Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 52 (24.12.1873)
- Date
- 1873-12-24
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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f \ — 414 — verfallen war, zum Stillstand zu bringen und ihm einen großen Theil der bereits errungenen Positionen wieder zu entreißen. Der Verfasser weist nach, durch welche Mittel dies geschehen ist. Sie schlichen sich an die Fürsten, weltliche wie geistliche, heran; durch ihr geschmeidiges, schlaues Wesen fanden sie nur zu bald Eingang, wurden Beichtväter und beherrschten die Fürsten, die bald, von den Jesuiten aufgestachelt, alle Mittel anwendeten, in ihren Staaten die Ketzer, besonders die Protestanten, auszurotten. Bekannt sind ja die blutigen Verfolgungen der Waldenser in Savoyen und Piemont, die noch grausameren in Süditalien, das Wüthen des Erzherzogs Ferdinand, des demüthig folgsamen Beichtkindes der Jesuiten in Steiermark, Kärnthen, Kram. Wenn es verneint werden könnte, daß der Orden officiell die Lehre, der Zweck heilige die Mittel, je ausgesprochen habe, so hat noch keine Corporation, kein Diplomat je dieselbe in der Praxis so bis zürn Aeußersten verfolgt, wie der Jesuitenorden. Lüge, Heuchelei und Verrath, List und Gewalt, Gift und Dolch, das alles wurde angewandt „zur größeren Ehre Gottes". Die Ausrottung der Ketzer und die Bekehrung der Heiden durch die Jesuiten beweisen uns das unwidersprechlich. Auch in der laxen Moraldoctrin sind es Theologen des Mittelalters, besonders nach dem Verfasser die Schule des Duns Scotus und auch des Thomas von Otquin, deren Erbschaft die Jesuiten antraten und nur consequenter und bis zum Extrem ausbildeten und anwandten. Der sittenrrnd gewissenvergiftende Probabilismus, wonach der Mensch, wenn mehrere Moralisten sich über die größere und geringere Sündhaftigkeit einer Handlung ausgesprochen haben, sich die Ansicht zur Richtschnur seines Handelns nehmen darf, welche den Fall für eine geringere oder gar keine Sünde erklärt, wurde von thomistischen Theologen zuerst in die Moraldoctrin eingeführt. Erst unr 1600 wurde diese schändliche Lehre von Gabriel Vasquez als Lehrmeinung des Jesuitenorden und zwar anfangs nicht ohne mehrfaches Widerstreben ausgenommen, später aber in einer Weise ausgebild^t, daß wir in einen stinkenden Pfuhl von Jmmoralität zu blicken glauben, wenn wir lesen, wie die angesehensten Jesuiten die einzelnen Sünden aufgefaßt und im Beichtstuhl behandelt wissen wollen. Da wird es erklärlich, daß Könige wie Ludwig XIV., XV. und Consorten, deren Beichtväter Jesuiten waren, das schändlichste Leben, die scheußlichsten Verbrechen mit strenger äußerer Frömmigkeit verbinden konnten. Esbar und Busenbaum haben die Hauptschriften über diese unsittliche Lehre geschrieben, und welchen Eingang sie gefunden, beweisen die unzähligen Auflagen dieser Bücher. Es ist kein Wunder, daß die Jesuiten die beliebtesten Beichtväter waren und heute beim verblendeten Volke noch sind. — Bestanden Wallfahrten, Bilder- und Reliquien-Verehrung, der Gebetsmechanismus des Rosenkranzes und sonstiger religiöser Aberglaube aller Art schon lange in der röinischen Kirche, so sind es doch die Jesuiten, welche alle diese Dinge, die mit wahrer Religion nicht das Geringste gemein haben, wohl aber geeignet sind, diese zu vergiften und zu verdrängen, erst auf die Spitze trieben. Wie die Erfolge ihrer Thätigkeit bald die aller anderen Orden übertraf — mit denen sie, beiläufig gesagt, besonders im ersten und zweiten Jahrhundert ihres Wirkens in beständigem Streite lagen — so sind auch sie es, die den sittenverderbenden religiösen Aberglauben des Volks vorzugsweise auf dem Gewissen haben. Man muß das Werk selbst lesen, das überall die Belegstellen aus den Schriften der Jesuiten selbst anführt, um sich eine Vorstellung von dem machen zu können, was die Jesuiten in dieser Beziehung geleistet haben. Alles Andere wird aber übertroffen von ihrem unsinnigen, unsittlichen, wahrhaft götzendienerischen Mariencultus, zu dem der Stifter der christlichen Religion in seinen: Leben und Wirken wenigstens nicht den geringsten Anlaß gegeben hat. Die Lehre von der unbefleckten Empfängniß und Sündenlosigkeit der Maria haben sie wenigstens von Thomas, ihrem Lehrer, in der Theologie nicht. Die Dogmatisirung dieser Lehre (1854) ist ihr eigenstes Werk. Schon vor 150 Jahren wurden auf ihr Betreiben die Professoren an der Universität Ingolstadt auf diese Lehre verpflichtet. (Schluß folgt.) Feuilleton. David Ein Hand. (Schluß.) Offenes Sendschreiben an Herrn I. Klingenstein Redacteur der „Jüdischen Volkszeitung". Penzing bei Wien, Hauptstraße 54, den 14. Deccmber 1873. Hochverehrter Herr! Als ich Ihnen vor ungefähr drei Viertel Jahren über Ihre wiederholte Aufforderung eine (in einem nichtjüdischen Blatte bereits abgedruckte) Erzählung für Ihre „Jüdische Volkszeitung" zusagte, da hatten wir einen (und wie sich jetzt herausstellt, wichtigen) Punkt ganz aus dem Auge gelassen, nämlich die Frage nach den: Umfange der Erzählung. Sie fragten mich nicht, wie groß dieselbe sei, und ich hatte meinerseits keine Veranlassung, über eine an mich nicht gerichtete Frage eine Auskunft zu ertheilen. Freilich — hätte ich Ihnen die ganze Erzählung sogleich nach unserer ersten Vereinbarung zugesendet, so würden Sie, als erfahrener Redacteur sogleich in die Lage gesetzt gewesen sein, zu beurtheilen, ob meine Erzählung den Raumverhältnissen eines in der Woche nur ein Mal erscheinenden Blattes entspreche; allein, bei meiner