Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 46 (12.11.1873)
- Date
- 1873-11-12
- Page
- Seite 363 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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363 erwähnen. Es wurde ein Zehnt von getrockneten Datteln eingehoben. Die aufgespeicherten Früchte verdarben während der heißen Jahreszeit und wurden völlig unbrauchbar zur Nahrung für Menschen. Da wurden die Juden gezwungen, diese Früchte, 400 bis 500 über ihren Werth, zu übernehmen. Abgemagertes unverkäufliches Vieh wird uns zu enormen Preisen aufgezwungen; dasselbe geschieht mit verschiedenen Nahrungs- Mitteln. Schwefel und Blei, seit langer Zeit zu militärischen Zwecken aufgehäuft, müssen von den Juden weit über ihren wirklichen Werth übernommen werden. In den letzten zwölf Jahren wurden niederträchtige Anklagen gegen die Juden erhoben und in Folge derselben die Aeltesten und Vorsteher unserer Gemeinde, 13 an der Zahl, ergriffen, gemartert, mit Ketten belastet und gezwungen, unter übelwollenden Aufsehern, die Cloaken zu reinigen und dürren Kameelmist zur Heizung der öffentlichen Waschhäuser und Bäder zu sammeln. Die Feinde dehnten diese Frohnarbeit bald auf alle unsere Gemeindeglieder aus: ״Wollt Ihr besser behandelt sein, als Eure Vomehmsten?" fragten sie uns höhnisch. In kurzer Zeit waren 200 Gemeindeglieder ergriffen, gefesselt und täglich zu jenen niedrigen Arbeiten geführt; wer einen Tag frei war, wurde am folgenden dazu gezwungen. Jetzt wird das Gerücht verbreitet, die Juden hätten muhamedanischen Boden verunreinigt: sie müssen schwere Geldstrafe zahlen; dann heißt es, sie hätten sich am Eigenthum eines Muhamedaners vergriffen: sie müssen Strafe zahlen oder sollen ausgetrieben werden. Erklären sich die Juden bereit, das Land zu verlassen, so sagt man ihnen, sie hätten vor Allem Strafe zu zahlen, dann könnten sie gehen. Geme würden wir mit der Bezahlung einer Geldsumme unsere Freiheit erkaufen, allein die geforderten Summen übersteigen alle unsere Kräfte. ״Im Jahre 2162 der Seleucidischen Zeitrechnung (1851) wurden wir in Folge einer Verabredung mehrerer arabischen Stämme überfallen und erlitten Verfolgungen, die so erschrecklich und eigenthümlich waren, daß wir sie unmöglich näher beschreiben können. Im Jahre 2166 (1855) entstand eine Empörung verschiedener Parteien gegen die Regierung, bei welcher Gelegenheit das Juden-Ouartier belagert und erobert ward. Sieben Wochen lang wurde wieder geplündert, zerstört, eingekerkert, gemartert. Ein ״Talmud chacham" (ein Theologe, Schriftgelehrter), dessen einzige Beschäftigung das Studium war, tödtete sich selbst, als er die Martern nicht länger zu ertragen vermochte. Ein junger Israelit aus vornehmer Familie war von einem Stammesoberhaupt unseres Landes zum Münzaufseher gemacht worden. Der Nachfolger des Fürsten, dessen Ohr der Verläumdung offen war, ließ den Jüngling und seine Brüder einkerkern und an einem Freitag — o Tag unaussprechlicher Betrübniß für die Juden! — wurde dem jungen Mann, ohne den Schatten eines gerichtlichen Verfahrens, der Kopf abgeschlagen. Einen Juden enthaupten, ist etwas völlig Unerhörtes in unserem Lande. Die Araber behaupten nämlich, und es ist ein alter, weit verbreiteter Glaube bei ihnen, daß eine solche Hinrichtungsart sieben Jahre Hungersnoth nach sich zöge. Unglücklicher Weise sollte dieser Aberglaube gewissermaßen Bestätigung finden: Drei Jahre lang herrschte in Folge Regenmangels große Noth im Lande. Und diese Noth brachte wieder Verfolgungen über uns: alle Verwandten des Ermordeten, und alle reichen Juden, welche von alten Zeiten her ausgedehntes Land eigenthum besaßen, wurden eingekerkert, mit dem Tode bedroht, mußten schwere Geldstrafen bezahlen und die vormals Reichen sahen sich gezwungen, im Lande umher zu wandern und für sich und ihre Kinder Brod zu erbetteln! Noch nicht zufrieden damit, hielten unsere Feinde ihre Augen offen auf diejenigen unter uns, bei denen sie noch einige Wohlhabenheit voraussetzten. Zehn bis fünfzehn Räuber verbanden sich mit einander, überfielen im Dunkel der Nacht unsere Wohnungen und nahmen weg, was ihre Lüsternheit reizte. Stumm mußte der jüdische Bewohner die Plünderung seines Hauses mit ansehen, und durfte es auch nicht wagen, sich bei den Gerichten zu beklagen: nicht nur blieb jede Klage nutzlos und wurde keiner Beschwerde abgeholfen, sondern die Kläger setzten sich auch der Gefahr aus, eingekerkert, gemartert, zum Beweise der Identität ihrer Räuber und der geraubten Habseligkeiten gezwungen zu werden, und wenn dieser Beweis nicht zur Genüge erbracht wurde, in schwere Geldstrafe genommen zu werden, ihr Unglück mithin nur noch vergrößert zu sehen. ״Vor einem Jahre erst, 1872, verschwand plötzlich eines der Häupter der revolutionären Partei; einer seiner Mitbürger hatte ihn erschlagen. Da er aber ein Todfeind der Juden gewesen war, so sprengte man das Gerücht aus, die Juden hätten ihn umgebracht. Hausen Araber aus verschiedenen Städten sammelten sich und beschlossen das Blut des Getödteten an den Juden zu rächen. Neue Verfolgungen begannen; eine große Menge unserer Brüder flüchteten und schlugen ihren Wohnsitz unter der muhamedanischen Bevölkerung in den Provinzen auf; letztere selbst mußte sich in Vertheidigungszustand setzen. ״Das Licht eines besseren Tages schien uns zu leuchten, als die Armee unseres jetzigen gnädigen Herrschers, des Sultan's von der Türkei, Besitz vom Lande Jemen ergriff. Letzte Ostern erreichte dieselbe unsere Provinz; die Rebellen wurden jetzt selbst angegriffen und nach kurzer Gegenwehr völlig geschlagen. Derselbe Mann, der den Juden hatte enthaupten lassen, hatte in seinem Hofe einen tiefen Brunnen, in dessen Innern er in der Seitenmauer eine Nische, eine Art Zimmer hatte anbringen lassen, wo er sich nach seiner Niederlage versteckte. Er wurde gefunden und gefangen abgeführt. ■ ״*».׳äUSSi