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Jüdische Volkszeitung · 1873-12-17 · 51 (17.12.1873) · p. Seite 406

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
51 (17.12.1873)
Date
1873-12-17
Page
Seite 406 (sequence 6)
Language
German
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406 wie des Menschen und in Folge dessen auch der Ziele und Zwecke des Menschen, wie der Mittel dazu, bildeten das unheilvolle Fundament der Doctrin der Gesellschaft, einer Doctrin, die allerdings nicht blos mit den Lehren der römischen Kirche des Mittelalters und der Neuzeit zusammenhängt, sondern wovon das ganze historische Christenthum in Lehre und Praxis nicht ganz frei ist, was freilich der Verfasser als Altkatholik nicht gerne zugestehen wird. Der Mensch, das freie, selbstbewußte Wesen, ist nicht für sich, nicht nur zur Ehre Gottes da, soll zu größerer Ehre Gottes erzogen werden und wirken; Vernunft und Willen soll er nicht nach in ihm liegenden Gesetzen gebrauchen, nein, nach dem ihm von außen, also durch die Kirche, zukommenden Willen Gottes. Für uns heißt dies: Nach dem Willen von Menschen, welche durch allerlei, nur keine ehrlosen Mittel die geistige Herrschaft über ihre Mitbrüder errungen haben und mißbrauchen. Der Gehorsam ist die höchste Tugend in der römischen Kirche, noch größer als der Glaube, aus unbedingten, blinden Gehorsam ist das Gebäude des Jesuitismus gegründet. Loyola forderte nicht blos den Gehorsam des Willens, sondern auch den des Verstandes. Was der Obere gebietet und denkt, muß für recht und wahr gehalten werden. Möglich ist dies freilich nur, wo noch kein rechter Gebrauch vom Denken gemacht wurde. Auch die anderen Orden forderten den Gehorsam der Untergebenen: aber mit dieser Strenge und Consequenz geschah es nirgends, wie im Jesuitenorden. Wie in einem Kriegsheer hat der Obere nur zu befehlen, ohne Gründe anzugeben, der Untergebene zu gehorchen, ohne nach Gründen zu fragen. So geht es von den Scholarchen, Coadjutoren, Profossen zu den Rectoren, Superioren, den Provincialen und zum Ordensgeneral, der nur der Generalcongregation verantwortlich ist. Jede untere Instanz hat an die obere über Alles ausführlich Bericht zu erstatten; sie selbst wird wieder von Admonitoren und Consultatoren überwacht. Jeder einzelne Jesuit ist verpflichtet, Alles, was er über die anderen erfährt, den Oberen zur Anzeige zu bringen, so daß ein Spionir- und Ueberwachungssystem besteht, wie es kein zweites mehr auf der Welt gibt. Für Dinge, die geheim bleiben sollten, gabs eine geheime vom General bestimmte Zeichenschrift. Die Jesuiten gehörten zu den Bettlerorden. Der Einzelne durfte nichts besitzen, wohl aber dursten sie Nutznießer äußerer Güter sein, wohl aber durfte der Orden in seiner Totalität Güter erwerben, woher es denn kommt, daß die Jesuiten äußerlich die Armuth nicht zur Schau trugen, wie die Mitglieder anderer Orden, daß ihr Orden selbst unermeßliche Reichthümer besaß. Vorn jagt man die irdischen Güter hinaus, um sie durch tausend Hinterthüren nicht blos hereinzulassen, sondern durch alle Mittel der Arglist wieder hereinzuziehen. — (Fortsetzung folgt.) Feuikketon. Die Meuorah zu L. Eine Erinnerung aus alter Zeit. In der Synagoge zu L. befindet sich eine große Menorah*), ein prachtvolles Kunstwerk, das in sonderbarem Contraste steht zu dem kleinen Raume und der übrigen, höchst bescheidenen Einrichtung. Am Fuße des in goldglänzendem Messing kunstvoll ausgeführten Werkes find in hebräischer und deutscher Schrift die Worte eingravirt: Zur Erinnerung von Ihrer Durchlaucht Frau Prinzessin Anna v. L. Wie dieses kostbare Geschenk in die fast armselige Synagoge gekommen war, darüber erfährt man von den jüdischen Bewohnern des Dorfes folgende wahre Geschichte: Es war in einem der letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts, zur Winterszeit, Abends in der Dämmerungsstunde, als auf der stets sehr einsamen Straße zwischen L. und R., die nahe am Mainstrom hinführt, eine ältere und zwei junge Damen spazierten. Sie waren sämmtlich in Pelz und Schleier wohlverhüllt; man sah, daß sie den höchsten Classen der Gesellschaft angehörten an der reichen Kleidung, wie an dem selbstbewußten, stolzen Gange. Die eine der jungen Damen mochte etwa 13 und die andere 11 Jahre zählen. Auf einmal stießen alle drei zu gleicher Zeit einen gellenden Schrei aus. Ein großer Hund, offenbar gereizt durch die bunten Gewänder und die flatternden Schleier der Damen, stürzte auf sie los. Entsetzt wichen sie nach allen Seiten aus; der Hund aber wich nicht von ihrer Seite. Die alte Gouvernante schrie und zeterte, die jungen Damen liefen hier¬ und dorthin — der brummende Hund heftete sich gleichsam an ihre Fersen; und obwohl er offenbar gutmüthiger Natur war und keinen gewaltsamen Angriff zu beabsichtigen schien, so kam die Lage den Damen doch höchst bedenklich, ja furchtbar vor. Sie vermochten sich nicht zu fassen und schrien immer wieder nach Hülfe. In dem Augenblicke der höchsten Noth und Rathlosigkeit stürzte ein Junge von etwa 13 Jahren eilends herbei und auf den Hund, ergriff ihn muthig und mit starker Hand und hielt ihn so fest an seinem Halsband, daß er sich geduldig ergeben mußte. Dabei hatte der Knabe doch nicht vergessen, ehrfurchtsvoll das Haupt zu entblößen. Die Prinzessinnen von L. — denn diese waren es mit ihrer Erzieherin — überschütteten den muthigen Knaben aus sehr geschützter Entfernung mit den denkbar wärmsten Dankesbezeigungen, während dieser stets denselben in bescheidener *) Ein stehender Synagogenleuchter für acht Flammen zum Chanukalicht.

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