Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 51 (17.12.1873)
- Date
- 1873-12-17
- Page
- Seite 407 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 407 — Entfernung folgen mußte — denn der Hund, obgleich er sich nach und nach beruhigte, war doch nicht von der Spur abzudringen. Und so folgte denn der Knabe mit dem Hunde den Damen bis vor das Schloßthor — wo dieser sich frei machte und querfeldein seinen Weg nahm. Die Prinzessinnen waren alsbald von den Hoflakaien umringt, und rühmten nun get waltig den Muth des Jungen und nöthigten ihn, mit ins Schloß, in ihr eigenes Kinderzimmer einzutreten. Jsaac — so hieß der Junge — trat ein, wie eben ein armer bescheidener Judenknabe zu jener Zeit in das Schloß eines Fürsten eintrat. Den jungen Damen, insbesondere der mit Jsaac fast gleichalterigen Prinzessin Anna, schien das Abenteuer und der schön gelockte, dunkeläugige Knabe ganz besonders zu gefallen. Sie überschütteten ihn mit Liebkosungen — wie ihre Schoßhündchen, holten ihre Bücher und Spielzeuge und befahlen, Jsaac Essen zu bringen. Dieser nahm jedoch nur Brod und Obst — denn er war Jude. Unterdessen war es ganz dunkel geworden und Jsaac fing an, einige Ungeduld zu zeigen. Er wollte heim, ins Dorf, das ganz nahe beim Schlosse lag, zu den Seinen. Man hatte zwar der Mutter des Knaben, einer armen Wittwe rm Dorfe, von seinem Verbleib Kunde gegeben und drang in ihn, noch zu weilen. Die Lakaien sollten für sein sicheres Heimkommen später sorgen. Er beruhigte sich noch auf Augenblicke, dann aber schlich er sich betrübt zur Thüre, indem er j sprach: „Ich blieb zwar gern noch hier, aber ich muß fort". Doch schon war Prinzessin Anna neben ihm, bittend und schmeichelnd: „Bleib doch; gefällt es Dir nicht bei uns?" „Ach ja, mir gefällt es hier sehr gut", sagte Jsaac fast weinerlich. „Aber ich muß fort; ich muß nach Hause. Ich muß . . . ." „Nun, was mußt Du?" „Ich muß — anzünden." „Anzünden, was? Lichter? Kann das Deine Mutter nicht in Deiner Abwesenheit?" „Ach ja — nein. Sie wissen nicht, wir haben — wir haben, d. h. die Juden haben — Chanuka." Die Prinzessinnen lachten und klatschten in die Hände. Das war doch ein Abenteuer, ein herrlicher Spaß „So kommst Du uns nicht fort!" sagten sie. „Du warst heute unser Cavalier . . . ." In diesem Augenblicke trat der Fürst ein, der von dem Abenteuer der Prinzessinnen, seinen geliebten Töchterchen, Kunde erhalten hatte. Jsaac wollte fast niedersinken vor Ehr- > furcht. In solcher unmittelbaren Nähe hatte er „Seine fürstliche Durchlaucht" noch nie gesehen. Der Fürst war im Grunde ein wohlwollender Mensch, aber doch ein Prototyp der Fürsten seiner Zeit. Seine Gnade glich stets der Bärentatze. Gr war den Juden gut; doch ließ er zum Zeitvertreib einen seiner jüdischen Unterthanen einmal eine halbe Stunde neben seinem Wagen herlaufen, bis er niederstürzte; das war ihm „fürstlicher Spaß". Ich erinnere mich seiner noch, wie er als alter Mann, obwohl außergewöhnlich groß und korpulent, doch stets ein sehr kleines arabisches Pferdchen ritt, so, daß seine Füße fast bis zum Boden reichten. Es war eben ganz der Fürst jener Zeit, von welcher der Dichter das Wort gebrauchte: Le roi s’amuse! Zur „Unterhaltung" des Fürsten war Alles erlaubt .... Der Fürst war augenscheinlich sehr gnädig gestimmt. Die Prinzessinnen erzähltet: mit fliegendem Athem, was geschehen war und wie ihr „muthiger Cavalier", der „hübsche Junge", der ihnen so viel Spaß machte, jetzt durchbrennen wolle, weil er — anzünden müsse. „Kannst Du nicht hier anzünden?" fragte der Fürst. Der Knabe besann sich eine Weile. Dann sagte er leise: „Ja, wenn Ew. Durchlaucht befehlen, daß man mir bringt, was ich brauche." (Schluß folgt.) Ver^ieäenes. Ein Vorkommniß in Versailles. Cerfbeer fuhr einst nach Versailles, um Ludwig XIV. zu Gunsten der Israeliten eine Bitte vorzulegen. Er fand die Vorhalle so voll Bittsteller, daß er lange warten mußte, bis er zugelassen wurde. Schon ging der Tag zur Neige und immer war Cerfbeer noch nicht an der Reihe. Cerfbeer zog sich inzwischen zurück, um das Mincha zu beten. In demselben Augenblicke kam auch der Bedienstete des Königs, um zu melden, daß Cerfbeer vor dem Könige erscheinen solle. Ohne übrigens darauf zu merken, vollendete Cerfbeer in größter Ruhe sein Gebet und vor dem Könige angelangt, sagte er: Sire! Nur ein Monarch ist größer als Ew. Majestät, nämlich Gott und vor ihm war ich eben mit Gebet beschäftigt. Der König, dem die Frömmigkeit des Gesuchstellers bekannt war, genehmigte die Entschuldigung in Gnade und gewährte auch dessen Bitte zu Gunsten der Israeliten in Elsaß. Eine Sendung Manuscript von „David Einhand" ist wahrscheinlich auf der Post verloren gegangen. Unsere nächste Nummer bringt den Schluß der Erzählung als „Sendschreiben an die geehrten Leser" — im Auszug. Mit Nr. 1 beginnt die historische Erzählung von I.: „Baron Frank, der Kabbalist von Offenbach". Die Redaction. X v