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Jüdische Volkszeitung · 1873-11-26 · 48 (26.11.1873) · p. Seite 378

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
48 (26.11.1873)
Date
1873-11-26
Page
Seite 378 (sequence 2)
Language
German
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— 3< Nun denn, wenn heute ein Knabe, Sohn armer, jüdischer Eltern, sich dein Lehrerberufe widmen wollte, wo bietet sich ihm hierzu Gelegenheit? Sind die Mittel für diese zunächst liegende Aufgabe jüdischer Wohlthätigkeit vorhanden, in so reichlicher und würdiger Weise vorhanden, daß man nicht erst zur Collecte greifen müßte? Und doch wäre hier der edle Zweck ein doppelter! Einerseits würde ein armer junger Mann einem würdigen Lebensberufe zugeführt, andererseits erhielt das Judenthum einen würdigen Beamten und Lehrer mehr! Man sagte freilich bis jetzt mit vollem Rechte: ״Der Beruf des Lehrers ist ein kärglich lohnender!" Wir erwidern darauf: Nur noch einige Jahre normaler Entwickelung und das wird vorüber sein! Wir waren stets entschieden dagegen, dem Lehrer- Mangel durch Lehrermangel entgegenzutreten. Hat sich nun gegen unser Zuthun der letztere durch die Macht der realen Verhältnisse zu einer Calamität, zu einer Lebensfrage für das Judenthum und für die Cultur überhaupt erhoben, — denn der Lehrermangel herrscht allüberall, mehr, als das Volk weiß, — so würden wir jetzt um so weniger Anstand nehmen, einen tüchtigen Jungen dem Amte zuzuführen, das für die Zukunft sicher ein anständiges und würdiges Auskommen bieten wird. Die Sucht, reich zu werden, die in den jüng- 'sten Jahren so überaus florirte und Viele vom Ergreifen dieses Berufes, bei dem man allerdings nicht Millionär wird, abhielt, sollte, so denken wir, in der jüngsten Zeit etwas gemildert und abgekühlt worden sein. Da haben wir denn eine bedeutsame Aufgabe für die jüdische Wohlthätigkeit. Sie erstreckt sich selbstverständlich nicht blos aus solche, welche sich zu Lehrer und Cantoren qualificiren, sondern auf alle talentvolle arme Knaben, welche studieren wollen und hierzu keine Mittel haben. Was früher ausschließlich für Thoralernen geschehen ist, müßte jetzt für die Gesammtbilvung geschehen — auch von Mädchen! — und nicht etwa durch Collecte, sondem durch feste Stipendien. Eine andere, ebenso wichtige Aufgabe wird die Bildung von Kreisvereinen für Verabreichung von Pensionen; wir meinen hier nicht nur etwa für Cultusbeamte, sondern über- Haupt für alte, arbeitsunfähige, arme Israeliten und Jsraelitinnen. Durch den Wegzug vieler Landjuden in dis großen Städte haben sich viele Gemeinden derart entvölkert, daß schließlich nur noch wenige, arme und alte Leute zurückblieben, die nun oft keine Unterstützung im Orte mehr finden und dadurch zum Wanderbettel genöthigt werden, oder elendiglich umkommen. Uns ist ein Fall bekannt, wo eine arme, alte Jüdin in einer katholischen Gemeinde allein übrig blieb; die Uebrigen — waren aus gewandert nach Amerika. Als sie krank wurde, wurde sie wohl von der christlichen Ortsgemeinde unterstützt; aber wie! Erst nachdem fie fast ein Jahr bettlägerig war, erfuhr man es in den jüdischen Nachbargemeinden und 8 — schickte ihr von dort Unterstützung. Und auch dann mag sie in den weiteren 5—6 Jahren, welche sie noch vor ihrem Tode im Bette zubrachte, nicht auf Rosen gebettet gewesen sein! Der Fall steht durchaus nicht vereinzelt da. Er kann selbst in mittleren Gemeinden Vorkommen und Privatwohlthätigkeit ist stets precär. Wir haben hier nur zwei bedeutsame Anstalten hervorgehoben, die uns fehlen und für welche die jüdische Wohlthätigkeit einstehen müßte. Aber es gibt noch andere Lücken, die durch volkswirthschaftliche Auffassung des Armenunterstützungs- und jüdischen Gemeindewesens auszufüllen sind. Wir rechnen hierzu die Unterstützung Unbemittelter zur Errichtung eines Geschäftes, die Förderung des Schulwesens in kleinen Gemeinden, die Unterstützung ehrlicher, fleißiger Menschen, welche durch unverschuldetes Unglück in Rückgang und Noth gekommen, zur Wiederaufrichtung des Geschäfts, zur Auswanderung u. A. m. Das jüdische Herz fühlt mit, die jüdische Hand ist zum Geben bereit. Aber die Zeit des plan- und ziellosen blinden Gebens sollte vorüber sein. Kein Redlichdenkender wird die Gaben an die gewerbsmäßigen Bettler, Schnorrer und Palästinenser für Wohlthätigkeit erklären können. Die Führer der jüdischen Gemeinden sollten sich umsehen, auf welche Weise die Wohlthätigkeit zu organisiren wäre, damit sie zur Musterhaften, kräftigen Entfaltung komme. Dazu könnte aber insbesondere auch die Bildung von Kreisgemeinden beitragen und auch diese ist eine Aufgabe der nächsten Zeit. Zur Akeäa-Frage. Wir kommen nochmals auf die Akeda- Frage zurück, weil wir kurz sein können, und es uns nicht um persönliche Rechthaberei, sondern sachliche Klärung zu thun ist. Man stimmt uns ja zu, daß das Akeda-Opfer nicht reelle, sondern ideelle Bedeutung habe. Man urgirt nur ideelle statt symbolische Bedeutung. Jndeß setzt ideelle Auffassung einen reellen, symbolische einen fingirten Vorgang voraus. Unsere Bezeichnung ״symbolisch" war daher richtig gewählt. Solche Dichtungen widersprechen auch weder dem Geiste des biblischen, noch nachbiblischen Schriftthums und sind überhaupt dem Geiste des orientalischen Schriftthums analog. A. Dr. R. Die Iuäen in Aoüanä. Kaum gibt es ein Land auf dem ganzen Erdenrunde, wo die Juden weniger Verfolgungen zu erleiden hatten, wo weniger Vorurtheil gegen fie besteht, wo sie mehr Rechte ge-

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