Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 51 (17.12.1873)
- Date
- 1873-12-17
- Page
- Seite 405 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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405 192. Der Oberrabbiner Dr. Adler hat vor Kurzem einen Commentar über Targum Onkelos, die berühmte Urübersetzung der Thora, verfaßt. Das Werk ist z. Z. unter der Presse und dem Erscheinen wird ehestens entgegen gesehen. Das geistige Erzeugniß eines so berühmten Talmudisten, wie Dr. Adler in London, wird ohne Zweifel einen werthvollen Beitrag zur biblischen Literatur bilden. 193. In dem kleinen W.d, Unterfranken, hat ein Heiliger, der zugleich dort Lehrer ist, kraft seines Amtes untersagt, daß man am Sabbath Wasser am Brunnen hole; vielmehr darf dieses nur durch die Schabbesfrau geschehen. Wer in der Erfüllung von Religionsgesetzen zu Scrupeln Anlaß gibt, wird von dem guten frommen Herrn in seinem Sabbathvortrage, Schiur, öffentlich getadelt; kurz der Heilige soll ein berühmter Mann sein, unter seinen Füßen ist heiliger Boden! Da sieht man ja, die Cultur bricht sich Bahn. Schade, daß der Ort nicht mehr gekannt ist, Touristen würden gewiß ihre Schritte dahin lenken. 194. Auch aus Paris ertönen neue Klagen über den wieder überhand nehmenden jüdischen Bettel mit meist gefälschten oder dem Mitleid schwachsinniger Rabbiner und Vorsteher erpreßten Papieren. Das Publikum soll unerbittlich gegen diese Bettler sein, da jedes solcher Almosen nur eine Prämie für Landstreicherei und Faullenzerei sei. — Vollkommen einverstanden und: Tont comme chez nous. 195. Ein geachtetes amerikanisches Blatt, der „Washington Chronicle", constatirt zu Ehren der Israeliten, daß unter so vielen Fallimenten in Amerika nicht eine israelitische Bank, nicht ein israelitischer Banquier ihre Verbindlichkeiten unerfüllt gelassen oder auch nur ihre Zahlungen hinausgeschoben hätten. (Auch in Wien und Berlin soll es in dieser Beziehung für die Israeliten gut stehen.) 196. Die sehr schätzenswerthe, seit 15. November eingegangene Zeitschrift „Revue des Deux Mondes" enthielt kürzlich eine (ganz interessante und sehr gut geschriebene) Novelle, Meta Holdini von Cherbuliez, wo alle niedrigen und verworfenen Rollen, Scheinheiligkeit, Heuchelei, Geldgierde, 'Vertrauens-Mißbrauch, Deutschen zugetheilt sind, während Offenheit, Großmuth, Redlichkeit, alles Gute auf Seite der Franzosen lind. So weit kann sich der Volkshaß verirren! 197. Kürzlich wurden durch die Straßen von Tanger (Marocco) vier Eingeborene, darunter ein Jude, auf Eselsrücken geführt und erhielten die Bastonnade. Die drei Araber hatten sich des Diebstahls schuldig gemacht; der Jude hat zweien Frauen seiner Religion mit seinem Dolche mehrere leichte Wunden beigebracht. Man bemerkte, daß die Schläge auf den Rücken des Sohnes Jacob mit größerer Wucht niederffelen, als auf die der drei Muhamedaner. Schon seit langer Zeit wurde keine solche Strafe an einem Juden vollzogen; kein Wunder, daß einige der Glaubensgenoffen über Bedrückung und Verfolgung schrien. („Arch. isr.") 198. Die in California wohnenden Franzosen haben, durch Hrn. Alex. Weil aus dem Hause Gebr. Lazard, Herrn Thiers ein prachtvolles Album überreichen lassen, welches die Products dieses reichen und interessanten Landes zur Darstellung bringt. Literarisckle8. Haber, Dr. Johannes: Der Jesuitenorden nach seiner Verfassung und Doctrin, Wirksamkeit und Geschichte. 564 Seiten. Berlin, Lüderitz'sche Buchhandlung 1873. (Von einem katholischen Lehrer besprochen.) Es ist dies ein Buch von höchst wissenswürdigem Inhalt für Jeden, der ein Interesse an der Culturgeschichte der Menschheit hat. Wie groß war die verderbliche Wirksamkeit der Jesuiten in den letzten 25 Jahren! Welchen Kampf und Sturm hat ihre Vertreibung nicht nur im deutschen Reichstage gekostet, sondern auch in allen Schichten der Gesellschaft verursacht. Kein Zeitungsblatt gab es, das nicht in jeder Spalte von ihnen zu sprechen wußte. Und doch, wie Wenige sind es im Volke, die ihre Verfassung, ihre Lehre, ihre Tendenzen, ihre Wirksamkeit nur oberflächlich kennen. Allen, die mit einer der einflußreichsten, außerordentlichsten Erscheinungen der Geschichte nicht genauer bekannt sind, können wir das angezeigte Buch angelegentlichst empfehlen. Es wird ihre Einsicht in das Wesen der Geschichte der Menschheit sicher bereichern und nicht selten modificiren. Uns ist unter den neueren Werken über die Jesuiten keines bekannt, das lichtvoller, lebendiger und, was nicht zu übersehen ist, zugleich unparteiischer das unheilvolle Wirken dieser Gesellschaft schilderte. Neu ist in demselben der Nachweis des genetischen Zusammenhangs, in welchem Lehre und Tendenz des mittelalterlichen Popalsystems und seiner Affilirten mit dem Jesuitenorden stehen. Ueberall macht der Orden diese Tendenzen, die Mittel, sie zu verwirklichen, zu den seinen, verschärft sie, treibt sie auf die Spitze, fügt zu den Mitteln neue und übertrifft an Consequenz, an Rührigkeit , Ausdauer, Aufopferung alles Dagewesene. Wahrlich, wären seine Ziele echt menschliche, der Orden wäre des höchsten Preises würdig. Das Buch behandelt in neun Capiteln die Gründung, Verfassung, kirchlich-politische Wirksamkeit des Ordens; die Machtstellung innerhalb der katholischen Kirche, die Heidenmission, die Doctrinen und die religiöse Praxis; Unterrichts- und Erziehungswesen, Wissenschaft und Kunstrichtung; den Jansenismus und die Aufhebung durch Clemens XIV. — Die fasche Auffassung des Wesens Gottes,