts gehört hatte. Sie hatte es nicht gewagt, sich nach ihm zu erkundigen. Ihr Leben war kein glückliches! Wie selten herrscht Glück in den vergoldeten Räumen jener Welt, die sich hoch erhaben dünkt über die gewöhnlichen Sterblichen. Prinzessin Anna hatte durch den Umgang mit dem Juden Jsaac, dem mächtig strebenden und gebildeten jungen Menschen andere Anschauungen in sich ausgenommen; aber in dem Hause ihres hochgeborenen Gemahls, des böhmischen Fürsten, fand sich kein Raum für dieselben. Doch war ihr Herz unbefleckt geblieben. Sie hatte sich nicht betheiligt an dem frivolen Leben in ihren Kreisen: und so stand sie fast vereinsammt inmitten all des Glanzes, der sie umgab. Ihr Gemahl achtete ihre Grundsätze, obwohl ihn ihre strenge Tugend zuweilen beengte; ihr Herz zu fesseln fiel ihm nicht bei. Er ließ sie ihres Weges gehen und vergnügte sich auf seine Weise. — — Der erste Act in der großen Oper sollte eben beginnen, als die Fürstin R. in ihre Loge trat, die ganz dicht beim Proscenium war. Die Worte ihrer Karnnrersrau hatte einen eigenthümlichen Wiederhall gefunden in ihrein Herzen. Gedankenvoll stützte sie sich aus die Brüsturrg ihrer Loge. Sie achtete nicht, was ringsumher im Hause vorging. Der Vor- Hang war ausgezogen worden, die Chöre hatten brillant gejungen — sie wollten dein Gaste Ehre machen, — und wurden mit Beifall überschüttet Jetzt war Alles still, u!rd eine Stimme erhob sich, so voll und rund, so weich und tief! — Wie von einem elektrischen Schlage berührt zuckte die Fürstin schon bei den ersten Lauten auf. ״Jsaac!" ertöiüe es unwillkürlich leise, doch so vernehmbar von ihren Lippen, daß man es auf der Bühne hören konnte. Und es war gehört worden! Der Gastsänger schaute einen Augenblick auf, ein Helles Leuchten glitt über seine ernsten Züge, als er in der Loge vor sich die Fürstin sah und erkannte. — — Aber der Geist der Musik siegte; er blieb fest; — nur leiten schaute er diesen V Abend noch in die Loge, von welcher ein leuchtendes Augenlpaar ihm, seinem Gesänge und Spiele unverivandt folgte. Mber doch fühlte sie, daß die tiefsten, besten und herzigsten ^aute heute nur ihr galten. Doch ward noch nie auf seinem kaiolzen Rundgange über die Bühnen Europas so warmer, un- A^theilter und gerechter Bestall ihm zu Theil. Kunst und es lebe wetteiferten, seinem Spiele und Gesänge die höchste zu fthe zu geben, ihm den Siegel der Vollendung aufzudrücken, oder hatte sich heute selbst übertroffen. — Badh - überX^ck) einigen Tagen wurde der Sänger zum Fürsten R. 7 — geladen. ״Meine Gemahlin glaubt in Ihnen einen Landsmann und Bekannten wiederzufinden", sagte der Fürst; ״ist das wahr?" ״Ich glaube", sagte der Sänger. ״Nun, dann erneuern Sie die Bekanntschaft. Es wird meine Frau freuen. Sie zu sprechen." — Das war ein genußreicher Abend für die Fürstin R. und für Jsaac. Sie vergaßen einen Augenblick die Gegenwart und Zukunft, um sich ganz in die Erinnerungen der Vergangenheit zu versenken. Beim Abschiede sagte die Fürstin: ״Und sie wollen morgen abreisen?" ״Ja, Durchlaucht!" ״Sie haben Recht, Jsaac", flüsterte sie leise. ״Es ist besser so — für uns Beide. Ich möchte Dich — o zürne mir nicht, daß mein Herz sich einen Augenblick in unsere Jugend zurückversetzt — ich möchte Dich wohl noch öfters sehen und sprechen, — aber es darf nicht sein. Das Leben bietet für uns nur — Erinnerungen. Darum gehe und — — gedenke meiner." Der Sänger küßte die Hand der Fürstin und — eine schwere Thräne fiel darauf. ״Wieder diese Thräne", sagte die Fürstin, ״so standest Du mir gegenüber, als ich Dir von meiner Verlobung sprach. Ich, ich darf nicht weinen. Ich bin Fürstin. O, Du bist glücklicher, als ich. Dich trägt die; Kunst und das Entzücken Deiner Zuhörer. Was bleibt mir von all dem Glanze, der mich umgibt? Doch, noch Eins. Ich möchte zur Erinnerung an unser erstes Zusammentreffen Etwas stiften, ein bleibendes Denkmal, dessen Bedeutung zu unseren Lebzeiten nur uns bekannt ist. Wenn wir dann nicht mehr sind — mögen sie erzählen; die Zeiten werden sich ändern und sie werden uns glimpflich beurtheilen, uns vielleicht bedauern — — —" ״Widmen Sie eine — Chanukalampe in die Synagoge zu L., Fürstin! — Ich will für die Kerzen sorgen — —" ״Du hast Recht", sprach die Fürstin. ״Es wird geschehen. Leb wohl, Jsaac. Da, küsse noch einmal die Hand, — aber, hörst Du, keine Thräne. — Doch wieder." — — ״&'& wohl, Anna — — —" Einige Wochen später kam das am Eingänge genannte Kunstwerk in der Synagoge zu L. an. Lange ahnte Niemand den Zusammenhang. Die Fürstin besuchte einige Male das ■ väterliche Schloß und die Heiinath — und stets kam sie zur j Synagoge und verweilte stundenlang vor der Menorah. j Das that später zuweilen auch ein Greis, der still und j einsam in der Nachbarschaft auf einein Landgute lebte, das : er sich gekauft hatte, Niemand kannte ihn. Einmal trafen I wir ihn selbst, sinnend vor der Menorah. Durch ihn soll! auch die Geschichte der Menorah bekannt geworden sein. I Ob's wohl Jsaac gewesen?