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Jüdische Volkszeitung · 1873-12-17 · 51 (17.12.1873) · p. Seite 403

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
51 (17.12.1873)
Date
1873-12-17
Page
Seite 403 (sequence 3)
Language
German
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403 Rheinlands Antirischusvereine gegründet. Sie mögen sich das Wort geben, Rischus-Blätter und -Autoren nicht zu unterstützen. Wenn sie aber dabei insbesondere Culturvereine sind, die das edlere gesellschaftliche Leben unter uns pflegen; wenn sie mit den richtigen Waffen kämpfen gegen die Ausgeburten der Selbstsucht, der Charakterlosigkeit und Gemeinheit auch unter uns, so mögen jene Rischusschreiber immer toben; wir können dann ihre Großthaten belächeln. Wenn wir uns nicht aufdrängen in Rischusgesellschaften, in welchen wir am Ende doch nur geduldet werden, uns aber nicht ausschließen und als Sonderlinge geberden, so werden jene die Ehre des Judenthums erhöhen und das Gift der Verleumdung wird nur seine Erzeuger schädigen. Hat aber das Rischus keinen Rückhalt selbst in der jüdischen Presse? O ja, gewiß! Sehen wir doch die sogenannten orthodoxen Blätter! Was zieht in ihnen? Wodurch erhalten sie sich selbst bei vielen, die nicht ihre Gesinnungsgenossen sind? Ist es die warme, ernste, fromme Anregung, die sie bieten? Wer hat je dergleichen in ihnen gefunden? Schlagen sie nicht jeden Tag dem Geiste der Zeit, der Gewissensfreiheit und Sittlichkeit ins Angesicht? Gibt sich in ihnen Ueberzeugungstreue kund, die die Gemüther fesselt? Pflegen sie die Wahrheit und Wahrhaftigkeit, oder— spitzfindige Sophistik? Findet man in ihnen die Wahrheit, die subjective oder objective, welche frei macht und die Herzen höher schlagen läßt? Ist es die anziehende Form, die edle Sprache, der poetische Hauch, der ihre Blätter ziert? Nichts von alledem. Es ist die gemeine Scandalsucht, die sich da breit macht und — zur Schande der deutschen Juden unserer Zeit — zieht. Wenn man heute liest, wie dieser Lehrer oder Rabbiner Trefa genossen und morgen wieder wie jener am Sabbath Cigarren geraucht hat; wie diese Gemeinde — o Schrecken — die Bitte zur Rückkehr nach Jerusalem und zur Wiederaufnahme der blutigen Opfer aus ihren Gebeten gestrichen, „Orgel und deutsche Gebete" eingeführt hat, und wie jene „auf Anregung der Damen im Chor" die Schofartöne vermindert und dafür verlästert, verhöhnt, mit Schimpf überhäuft wird; wenn heute die Männer der Synode in Augsburg sammt und sonders für Dummköpfe und Thoren erklärt werden, die fürs Irrenhaus reif sind und man morgen weiß, daß es nun an den Ausschuß des Gemeindebunds geht, denn Alles, was „um Kopfeslänge" hervorragt, muß heran-das erfrischt —das sind Reizmittel für den durch die Sabbathspeise überladenen Magen, da jubelt die Gemeinheit und die Gewissenlosigkeit. — Ja, sagen sie dann und reiben sich vergnügt die Hände: Heute hat er wieder einmal den und den eins versetzt. So ists schön, — dies Blatt lesen wir. Wir fragen: Machen solche Blätter kein Rischus, keinen Chillul Haschem? Beflecken sie nicht den jüdischen Namen? Schädigen sie nicht den jüdischen Charakter? Was sollen jene Gegner, von welchen wir oben gesprochen haben, die äußeren Feinde des Judenthums sagen, wenn wir so im eigenen Fleisch wüthen? Wenn wir das heilige Gut der Gewissensfreiheit, das uns die Gegenwart geschenkt, mißbrauchen und Haß und Zwiespalt säen in die Herzen und Gemüther? Wenn das Rischus unter uns selbst gepflegt wird gegen jeden Denkenden, gegen Alle, die nach ihrer heiligen Ueberzeugung ihr Leben einrichten und doch Juden sind und bleiben wollen? Wenn der Haß, die Zwietracht gesät wird unter dem „Rest Israels"? Wenn man mit allen Waffen kämpft gegen die Einheit der jüdischen Gemeinde, der jüdischen Genossenschaft? Wir kommen darum zum Schluffe des Kalenderjahres auf das zurück, was wir stets wiederholen: es ist heiligste Pflicht jedes denkenden Israeliten, dem die durch Jahrhunderte erkämpfte Gewissensfreiheit ein heiliges Gut ist: die anständige jüdische Presse zu unterstützen, zur sittlichen Bekämpfung des Rischus; nach Innen und Außen! Auszug aus äem November-Aerieüt icv „Aümnee". 1) 720 neue Mitglieder, größtenteils aus Deutschland, sind der Gesellschaft beigetreten und zahlreiche Gaben (auch für die Schulen und die Ackerbau-Anstalt zu Jaffa) sind ihr abermals zugeflossen. — Glück aus! 2) Wir haben bereits von den Verfolgungen gesprochen, denen die Juden eines kleinen Dorfes in der Nähe von Brusa in Kleinasien unter dem Vorwände ausgesetzt waren, sie hätten ein Christenkind gemordet und daß der wohlwollende Gouverneur, Sasvet Pascha, sie nur durch Transportirung nach Brusa der Volkswuth entziehen konnte. Einige Tage danach entstand ein neuer Auflaus, durch ein Weib erregt, welches behauptete, die Juden hätten ihre Tochter entführt und aufgegessen. Den durch den Gouverneur angestellten eifrigen Nachforschungen gelang es, den Leichnam des jungen Mädchens und die Kleider des vermißten Kindes in einem türkischen Hause aufzufinden. Der Mörder ist ein junger Türke, der Sohn eines Vornehmen, der die That mit haarsträubenden Details, welche die Feder wiederzugeben Anstand nimmt, bereits eingestanden hat. Inzwischen müssen die Juden ftoh sein, das Leben gerettet zu haben, Haus und Gut aber noch fortwährend fremden Händen überlassen. 3) Briefe aus Alexandrien bestätigen den traurigen Zustand unserer Glaubensgenossen in Yemen, deren Brief wir im letzten Berichtsauszug mitgetheilt haben.

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