Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 48 (26.11.1873)
- Date
- 1873-11-26
- Page
- Seite 382 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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382 gerade von England ausgegangen ist, es längst nachgewiesen hat, daß nicht blos der Bauer mit seiner Hacke oder der Schuhmacher mit seinem Leisten, daß auch der Handelsmann und Fabrikant ״producirt" und seinem Lande Nutzen leistet. Lasset doch endlich einmal Eure alten Waffen ruhen, sie sind zu verrottet und verrostet, um ferner noch zu dienen. Gesteht es offen: Ihr kämpft gegen den Juden darum, weil er — wenige Ausnahmen abgerechnet — immer da mitstreitet, wo es gilt, Vernunft, Freiheit, Recht zu erkämpfen! Und das muß er, er kämpft damit um seine Existenz als Mensch; denn nur da, nur dann wird der Jude verschwinden und der gleichberechtigte Mensch erstehen, wo Recht, Freiheit, Vernunft zur Herrschaft gelangt ffnd! Aterariscüe8. סדר תפלה. Gebetbuch für Synagoge und Haus, namentlich in Gemeinden, welche bezüglich des Gottesdienstes Beschlüsse der Rabbiner-Versammlungen in Ausführung gebracht haben. Es enthält die Gebete für Sabbath, sämmtliche Feste (incl. Neujahr und Versöhnungstag), Werk-, Sabbath- und Bußtage, bei Tisch, beim Niederlegen, bei Trauungen, Beschneidungen, Beerdigungen und Besuchen der Gräber heimgegangener Verwandten. Neu geordnet und übersetzt von Ben Israel, Rabbiner der Synagogengemeinde Coblenz. Eingeführt in dieser Gemeinde im Jahre 1851. Zweite, vervollständigte Auflage. 2 Theile. (Brilon 1872, Druck und Verlag bei M. Friedländer.) Es ist eine erfreuliche Thatsache, daß in einzelnen Gemeinden, in welchen man von vornherein mit Tact, Umsicht und Energie den Gottesdienst reformirte, die Theilnahme nicht geschwunden ist, sondern stets sich energisch bethätigt und erweitert. Die Gemeinde Coblenz steht in dieser Beziehung in erster Reihe, und ihr Gottesdienst und Gebetbuch ist für viele andere zum Muster und Vorbild geworden, und übt stets eine ganz besondere Anziehungskraft aus. Wir begreifen dies wohl, weil wir wissen, mit welcher Umsicht man dort bei der Einführung verfahren und es ist schön, daß trotz der vielfachen und theilweise sehr erniedrigenden Kämpfe in der Gemeinde, doch der Gottesdienst nie von dieser Misere, die eigentlich auch nur persönlicher Natur war, bei der es sich nicht um Ideen, um Orthodoxie oder Reform handelte, berührt, sondern in seiner Integrität erhalten blieb. Das spricht sich auch im Gebetbuche aus, obwohl wir bedauern, daß der Kämpfe im Vorwort Erwähnung geschehen ist. In der Vorrede spricht sich der Herausgeber über seine Arbeit folgendermaßen aus: ״Wie ich bei dieser neuen Auflage eine 22jährige Erfahrung zu verwerthen bestrebt war, so habe ich auch die inzwischen für andere Gemeinden verfaßten Gebetbücher bezüglich der darin enthaltenen, zur Hebung der hiesigen gottesdienstlichen Einrichtungen geeigneten Momente nicht unberücksichtigt gelassen, namentlich bei der Aufnahme von Gesängen die von Stein, Mayer und des neuen israelitischen Tempels zu Hamburg benutzt, und in der Uebersetzung mich der von Mayer, Philippson, Auerbach und Jost und zuletzt von Geiger angewandten Methode angeschlossen, wie solche von der Rabbiner-Versammlung zu Cassel im Jahre 1868 empfohlen worden ist.*) Den Text der uns überlieferten Gebete — mit Ausnähme der erst im Mittelalter verfaßten Hoschanoth, Selichoth und Piutim, welche Abkürzungen und Purificirung von Allem erfahren haben, was auf die Andacht störend wirkt und mit Recht vielseitigen Widerspruch findet — ließ ich unverändert, habe jedoch durch kleinere Schrift in Klammern alle Stellen bezeichnet, welche 1) eine Ueberhäufung von Ausdrücken für ein und denselben Begriff, 2) eine Hindeutung auf den Untergang der Feinde Israels, 3) eine Beschreibung von Visionen, sowie Aeußerungen über die Thätigkeit der Engel, 4) die Bitte um Wiederherstellung der Thieropfer, 5) die Bitte um Rückführung des zerstreuten Gesammt-Jsraels nach Palästina zur Bildung eines weltlichen Reiches, 6) die Vorstellung von der Auferstehung des Leibes enthalten und von zahlreichen Zeitgenossen, als ihrer religiösen Ueberzeugung widersprechend, nicht gebetet werden. Bei dem hiesigen öffentlichen Gottesdienste sind die Gebetstücke, welche solche Stellen involviren, der stillen Andacht überwiesen. Zu einer Umwandlung dieser Stellen in eine Fassung, welche die erhabenen Lehren und Verheißungen unserer Religion zum Ausdrucke bringt, fand ich keinen Grund. Die Einen, welche in hebräischer Sprache beten zu müssen glauben, würden die neue Fassung als der Autorität entbehrend perhorresciren, während die Anderen den religiösen Gehalt und die weltgeschichtliche Bestimmung des Judenthums in dem deutschen Theile genügend pronuncirt finden. Darum: sint, ut sunt, aut non sint.“ Das Buch zeichnet sich noch besonders dadurch aus, daß es für besondere Tage (ימי הסליחות והתשובה u. A. m.) Liturgien enthält und daß es durch sinnige Anordnung des Gottes- *) Es sollen die schon in den alten Gebeten angedeuteten und ausgesprochenen Ideen zum vollen Ausdruck gebracht werden: die religiöse Mission Israels, die providentielle Führung in der Geschichte Israels, die großen Principien des Judenthums: der fortschreitenden Entwickelung, der dereinstigen allgemeinen Herrschaft der Gotteserkenntniß, der Liebe, des Rechtes und des Friedens (messianische Zeit) rc.