Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 46 (12.11.1873)
- Date
- 1873-11-12
- Page
- Seite 362 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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362 i > t gegen unser heiliges Schriftthum, das heilige Leben, das dort gepflegt wird. Wehe uns und unserem Zeitalter, daß diese Apikorsim, diese Gottesleugner es wagen können und dürfen, auch nur gegen den Satz zu schreiben, daß die Armen des heiligen Landes Vorgehen, den Armen im Vaterlande; daß sie cs wagen dürfen, zu behaupten, daß die hier cultivirend, veredelnd und versittlichend wirkende Wohlthätigkeit verdienstlicher sei, als die Almosenspende an die notorische Faulheit — d. i. Unsittlichkeit, wo sie auch wohnen mag!" Aber halt, צדקה, Gerechtigkeit! Ist es gerecht, dem zu geben, der arbeiten könnte, wenn er wollte und der dennoch nichts thut, während wir den vor unseren Augen darben lassen, der — ja, der arbeitet im Schweiße seines Angesichts und dessen Hand aber dennoch zu kurz ist zum Unterhalt seiner Lieben? — Ist es gerecht gegen die Jugend des hl. Landes, sie in Unwissenheit aufwachsen zu lassen, — weil sie hofft, einst auch nichts lernen und nichts arbeiten zu brauchen, wie ihre Väter — die sich durch die Chalukka (Spendenvertheilung) ernähren in der heiligen Stadt? Ist es gerecht, daß, wie es notorisch geschieht, die Spendenvertheiler sich den Löwenantheil nehmen und den notorisch Armen versumpfen und verhungern lassen? Und darum die Tausende, welche hier, vor unseren Augen, in ganz anderer Weise volkswirthschaftlich zur Hebung des Judenthums verwendet werden könnten? Welche für die: gesammte Judenheit segensreich, cultivirend wirken könnten?—: Aber — unsere geehrten Leser mögen entschuldigen,j wenn wir heute hier noch einen mehrfach uns ausgenöthigten' Gedanken, über den wir im vergangenen Sommer eingehende > Studien machten, aussprechen, der ihnen neu, vielleicht sogar unangenehm sein mag, weil er eine lang und warm gehegte Idee erschüttert. Es gab eine Zeit, in welcher sich ganz bedeutende Vereine fast in allen Ländern Deutschlands bildeten, ״zur Verbreitung des Handwerks unter den Juden." Der Gedanke war edel, es war philantropisch gedacht und ging von einer volkswirthschaftlich richtigen Ansicht aus. Aber der Fortschritt der Zeit und die neuen Bahnen des socialen Lebens wurde denn doch nicht mit in den Calcul gezogen und heute können wir die Behauptung aufftellen: Diese Vereine haben ihre Ausgabe zu ihrer Zeit erfüllt, aber sie haben doch nicht den erwarteten und zu erhoffenden Erfolg gehabt; was aber die Hauptsache ist: für uns deutsche Juden sind sie zur Zeit unnöthig, ja gewissermaßen schädlich geworden, und es ist nachgerade Zeit, sie aufzulösen. Wir haben dafür die aus theilweise schmerzlichen Ersahrungen gezogenen Gründe, welche wir in unserem Nächsten mittheilen werden. (Fortsetzung folgt.) Judenverfolgung in Minen. Jemen — wir hatten schon mehrmals Gelegenheit von dieser Landschaft zu sprechen — ist eine der zahlreichen Provinzen, in welche das heutige Arabien getheilt ist, und zwar die schönste und fruchtbarste des an üppigen Thälern und wüsten Strecken gleich reichen Landes. Viele der zahlreichen Stämme der (muhamedanischen) Araber leben noch wie zur Zeit David's und Salomo's im nomadischen Zustande, doch fehlt es auch nicht an volkreichen Städtchen und blühenden Dörfern. Eine bedeutende Menge Juden wohnen in ihrer Mitte — in welchem Zustande, darüber gibt ein von fünf einheimischen Juden und einem Oberrabbiner Unterzeichneter׳ Brief Aufschluß, der an die ״israel. Allianz" gerichtet ist, und wovon wir (nach dem ״Jewish Chronicle") nachstehend den wesentlichen Inhalt wiedergeben: ״Die Juden des Landes Jemen, erzählen die Schreiber, sind im Staatswie im geselligen Leben auf den tiefsten Grad der Herabwürdigung gebracht worden, die über das Land zerstreuten Gemeinden sind der unbarmherzigsten Verfolgung ausgesetzt und besonders die Gemeinde zu Sanah nebst ihren zahlreichen Verzweigungen hat Ursache, Euch um Schutz und Hülfe anzuflehen. Noch vor 50 Jahren war unsere Stadt berühmt durch den Wohlstand ihrer (jüdischen) Bewohner, die jetzt in Elend schmachten. Es war in der Seder- (Oster-) Nacht des Jahres 2122 der Seleucidischen i Zeitrechnung (1818), da die erste Verfolgung gegen uns los- ' brach. Bewaffnete aus der Stadt, verstärkt durch zahlreiche > Stämme der Umgegend, überftelen das Juden-Quartier, und raubten, plünderten, verwüsteten Alles in gräßlichster Weise. ׳Fast 300 Thora-Rollen, meist uralt, viele Tausende Bücher und Manuscripte wurden vernichtet oder zu den gemeinsten Gebräuchen entweiht; alles bewegliche Eigenthum wurde fortgeschleppt; zehn unserer vornehmsten Glaubensgenossen wurden ohne allen Grund hingerichtet. Einundzwanzig Tage lang dauerte die Zerstörung und Verfolgung, und wurde seitdem von Zeit zu Zeit wiederholt. Nackt und hülflos blieben wir, noch dazu in der Regenzeit, dem Elend ausgesetzt; daß auch nur Einer von uns dem Tode entrann, können wir nur der schützenden Gnade des Allmächtigen zuschreiben. Von diesem Tage an wurde unser Loos schrecklich, sanken wir tiefer und tiefer. Der niedrigste unserer Nachbarn, der Araber, selbst die kleinen Kinder, machen uns zur Zielscheibe ihres Hohnes und Spottes, stoßen Schimpfworte gegen uns aus, speien uns an; unter allerlei Vorwänden erpreßt man Geld von uns. Kein Tag vergeht, an welchem nicht neue Beschimpftmgen, neue Unterdrückung die des vorhergehenden Tages zu übertreffen scheinen. ״Wir wollen, beispielshalber, einige solcher Bedrückungen