Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 50 (10.12.1873)
- Date
- 1873-12-10
- Page
- Seite 394 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9588641-9578452-9578894--445-9578896- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
894 manches braven Lehrers, ja, auch von der Armseligkeit in den Verhältnissen vieler Rabbiner herrscht! Wenn sie die Thränen zählen könnten, die — oft nicht die schlechtesten unter den Gemeindebeamten — im Stillen vergießen, weil „ihre Hand zu kurz ist" und sie ihre Familien darben sehen müssen! Wenn die Herren nur einmal die Briefe der Verwaltung der Achawa lesen könnten, welche Jahr aus, Jahr ein und insbesondere jetzt, zur Vertheilungszeit einlaufen! Wir glauben keine Jndiscretion zu begehen, wenn wir sagen, daß wir, bei nur 200 Mitglieder, in diesem Jahre mindestens 25 Pensionsberechtigte haben! — Schreiber dieses hatte in diesem Jahre die schreckliche Erfahrung gemacht, daß unverhältnißmäßig viele Lehrersrauen dem Irrsinn verfallen! Sollte der Gedanke nicht nahe liegen, daß bei mancher — der Mangel, die Geistesanstrengung, wie bei dem schwierigen, ehrenvollen Berufe des Mannes auch das Hauswesen ehrenvoll zu führen ist — den Keim gegeben haben? Ja, es wird besser, es muß besser werden. Die Anzeichen mehren sich. Der Mangel an geeigneten Lehrern und Cantoren ist bereits eine unübersehbare Calamität geworden. Aber — man wird eben doch bei den Jungen anfangen. Den Aelteren kann auf die von dem betreffenden Herrn vorgeschlagene Weise nicht geholfen werden. Für sie tritt die Verpflichtung der Gesammtheit ein; also — eine Pensionsanstalt. Aehnliche und andere Gründe wurden wohl auch in der Sitzung des Ausschusses des Gemeindebundes geltend gemacht. — Das Mitglied aus Fürth müssen wir jedoch auf einen großen Jrrthum aufmerksam machen. In Baiern erhalten .die Religionslehrer weder von Staatswegen noch aus Staatsmitteln Pension; und diese Religionslehrer bilden weitaus die größte Zahl der jüdischen Gemeindebeamten in Baiern; es werden sicher einige Hundert sein, die — den enormen Gehalt zwischen 200—500 Gulden beziehen. Wie viele haben größere Gehalte? Und da lege ein Familienvater Ersparnisse für die Tage zurück, die da kommen und „von welchen wir sagen, daß sie nicht gut sind." In Folge der Berathung kommt die Versammlung zu dem Beschlüsse, einen Special-Referenten zu ernennen, der auf Grund der Bestimmung, daß ein Drittel des Betrags von den Cultusbeamten, ein zweites Drittel von der Gemeinde und das noch fehlende Drittel von einer ad lioc zu gründenden Kreis-, Provinzial- oder Gemeindebundcasie zu leisten sei ein Pensionsstatut auszuarbeiten habe. — — Was werden nun unsere freundlichen Leser, was wird der von uns hochverehrte Ausschuß des Gemeindebunds dazu sagen, daß wir. nichtsdestoweniger uns zur Zeit entschieden gegen sein Unternehmen aussprechen müffen? Es ist bekannt, mit welcher Hingebung wir für die Interessen des Gemeindebunds und für seine Verbreitung zu wirken bereit sind, und das gibt uns den Muth, offen und ungescheut auszusprechen, was wir für nothwendig halten, in der sicheren Ueberzeugung, daß man unsere gute Absicht nicht verkennen wird. Es ist sicher keine Anmaßung, wenn wir zugleich behaupten, daß wir auf diesem Gebiete uns auf eine gereiste, große Erfahrung stützen, die den Herren des Ausschusses, die sämmtlich aus großen Städten und Gemeinden sind, vielfach abgehen muß. Vorerst: Für wen soll dieses Institut geschaffen werden? Für Rabbinen, Lehrer und Cantoren? doch wohl! Auch für professionelle Schächter und — Gemeindediener, vulgo Schani osim? — Niemand wird es denjenigen, welche sich für ihr Amt durch kürzere oder längere Studien vorbereiten müssen, also den Ersteren, verargen, wenn sie von vornherein sich gegen die Verschmelzung mit den obigen, letztgenannten Categorien verwahren. Doch dies nur nebenbei. Auf welche Gemeinden soll sich das Statut erstrecken? Nur auf diejenigen der Bundesgemeinden? Wir müßten im Interesse der sämmtlichen Beamten gegen ein solches Vorgehen protestiren! Das wäre ein Unglück für die in anderen Gemeinden wirkenden Beamten, ein Unrecht gegen die Männer, die unschuldig sind, wenn ihre Gemeinden dem Gemeindebund, resp. dem Pensionsverein nicht beitreten. Und viele Gemeinden werden darum nicht eher beitreten; ja, sie werden, wenn sie von diesem Projecte hören, noch weniger zum Gemeindebund kommen, weil sie größere Beiträge fürchten' Man denke sich doch in die Lage einer Gemeinde — und das sind noch nicht die kleinsten — von 15—20 Mitgliedern! — Auch auf diesem Gebiete haben wir einige Erfahrung. Bei der Gründung der Achawa wurde auf Vorschlag des Herrn vr. Ludwig Philippson die Bestimmung in das Statut ausgenommen, daß auch Gemeinden für eine bestimmte Zahl ihrer Beamten eintreten könnten. Eine einzige Gemeinde — eine pommer'sche — trat ein. Schon nach einem Jahre trat sie wieder aus. Wir erfuhren später, daß sie das Statut mißverstanden hatte, indem sie glaubte, jeder einmal in ihrem Dienste gestandene Beamte wäre und blieb Mitglied, und da sie eine große Zahl solcher consumirt, in ewigem Hader mit ihren Beamten lebt, wollte sie diese durch die Achawa ködern. — Und schließlich: die Achawa ist vorhanden. Sie ist ein Institut, gegründet zur Unterstützung hülfsbedürftiger israelitischer Lehrer,*) Lehrer-Wittwen und-Waisen in Deutschland. Sie hat ein Vermögen von 25,000 st.; eine jährliche feste Einnhme von 2700—2800 fl. Sie hat schon große *) Wir rechnen hierzu auch die Rabbiner und Cantoren. insofern sie Beziehungen zum Lehramte haben. Und das ist bei fast Allen der Fall.