Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 46 (12.11.1873)
- Date
- 1873-11-12
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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364 1 1 ן! ״Unsere plötzliche Befreiung von dem auf uns lastenden; Druck erfüllte diejenigen mit Unwillen, welche bisher gewohnt i waren, uns mit Füßen Zu treten. Kein Tag vergeht, an dem j sie nicht unsere neuen Herren gegen uns aufzubringen suchen, begierig einen Vorwand zu erneuten Verfolgungen zu finden. J Zwar der Gouverneur, Mufchir Pascha, steht ihre Ränke sehr wohl ein, doch ist die Gefahr für uns nicht vorüber. Als die türkische Armee fich unserem Viertel näherte, wurde der allgemein geachtete Oberrabbiner, Salomon ben Rabbi Joseph, vor den türkischen Befehlshaber gefordert und sehr gnädig ausgenommen. Er sollte einen Bericht über den Zustand der . Juden in ganz Deinen geben und erhielt die Zusicherung, daß man ihnen allenthalben den nöthigen Schutz gewähren würde. Aber Niemand von uns versteht Türkisch, und die Dolmetscher waren gewissenlos genug, Alles in falschem Lichte darzustellen. Noch jetzt kleiden wir uns in das demüthige Gewand von schwarzer Lammwolle mit einer gleichen Schärpe darüber, wie die alten Landesgesetze uns dies vorschreiben, Gesetze, die von demselben Tage datiren, an welchem angeordnet ward, daß der Vornehmste unter uns sich ungestraft selbst von einem vierjährigen Kinde müsse beleidigen lassen. Auch eine schwere Steuer müssen wir weiter tragen, weil unsere Feinde behaupten, das Gesetz habe uns dieselbe, ohne alle Ausnahme, schon seit undenklichen Zeiten auferlegt. Es! gibt für uns kein Mittel, falschen Vorstellungen und Einflüsterungen oder Verläumdungen entgegenzutreten. י ״Mit schwerer Sorge belastet uns dieser Stand der * Sache. Ihr, die Leser dieses Briefes, werdet besser wissen, was zu thun ist, als wir. Ueberlegt, seid kräftig, zeiget Energie; und ersinnet Mittel, wie unser gnädiger Sultan mit unserer unglücklichen und hülflosen Lage bekannt werde. Denket daran, daß bei den vielen Leiden, die wir zu erdulden hatten, unsere Erzählung nur wie ein Tropfen im Meere ist. Es ist unsere Bitte, daß wir mit der Güte und Gerechtigkeit behandelt werden, wie die Juden in den übrigen Theilen der Herrschaft des Sultans, auf daß wir, gleich ihnen, unser Leben ohne! Verfolgung und in Sicherheit zubringen. Die ״in der Hoffl nung Gefangenen", welche auf Erlösung hoffen, beten zu Gott j für Eure Wohlfart und unterzeichnen u. s. w." (Folgen sechs! Unterschriften, einschließlich der des Oberrabbiners.)! Eorrejponäenz.! Dreräen. König Johann, von seinem Volke geliebt und! von Allen hochgeehrt, die seinen Charakter und seine Jntelli-! genz zu schätzen wußten, ist nicht mehr unter den Lebenden.1 Nach einem längeren schmerzhaften Krankenlager starb er cttnj 29. v. M-, tief betrauert von dem ganzen sächsischen Volke.! Was dem Seeligen in diesen Blättern einen Platz und unsere ganze Theilnahme zu sichern berechtigt, ist vor Allem der Um - stand, daß er in den 30er Jahren, als Prinz, für die Emancipation der Juden seine gewichtige Stimme erhob und in den wärmsten Ausdrücken dafür plaidirte. ״Es ist nur schmerzlich, heutzutage im gebildeten Sachsen zu sehen, daß Juden, die so gut wie wir Menschen sind, erst um ihre menschlichen Rechte bitten müssen", diesem wahrhaft königlichen Worte ist es wohl zuzuschreiben, wenn das Gesuch der Dresdner Jsraeliten um Emancipation, befürwortet von dem unsterblichen Prof. Krug, in dem damaligen Landtage den Sieg über das Vorurtheil und die Engherzigkeit davontrug. ״Das Andenken des Gerechten bleibt ein Segen." Wir rufen ihm ein ״Ruhe sanft!" in die Ewigkeit nach, in der ihm die höchste Seligkeit für seine fromme, gottbewußte That beschieden sein möge. Üu8 Württemberg. Der ״Schwäbische Merkur" brachte folgenden Artikel: ״Mühringen a. d. Epach, den 30. Oct. In unserer Gemeinde, woselbst vor 11 Jahren das 25 jährige Dienstjubiläum des Rabbi Dr. Wassermann so festlich gefeiert wurde, war gestern eine noch größere Versammlung vereinigt, um mit dem Verehrten vor dem Antritte seiner neuen Stellung als Kirchenrath in Stuttgart noch einige Abschiedsstunden zu feiern. Aus der Umgebung waren die Bezirksbeamten, die Rittergutsbesitzer und Freunde jeden Glaubens herbeigekommen und hatten in zahlreichen Reden und Trinksprächen des schönen Zusammenlebens in Frieden und Eintracht gedacht, insbesondere wurde von Pfarrer Dr. Menz in Vierlingen die universelle Begabung, die wissenschaftliche Bildüng, die Rednergabe, die schriftstellerische Thätigkeit, die wohlwollende Humanität des geistreichen Gesellschafters treffend geschildert und von Allen das Scheiden des beliebten Seelforgers tief bedauert. Andrerseits glauben Viele mit Zuversicht, es werde durch diese neue Kraft in den maßgebenden Kreisen endlich einmal ein Ruck in den stabilen Verhältnissen der Israeliten Württembergs geschehen und manche veraltete Form gebrochen werden, um dem Lichte des Geistes freien Durchgang zu gewähren." vr. Wassermann ist der Sohn des Rabbinen Salomon Wassermann,., der von 1835 an das Rabbinat in Mergentheim verwaltete und emeritirt im Hause seines Sohnes, des nun nach Amerika ausgewanderten Josef Wassermann, Lehrer in Laupheim, starb. Schon unter der Leitung des gelehrten und die Richtung der Zeit erkennenden Vaters wurde der begabte Sohn ״Moses" in die Vorhallen der Wissenschaft eingeführt. In Ansbach besuchte er später das Gymnasium und genoß den talmudischen Unterricht bei Rabbi Moses Dajan, einem berühmten Gelehrten seiner Zeit. Von Ansbach trat er in das Gymnasium Ulm über, wo er in de