Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1873-11-05 · 45 (5.11.1873) · p. Seite 356

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
45 (5.11.1873)
Date
1873-11-05
Page
Seite 356 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9588641-9578452-9578849--402-9578853
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nisterpräsident v. Hoffmann: ״Das Schuledict von 1832 ist hinfällig hauptsächlich aus einem Grunde; im Jahre 1832 standen sich nur zwei Confessionen —die katholische und protestantische — einander gegenüber; heute sind alle Bürger des Staates vollständig gleichberechtigt und haben ein gleiches Anrecht an der Schule." Wird es in Preußen nicht eben so ergehen? Abgesehen von einigen Thatsachen, die für eine freisinnige Auffassung in dieser Richtung sprechen; — wir rechnen hierzu u. A. die eben erfolgte Berufung des freisinnigsten, entschiedensten deutschen Volksschulmannes, des Seminardirectors Kahr von Gotha an das Seminar nach Halberstadt —, halten wir Angesichts des großen Kampfes gegen die Ultramontanen und der Anerkennung des Altkatholicismus ein anderes Schulgesetz für durchaus unmöglich. Unter diesen Umständen mag es nichts schaden, die Wünsche der Juden zur Zeit vorzutragen. Aber wir glauben, daß, so wie so, die Regelung dieser Angelegenheit auf dem Wege der Entwickelung liegt und, falls nicht alle Anzeichen trügen, auf die Dauer nicht ausbleiben kann. Ein Nüstelien zu knacken. Ein merkwürdiges, wohl das älteste Zeugniß von der Existenz der Juden in England unter den frühesten Plantagenets befindet sich im britischen Museum (Mscpt. Nr. 1251). Es besteht aus fünf lateinischen und zwei hebräischen Zeilen. Erstere sind vollkommen klar und deutlich und lauten im Wesentlichen dahin: ״Ich bescheinige von Richard de Malebys als Abschlag auf seine Schuld an meinen Herm Aaron Vier Pfund erhalten zu haben am ersten Montag nach dem Feste des heiligen Martin, dem ersten nach demTode Geoffrey's, Kanonikus von Lincoln." Zur Erklärung Folgendes: Kein eigentliches Datum ist angegeben, es ist nur auf den Tod eines Würdenträgers der Kirche hingewiesen. Dies war sehr gewöhnlich in jenen Zeiten, um jeder Fälschung möglichst vorzubeugen (vielleicht wollten auch die Juden sich nicht der christlichen Zeitrechnung bedienen?). Aaron von Lincoln und Geoffrey, ein natürlicher Sohn Heinrich's II., scheinen, wie aus andern uns überkommenen Zeugnissen hervorgeht, mancherlei Geldgeschäfte mit einander und für die Krone gemacht zu haben. Geoffrey starb Ende 1212 als Erzbischof von Jork. Martini, der 11. November, ist in einem Theile Englands (auch Deutschlands, in der Rheinpfalz z. B.) heute noch ein Zahlungstermin. Richard Malebys (״male beast“, wörtlich ״böses Thier") war ein englischer Edelmann, der 1189 die Juden plündern half und ״pro oooisioue luckavorum" (״wegen Judenmords") in schwere Geldstrafen verurtheilt worden war. Und nun zur hebräischen Zeile, die der Empfänger gleichsam zu seiner Erinnerung unter die lateinische Quittung in der jüdischen Currentschrift des 13. Jahrhunderts niederschrieb: קבלתי ארבע ליטר׳ מריקארט חייה רעה ב׳ וישב ק״מ״ג" שלמה מפריש d. h. ״ich habe empfangen vier Pfund (ליטר׳ sehr gewöhnliche Abkürzung) von Richard wildes Thier, 2. Tag (Vayescheb) 143. Salomo von Paris." Alles gut. Wildes Thier ist Malebys; der zweite Tag ist Montag; Vayescheb ist die Thora- Abtheilung, die um diese Zeit gelesen werden konnte, und Salomo von Paris ist vielleicht der gleiche mit Salomo von London, den Jbn Esra, der um jene Zeit England besuchte, wegen seiner Redlichkeit und Wohlthätigkeit so hoch belobt. Was aber bedeuten ק״ מ״ ג״ (ganz nett und deutlich geschrieben)? Ist es die Jahreszahl 143, die Tausender wie gewöhnlich weggelassen, also 5143, so gäbe es A. D. 1383, was unmöglich ist, da die Quittung, wie angegeben, ins Jahr 1213 (Martini nach Geoffrey's Tod) fällt; auch die Juden 1292 schon aus England vertrieben wurden, und die Schriftzüge ebenfalls auf eine frühere Zeit Hinweisen. Deutet die Zahl 143 auf die Eroberung Englands durch die Normanen (1066)? Dies gäbe 1219 — zu spät! Vielleicht will der Schreiber sagen: 143 Jahre nach Ankunft der Juden in England, welche einige Jahre nach der Eroberung, vielleicht 1070, stattfand, woraus sich dann allerdings 1213 ergäbe. Aber diese Art der Zeitrechnung wäre eine ziemlich außergewöhnliche. Oder ist ק״מ״ג״ gar keine Jahreszahl? "קנדליר מרטין" für ״Martini" ist ein in jener Zeit vielfach bei Quittungen vorkommender Ausdruck; was aber bedeutet dann das Gimmel? Oder soll die Abkürzung מיתת״ אלפריר)" bedeuten? Dann wäre Memm und Gimmel erklärt; aber Kof? Vielleicht wollte der Mann ״nach Geoffrey's Tod" sagen und schrieb "״ ״קודם מיתת גאלפרידvor" statt ״nach"; denn daß unser Freund ״Salomo von Paris" kein großer Hebräer war, zeigt er schon damit, daß er הייה mit zwei Jod statt mit einem schreibt (doch kommt diese Schreibweise in Dokumenten jener Zeit mehrfach vor). Auch ״קודש מרטי,-״ ״der heilige Martin" kommt zuweilen vor; aber was wäre dann wieder das Gimmel? Kurz, die hebräische Zeile hat manchem Gelehrten schon viel Kopfbrechens gemacht. (Air. Cooper konnte sich, als Christ, das ב״ וישב gar nicht, Hr. Dukes wollte es für ״December" erklären). Vielleicht ist einer unserer Leser glücklicher, als die Herren Gelehrten es bis jetzt waren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.