Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 1 (6.1.1874)
- Date
- 1874-01-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 die gemeinsten Leidenschaften zu erregen, und so auf den Brettern eine Fortsetzung jener Excesse zu bieten, welche sich im vorigen Frühjahre in der Stadt auf offener Straße abspielten, und die im ganzen gebildeten Deutschland ein so trauriges Auffehen hervorgerufen haben. Nach Briefen, die uns aus Stuttgart zugehen, wurde auf dem Hoftheater bei einem (bereits einmal erwähnten) ״Ballet mit Gesang und Dialog" auch ein Gründer vorgeführt, und, — Terpsichore, verhülle dein Haupt! — es mußte natürlich ein Jude mit der üblichen Adlernase dazu herhalten. Dieser Gründer wird selbstverständlich zur ewigen Hölle verdammt, und die Galerie johlt bei dem noblen Finale. Man mag nun über Gründer und Adlernasen denken, wie man will, — es ist und bleibt ein tadelnswürdiges Beginnen, gegen eine bestimmte Confession zu Hetzen, und dazu noch das Theater für solche brutale Zwecke zu mißbrauchen. Man ist im besseren Publikum Stuttgarts über dieses Verhalten der Hofbühne allgemein entrüstet, und beklagt den Verfall eines Institutes, das oft ein Repertoire von Possen und Schwänken hat, welche absolut für eine Hoff bühne unpassend, und höchstens im Stande sind, einigen Darstellern Gelegenheit zu den abgeschmacktesten und provoeirendsten Masken zu geben. (N. Fr. P.) (Wir erinnern an unseren Leitartikel in Nr. 51.) 2. Dem gegenwärtigen Reichsrathe Oesterreichs gehören nicht weniger als 13 Israeliten an. Fast hätte ein Jsraelite, der 71jährige Rubinstein, den versammelten Herren <׳’־״: ' em Adel- und Bürgerstand, als Alterspräsident, den Eid abgenommen. Aus Bescheidenheit erklärte er ״nix daitsch" zu verstehen und überließ das Präsidium dem 69jährigen Hm. v. Ellvert. 3. Oesterreichische Blätter erzählen von dem eigenthümlichen Processe eines Krakauer Klosters gegen den Polizeicommiffär dieser Stadt: Eine junge Israelitin, Hanna Pollak, entfloh dem väterlichen Hause, 800 fl. mit sich nehmend. Sie verbarg sich Anfangs bei einem Thelegraphen- Beamten; als die Polizei dorten Haussuchung thun wollte, erklärte man: Das Mädchen heiße jetzt Maria Anna, sei getauft und befinde sich im Kloster. Darauf soll der Commissär voll Unwillen ausgerufen haben: ״Wie konnte dieser Taugenichts von Pfarrer es wagen, ein 16jähriges Mädchen zu taufen? Das Kloster ist nur eine Zufluchtsstätte für Taugenichtse und Diebe." Das Kloster klagte ihn der Ehrenbeleidigung an. Drei vernommene Zeugen verwickelten sich jedoch in ihren Aussagen so, daß sie selbst vom Gericht als Hehler und Mitbetheiligte an dem Diebstahle und der Entführung in Anklagestand versetzt wurden. 4. Auch voriges Jahr erkannte die ftanzösische Akademie Hm. Joseph Hallevi für seine Arbeiten über lybische Inschriften den Preis Volney zu. 5. Man bezeichnet es als Curiosität, daß in dem neuen Stücke von Barbier und Gounod, ״Jeanne d'Arc", die Rolle dieser christlichen Heldin von Lia Felix, einer Schwester der berühmten Rachel, dargestellt wird. Oiterarr^ies. Haber, vr. Johannes: Der Jesuitenorden nach seinerVerfassung und Doctrin, Wirksamkeit und Geschichte. 564 Seiten. ן Berlin, Lüderitz'sche Buchhandlung 1873. (Von einem katholischen Lehrer besprochen.) (Fortsetzung statt Schluß.) Das siebente Capitel des Werks behandelt, was die Jesuiten in Wissenschaft und Kunst, besonders aber im Erziehungs- und Unterrichtswesen leisteten. Der Raum verbietet uns näher einzugehen. Nur Einiges sei bemerkt. Ihre Schulen gliederten sich in folgende Stufen: Grammatik mit 3 Classen, Humanität (?!), Rhetorik, Philosophie (?), Theologie. Die alten Sprachen nahmen in den Grammatikalclassen fast alle Zeit und Kraft weg, was in anderen Unterrichtsfächern geleistet worden, war fast Null, sogar dem Religionsunterricht wurde wöchentlich nur eine Stunde gewidmet und diese siel oft aus. In scheinbarem Widerspruch steht damit, daß unsere heutigen Jesuiten, zu denen doch ohne allen Zweifel die jetzigen katholischen Bischöfe zu rechnen sind, sechs und sogar sieben Stunden Religionsunterricht im Lecticnsplan der Volksschulen ansetzen lassen. Der Widerspruch löst sich fteilich, wenn man weiß, daß damit den anderen Lehrgegenstünden, in den Volksschulen, die dort eben nicht in jesuitischer Weise betrieben werden, Zeit und Kraft genommen werden soll. So sehr die Jesuiten sich des höheren Unterrichts bemächtigten, so wenig thaten sie für die Volksschule. Sie wußten, daß das völlig unwissende Volk am leichtesten ihren Listen verfalle. Ueber die Wirksamkeit des Unterrichts der Jesuiten führt der Verfasser mehrere Urtheile berühmter Männer an, z. B. von Leibnitz, Macauley, Ranke, Bako von Verulam, Sturm, Eertesius, Hugo Grotius, Carl Schmid, Buckle. Diese Urtheile lauten theils günstig, theils ungünstig. Das Urtheil des letzten erklärt diesen Widerspruch. ״Wie die Civilisation vorrückte", sagt er, ״verloren die Jesuiten gleich wie alle anderen Hierarchen, die die Welt bis jetzt gesehen hat, an Boden und nicht sowohl wegen ihres eigenen Verfalles, als wegen des veränderten Geistes ihrer Umgebung. Eine Einrichtung, die vortrefflich für eine frühere Form der Gesellschaft paßte, eignet sich schlecht für dieselbe Gesellschaft in ihrem reiferen Zustande. Im 16. Jahrhundert waren die Jesuiten ihrer Zeit voraus, im 18. waren sie hinter ihr zurück." Wenn die Jesuitenschulen oft besser waren als die Gymnasien ihrer Zeit, so ist das noch kein Lob für jene. Gewiß ist, daß Gehorsam, Ordnung