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Jüdische Volkszeitung · 1873-12-24 · 52 (24.12.1873) · p. Seite 415

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
52 (24.12.1873)
Date
1873-12-24
Page
Seite 415 (sequence 7)
Language
German
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gehäuften Beschäftigungen nach mannigfacher Richtung war es mir nicht, leicht möglich, die in der Prager Zeitung erschienene Erzählung rasch zu corrigiren, und da ich Ihnen dieselbe nicht i ohne vorhergegangene Correctur einsenden wollte, so wählte ich das Auskunstsmittel Ihnen die Erzählung parthienweise zu übersenden, und so begann der Abdruck meiner Erzählung „David Einhand" in Ihrer Zeitung und wurde durch einige Monate fortgesetzt, ohne daß Sie von dem äußeren Umfange meiner Arbeit eine genaue Vorstellung hatten. Im Laufe der Zeit, da meine Erzählung durch ungefähr zwanzig Nummern fortschreitend noch immer nicht über die Exposition hinausgekommen war (so z. B. weiß bis jetzt noch keiner Ihrer Leser sich zu erklären, was mit dem Titel „Einhand" eigentlich gesagt sein will), da mußten Sie freilich die Wahrnehmung machen, die Erzählung möchte an Umfang die eng gesteckten Grenzen einer Wochenschrift überschreiten, und Sie schrieben mir, indem Sie eine weitere Sendung des Materials direct an die Buchdruckerei Fischer & Co. in Leipzig beanspruchten, zugleich, Sie hofften, die Erzählung würde mit dem Jahre 1873 zu Ende gehen. Diese Hoffnung zu erfüllen war ich leider nicht in der Lage. „David Einhand" ist im Jahre 1869 im „Prager Abendblatt" (Abendausgabe der „Prager Zeitung") als Feuilleton erschienen. In diesem täglich erscheinenden Journale hat der Abdruck der Erzählung zwei Monate in Anspruch genommen, sie konnte also'in Ihrem - Blatte im Jahre 1873 in keiner Weise zu Ende gebracht ■ werden, wenn ich mich nicht dazu entschloß, mein Werk ganz - speciell im Interesse Ihres Blattes gewaltsam abzukürzen, d. h. ■ zu verstümmeln — und solch einen Kindesmord wird man einem Schriftsteller, der es mit seinen Arbeiten ernst nimmt, wohl nicht zumuthen. Ich schickte daher eine weitere kleine Sendung an die Buchdruckerei Fischer & Co. in Leipzig und schrieb Ihnen über die Unmöglichkeit eines so raschen Abschlusses der Erzählung in dem eben auseindergesetzten Sinne. t Was nun die Sendung an Fischer & Co. betrifft, so ist f § dieselbe bisher in Ihrer Zeitung nicht abgedruckt worden, und * sollte sie in Verlust gerathen sein, so würde ich dies lebhaft d bedauern, Noch mehr aber bedaure ich die aus den eben aus- $ l einandergesetzten Umständen sich ergebende Unannehmlichkeit, * ^in welche Sie, als Redacteur der „Jüdischen Volkszeitung", * den Lesern Ihres Blattes gegenüber versetzt werden. Hoffent- . lich wird die vorausgehende Darlegung des Sachverhaltes ge- . , eignet sein, Sie Ihren Abonnenten und Lesern gegenüber zu (rechtfertigen. Es erübrigt mir nur noch, denjenigen Lesern Ihrer Zeitschrift, welche für meine Erzählung sich etwa wärmer interessiren, über den weiteren Verlauf derselben einige flüchtige Andeutungen zu geben. David gewinnt das Loos; er macht den Haupttreffer. Im Kampfe mit seiner gegen Joine Glück eingegangenen Verpflichtung siegt sein böser Dämon, er verschweigt die Thatsache, um die Hälfte des Vermögens nicht hergeben zu müssen. Daraus ergibt sich zweierlei — er muß jeden Aufwand vermeiden, und es tritt eine Spannung ein zwischen ihm und seinem Wohlthäter. Beides wird ihm unerträglich. Er kann da nicht länger bleiben. Er zieht mit Weib und Kind aufs Dorf hinaus, wo er ein Bestandhaus pachtet. D^s Kind wird aber der Großmutter übergeben, kommt also in die Gemeinde zurück, wächst heran. Reb Joine Glück hat einen Sohn. Eine still aufkeimende Neigung. David aber findet die Ruhe seines Gewissens nicht, Alles erinnert ihn an sein Versprechen und die Nichterfüllung desselben, er hat seine Hand weggegeben, er hat sie Reb Joine Glück gegeben, er hat sie nicht mehr, er hat nur noch Eine Hand. Es tritt, wie man sieht, eine Geistesstörung ein, er hat eine fixe Idee, nämlich die Idee, daß er nur Eine Hand habe. Nach dem Tode der Großmutter kommt das Töchterlein aufs Dorf und hier an einem Sabbathnachmittag liest das Mädchen aus einem alten jüdischen Buche — der Lieblingslectüre der verstorbenen Großmutter — eine wunderbare Geschichte vor, eine Geschichte, die darauf hinläuft, zu zeigen, welch? Folgen die unverbrüchliche Erfüllung einer eingegangenen Verpflichtung nach sich zieht — und diese Geschichte ergreift den kranken Mann außerordentlich, es wird Licht in seinem Herzen, er erkennt, daß er unrecht gehandelt, er erkennt aber auch, daß er das begangene Unrecht noch sühnen könne und dies zu thun, ist nun sein fester Entschluß. Am folgenden Tage fährt er mit seiner Tochter in das Städtchen, seinem Heimathsorte, das wohlgezählte Geld in der Tasche in der festen Absicht, Reb Joine Glück den schuldigen Theil herauszuzahlen. Da sie in die Nähe des Städtchens kommen, winkt ihm von ferne über die Friedhofsmauer herüber der Leichenstein auf dem Grabe seiner Mutter. Er ist wunderbar ergriffen. Sie kommen näher. Ein Leichenzug! Wer ist es? Nun, der Leser errüth es — Reb Joine Glück ist es, den sie zur Erde bestatten. Neuer Schmerz! Aber — Reb Joine Glück hat einen Sohn (wie wir schon wissen); der Sohn ist der Erbe des Vaters. Was er dem Vater nicht mehr leisten kann, das gibt er dem Sohn und — — — noch etwas dazu, seine Tochter nämlich, die dem jungen Manne noch theurer und lieber ist, als der unvermuthete Reichthum. Die Masse psychologischen Details in dieser Erzählung konnte hier natürlich nur in Umrissen angedeutet werden; bis eine neue Serie meiner Erzählungen aus dem jüdischen Leben erscheint, finden meine wohlwollenden Leser wahrscheinlich auch den „David Einhand" wieder. Hochachtungsvoll ergebenst Eduard Kulke.

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