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Jüdische Volkszeitung · 1873-12-17 · 51 (17.12.1873) · p. Seite 402

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
51 (17.12.1873)
Date
1873-12-17
Page
Seite 402 (sequence 2)
Language
German
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402 melt; ja selbst wer so manchem unserer bevorzugtesten Schriftsteller auf seinen Irrfahrten nachgeht, der wird den Judenhaß der Gegenwart zumeist da abgelagert finden, wo die Quellen des Lichts, der Humanität, des Fortschritts und der Verbrüderung der Menschheit ihren Ausgang nehmen sollten — in der Presse. Dorthin haben sich die Nachtgespenster zurückgezogen. Es ist ein eigenthümliches, ein fast trauriges Schauspiel, das uns da geboten wird; ein Verbrechen wider die herrlichste Gabe der Cultur. Wahrlich, würden die Worte so manches Schriftstellers der Gegenwart in Thaten umgesetzt — und der Schriftsteller soll doch der Lehrer seiner Nation sein — die Zeiten der Inquisition würden sich in anderen Formen wiederholen „an denen vom Stamme Juda, mit den gebogenen Nasen, dem krausen Haare, der schnarrenden Stimme und dem Gerüche nach Zwiebeln und Knoblauch" — wie ein „feiner" Schriftsteller der Gegenwart sich jüngst ausdrückte. Wir brauchten kaum Beispiele zu nennen. Unseren geschätzten Lesern sind von diesen Preßerzeugnissen gewiß auch manche bekannt. Und daß sie überall, insbesondere aber bei den extremen Parteien Vorkommen, wird ihnen ebenfalls nicht neu sein. Die ultramontanen Zeitschriften gehen mit den socialdemokratischen Hand in Hand. Der Atheist und der Mucker, der Deutschkatholik und der Protestantenvereinler reichen sich brüderlich die Hände zur Verunglimpfung der Juden und des Judenthums. Gustav Freitag schreibt seinen Sensationsroman „Soll und Haben"und Fr. Spielhagen's neueste Novelle „Ultimo" läßt die Edlen Christen, die Elenden sämmtlich Juden sein; — Richard Wagner's „Judenthum in der Musik" und Fr. Reuter's nicht zu gedenken! Das sind „bevorzugte" Geister. — Und nun das Heer der Kleinen! Da liegen uns vier Bände vor** ***)') von einem Georg von Kunda — wer kennt den Mann? — welche der Verleger „einen neuen, großes Aufsehen machenden jüdisch-religiösen Tendenzroman" schelten läßt, und in welchen nur der gemeinste, albernste Judenhaß verständlich ist. Sonst ist das Zeug so erbärmlich, die Sprache ein wahres Kauderwälsch*"*), die *) Der „Hofrath" hat dies Gebiet wohl verlassen. Schämt er sich vielleicht dessen? **) Siegwart Morgenländer. ***) Proben: 2. Band, S. 158, 3. Zeile v. u.: „Er griff noch einmal in die Brusttasche des leichten Sommerrockes, der bis aufs Hemd durchnäßt war." Desgleichen S. 179: „Ich sehe mich genöthigt-auf Wünsche, aus Hoffnungen zurückzukommen, deren erstes Aufdämmern in meine Kindheit fällt, durch die Beziehungen zu Deinem Vater wahrscheinlich angeregt wurde." 1. Band, S. 3: „Strenggläubiger Jude, doch nicht der Eiserne, der „Auge um Auge" schreit: — er entbehrte der den Juden ursprünglichen besonderen Anlagen: des Genies für den Schacher: eines spitzfindigen Jntereffes, das überall bis „ins Atom" zu dringen Figuren — Affen; die Helden Feiglinge, Heuchler und Verräther, der Ton gemein — kurzum das Ganze ein Machwerk, dessen wir uns erst recht zu schämen hätten, wenn es des Ruhmes für die Juden voll wäre. — Da erschien vor Kurzem ein Schriftchen des „Edlen Herrman von Scharff-Scharffenstein" — die Juden von Frankreich betitelt. Die deutschen Blätter ehrten sich, daß sie seiner nicht erwähnten. Da liegt uns seit vielen Monaten vor: das Judenthum in der Schule von Richard Wägner jun. und „Ein kritischer Gang durch die heiligen Schriften der Juden". — Was für Zeug! Wir könnten die Reihe noch verlängern; aber wir haben schon daran genug. Und dazu die deutsche und neuerdings auch die französische Journalistik — — wahrlich genug des gemeinsten Judenhasses, des modernisirten Rischus. Was läßt sich dagegen thun? Was wollen denn diese Leute? O es ist nicht mehr Religionshaß; darüber sind wir längst hinaus. Es ist — die Lust am Seandal, die gut bezahlt wird, der blasse Neid — als ob der Weg zur Synagoge stets mit Gold gepflastert und ein Monopol für die Börse wäre. Es sind tausenderlei Motive, nur darunter nicht ein edles; und doch sollten diese allein die Federn derer regieren, die für die Presse, für die Bildung des Volkes schreiben! Was sollen wir dagegen thun? Sollen wir in ähnlicher Form und Weise Entgegnungen schreiben? Sollen wir Kritik üben? Sollen wir die öffentlichen Blätter mit unserem Lamento behelligen, mit Seandal füllen? . Das Alles würde wenig nützen. Es mag zuweilen eine Entgegnung gebotenerscheinen. Im Allgemeinen ist am besten, solches Zeug zu ignoriren. Was uns fehlt, was uns allein Erfolg verspricht, das ist: die Kräftigung des jüdischen Gemeingeistes. Nicht der feige Verrath und die Verleugnung des Judenthums schützt uns, sondern im Gegentheil nur das jüdische Selbstbewußtsein. Das ist der rechte Kampf für Gewissensfreiheit in unserer eigenen Mitte. Was uns hilft, das ist echter jüdischer Charakter; das ist die Bethätigung der alten jüdischen Tugenden im Geiste unserer lichtvollen Zeit (Kiddusch haschem). Schreibt gegen uns, was Ihr wollt! Wenn es Verleumdungen sind, deren Lügenhaftigkeit unser Streben und Thun nachweist; wenn der blaffe Neid und die hämische Selbstsucht aus jeder Zeile Herauslugen, so könnt Ihr uns eben nur nützen. Wir lernen von Euch, wie wir nicht sein sollen. Man hat in einzelnen größeren jüdischen Gemeinden sucht, wo persönlicher Vortheil herausgepreßt werden kann — des Jntereffes an Allem und Jedem in der Welt, das sich auch jedes Element zu Nutze zu machen versteht und das seine Nation dadurch nach wie vor Herrschaft und Uebergewicht behaupten läßt." U. A. m.

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