Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 48 (26.11.1873)
- Date
- 1873-11-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Wochenschrift Jüdische Bolksmtim fitß rcunttc Bestellungen nehmen alle Postanst lten und Buchhandlungen an. Preis vierteljährlich 171!! Ngr. in Errmmdr und Srhu!^ I^nngogr und Hrdrn. 3nfcrafe __ sind an die Verlagshandlung von; Ich. Friede. Hartknoch in Leipzig H^eraULZLgebLN dvN IN ^NF6U)eÜN, Preis der 3gesp. Zeile 2 Ngr. bisher Herausgeber des ״Jsr. Lehrer" und des ״Synodalblatt". No. 48. Leipzig, den 26. November. 1873. I n kl a f t : Jüdische Wohlthätigkeit (Fortsetzung und Schluß). — Zur Akeda- Frage. — Die Juden in Holland. — Correspondenzen: Aus Unterfranken, Aus dem Rabbinatsbezirk Dürkheim, Erfurt. — Rundschau. — Literarisches. —Verschiedenes. — Feuilleton: Das todte Meer (Schluß). — Anzeigen. Iüüiscde Modktliütigkeit. (Fortsetzung und Schluß.) In unserer Zeit ist es für den Handwerker, der sein Gewerbe nicht nach zwei Seiten hin über die Grenzen des alten Handwerks auszudehnen vernrag, an und für sich äußerst schwierig, sich zu ernähren. Er muß es geschäfts- und fabrikmäßig betreiben, wenn er emporkommen, mit den Geschäftsgenossen concurriren, gewissermaßen zu Wohlstand kommen will. Das alte zünftige Handwerk besteht nicht mehr. — Und nun denken wir uns den jüdischen Handwerker als Schreiner, Maurer, Spengler, oder auch als Schneider und Buchbinder. Kann er einen fabriksmäßigen Betrieb seines Geschäfts anstreben, wenn er als Jude leben, Sabbath und Festtage feiern will? Wenn aber durch jüdische Wohlthätigkeit ein junger Mensch um deswillen unterstützt und in einen Beruf eingeführt wird, weil er ein Jude ist, so ist es doch eine äußerst einfache Consequenz, daß wir von ihm verlangen, und ihn in den Stand setzen, auch als Jude zu leben? Ist es nicht auch eine Art Gewissenszwang, wenn wir ihn einem Berufe zuführen, der ihn außer Stand setzt, als Jude seine Sabbathe und Festtage zu feiern? Sagen wir nicht, daß es beim Kaufmanns stch gerade so verhalte! Das ist da eine ganz andere Sache. Der Kaufmann gewöhnt seine Kunden, oder kann sie mindestens zum Theil gewöhnen, daß sie am Freitag und Sonntag j kommen; er kann das Versäumte einbringen. Er kann am! Sabbath im Geschäft sein und doch kein Geschäft machen. : Und am Ende, selbst wenn er gleichwohl den Sabbath entweiht, — seine Arbeit ist keine derart schaffende, wie die des an seine Werkstätte gefesselten Handwerkers. Denken wir uns diesen mit Gehülfen an einem Bau beschäftigt zur Zeit der Herbstfeste dieses Jahres — und er sollte von Freitag Abend — 1 2/נ Stunden vor Feierabend! — den Bau sistiren, den Bauplatz verlassen bis zum nächsten Mittwoch, und Zwar fast viermal hintereinander, in der Zeit der drängendsten Arbeit; läßt sich das denken und durchführen? Und gerade so ist's ,mit den anderen, mit Gehülfen — wenn diese nicht gerade Juden find — arbeitenden Meistern! Sie können sich als Juden mit Familie schlechterdings nicht ernähren. Wir haben! dafür die sprechendsten Beweise. Das ist auch der Grund, weshalb, insbesondere in Baiern, wo die Staatsgesetze viele jüdische Jünglinge zur Erlernung des Handwerks nöthigten, dennoch nur der allerkleinste Theil dabei blieb. Es gab in München, wenn wir nicht irren, Zwei Handwerkervereine! Wie Viele sind dem erlernten Berufe treu geblieben? Wie Viele mögen das Handwerk betreiben? Wir wollten diesen Gegenstand einmal zur Sprache bringen, weil wir die Handwerkervereine dieser Art als nicht mehr zeitgemäß erklären müssen und wir wenden uns nun! positiven Vorschlägen für die jüdische Wohlthätigkeit der Gegen-! wart zu. s So sehr diese ausgebildet ist, so gibt es doch noch große!Gebiete, und zwar auffälliger Weise gerade die Nächstliegenden,!die specifisch jüdischen, die volkswirthschaftlichwichtigsten, welche nicht gepflegt werden. Man schrieb uns jüngst: ״Die Krisis naht; der Mangel an Lehrern und guten Cantoren ist geradezu eine Calamität."