Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 45 (5.11.1873)
- Date
- 1873-11-05
- Page
- Seite 357 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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357 Corresponäenz. ilfjcy, 10. Oct. Emil Lehmann's Antrag, für die Bedrängten in Israel öffentlich und gemeinsam zu beten, hat unsere volle Zustimmung. Wir abstrahiren von dem Verhältnisse, in welches sich die Synode zu diesem Anträge gestellt hat: wir ergreifen aber gern jedes Mittel, wodurch der geschwächte Gemeinsinn in Israel gehoben und gestärkt werden kann. Ohnedies ist es eine alte Erfahrung, daß in der Bedrängniß die Menschen sich leichter an einander schließen. Auch ist die Zeit unserer eigenen Bedrängniß noch nicht so lange vorüber, um ganz vergessen sein zu können: Spuren davon finden sich oft noch heute und der Furcht vor ihrer Wiederkehr sind wir noch nicht ganz überhoben. In hiesiger Synagoge ist ein solches Gebet daher schon längst üblich. Die betreffende Stelle ist dem allgemeinen Segen einverleibt und lautet: ״Segne auch deine Gemeinde Israel, Gott, so weit sie auf dem Erdenrunde zerstreut ist. Nimm hinweg den letzten Rest von Schmach und Druck von seinen Schultern und laß das Werk der Erhebung, Läuterung und Kräftigung von Innen und der Anerkennung von Außen gelingen und dauerhaft sein." Mbkiscke Ckarakterbikäer. Von Liebmann Adler in Chicago. (Aus ״Jewish Times".) Auch die Alten haben das Geld sehr, aber nicht weise, geliebt, und die Kunst der Heuchelei blühte vor viertausend Jahren noch üppiger, als unter uns im Schatten des neunzehnten Jahrhunderts. I. Die heilige Schrift gibt uns mit wenigen Pinselstrichen lebenstreue Charakterbilder des Schönen, Guten, Nachstrebungswürdigen, aber auch des Häßlichen, Bösen und Abschreckenden. Es ist für unsere Belehrung eben so ersprießlich, uns mit den Letzteren, wie mit den Ersteren vertraut zu machen, die Schatten-, wie die Lichtseiten des Alterthums kennen zu lernen. Es mag uns trösten und in unseren eigenen Augen heben, zu erkennen, daß unsere Sünden keine Originalsünden sind, sondern von unseren Vätern ererbte; und daß die Kinder eher auf dem Wege sind, besser zu werden, als die Alten waren. Wir wären Materialisten? Die Alten waren's noch mehr! Wir heucheln? Nicht so arg, wie die Alten! Im 1. B. M., Cap, 23, wird uns in einem kleinen Rahmen ein Bild geboten, wie zu Abrahams Zeiten und Umgebung in den besseren Gesellschaftskreisen Geschäfte abgeschlossen wurden. Abraham wollte die Höhle Machpela kaufen. Da wurden denn zwischen Käufer und Verkäufer eine Menge Complimente und schöne Redensarten gewechselt, gedankt und gebückt, gebückt und gedankt. Ephron wollte nur für Freundschaft, nicht für Geld, von der Höhle lassen; Abraham sie so nicht annehmen. Endlich läßt Ephron den Kern aus der höflichen Hülle blinken: ״Vierhundert Schekel Silber!" — Hierauf nimmt Abraham die schon bereit gehaltene Waage und wiegt haarscharf den angedeuteten Kaufpreis. Ephron dachte ja nicht daran: Abraham ein so hochgewerthetes Grundstück zu schenken; ihm war es ja von vornherein um das Schekel zu thun. Aber er durfte es wagen, es als Geschenk anzubieten, in der gewissen Voraussetzung: daß das Anerbieten für Das genommen werden werde, was es war, — für eine Höflichkeitssorm. Es ist das die Art und Weise, wie heute noch im Oriente unter den gebildeten Eingeborenen Geschäfte abgeschlossen werden. Im Allgemeinen fordert dort der Verkäufer nicht, der Käufer muß bieten. Wohl lehren auch uns Lebensklugheit und Sittlichkeit: sei höflich und rücksichtsvoll auch da, wo der handgreifliche, augenblickliche Vortheil es nicht fordert; sei zuvorkommend, selbst wenn du das Geld in der Hand hast; sei höflich, auch wenn die Waare bei dir gesucht wird; sei freundlich, auch wenn du oben stehst und man zu dir hinaufschaut; sei bescheiden, auch wenn du im Vortheile bist. 'Allein was uns die heil. Schrift hier erzählt, geht doch zu weit hinaus über unsere Begriffe des höflichen Anstandes! Hier sind uns zwei Männer von hoher Stellung vorgeführt, wie sie im Beisein ihrer Mitbürger, mit dem ernstesten Gesichte von der Welt, in Phrasen der Großmuth und der uneigennützigsten Freundschaft das Karlsobject herüber und hinüber schieben, und es weiß doch Jeder im Herzen: daß der ״Schekel" gemeint ist, und daß endlich das Silber und nicht die Freundschaft; nicht die Gewogenheit der Herzen, sondern das gewogene Metall den Ausschlag geben werde. In der Geschäftswelt unserer Zeit ist zwar auch noch Raum zum Besserwerden; aber diese manirten Umschweife und Freundschaftsrederei im Geschäfte würden jeden Gebildeten unserer Zeit anekeln. Man verhehlt es nicht, daß man im Handel Geld und nicht Freundschaft gewinnen will. Die Heuchelei im Handel und Wandel hätten wir überwunden. Aber in den übrigen gesellschaftlichen Beziehungen stehen wir noch mehr, als gut ist, auf dem Standpunkte Ephron's. Der Mund fließt über von Großmuth, Liebe und Freundschaft, Gottesfurcht und Tugend, Idealismus und Welt- Verbesserung; aber ein geübtes Ohr vernimmt durch alle diese lieblich klingenden oder ernstgetragenen Zungenklänge einen leisen, leisen Ton: der ״ — ארבע מאות שקל כסףViertausend Schekel Silber" haucht. Die schönen Reden sind die lachende, lockende Frucht; der Kern ist כסף — Silber.