Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 44 (29.10.1873)
- Date
- 1873-10-29
- Page
- Seite 350 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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350 konnte. Jener nämlich erhielt einst von diesem den Auftrag, ihm das Beste, was cs gäbe, auf den Tisch zu bringen, und siehe, er brachte eine Zunge. Darauf wollte R. Meir auch einmal das Schlechteste, was es gäbe, kosten, und siehe, der Koch brachte ihm wieder eine Zunge. — Um die Lösung dieses Räthsels befragt, antwartete der zungenfertige Koch: ״Ich kenne nichts Besseres, aber auch nichts Schlechteres unter der Sonne als eine Zunge, und darum diente ich Dir in beiden Fällen mit einer solchen." — Unterdessen rückte der ״schwarze Sabbath" heran. Beim Eintritt in die Synagoge stel mir eine äußerlich derangirte Gestalt auf; das Vorhemdchen zeigte die Farbe des Sabbaths in noch höherem Grade, als das ״Käppchen", das den verworrenen, üppigen Haarwuchs derselben bedeckte; ein edler, einnehmender Zug sprach nichtsdestoweniger aus dem gutmüthigen Gesichte — es war der Synagogendiener dieser ebenso reichen, wie würde- und anstandsvollen Gemeinde. — Der Cantor intonirte eben den Trauer-Lechodaudi, als ein Geräusch seine herzvolle Weise auf das Unangenehmste störte — es war Jemand über die kleinen ״einen Tephach" (handhoch) bei Leibe nicht übersteigenden Bänkchen gestolpert, die vor den eigentlichen Subsellien wohlweislich schon heute, zum Ergötzen Vieler, aufgestellt sind, und auf welchen am Tische-beaw Trauerlieder angestimmt werden sollen. Die Jugend, die Zukunft des Judenthums, saß stumm und theilnahmslos da, oder vertrieb sich die Zeit mit Scherzen und Spielen. Beim Morgengottesdienst hatte ich die Ehre, zur Thora aufgerufen zu werden. Der fromme Rabbiner, der den Ketzer in mir wittern mochte, soll, wie man mich versicherte, auf meine Benediction das ״Amen" nicht gesprochen haben. — Allerdings ein harter Verlust, der wohl eine Reise nach Canossa, ״reuig und im Büßerhemd" verdiente. Solltest Du nun, großer und erhabener Geist, meinen aus tiefer Seele mir aufsteigenden Dank dafür, daß Du auch mich in Deiner Gemeinde Israel zum Träger Deines einzigen und einigen Namens aus allen Völkern erwählt hast, nicht huldvoll annehmen, weil Se. Heiligkeit mir das ״Placet" verweigerte? Inzwischen rückte der Tischa-beaw heran. Die Sonne hatte kaum ihren ersten Morgengruß der Menschheit gesandt, als sich auch die Pforten der Synagoge öffneten. Die Trauer um Jerusalem und das sehnsüchtige Verlangen nach Wieder- Herstellung eines Tempels und dessen Apparats mochte doch nicht allzu groß sein, da nur einzelne Glieder der Gemeinde Einlaß begehrten, und wieder andere blos ihre Visitenkarten dem lieben Gott resp. dem Rabbiner abgaben, um sich gleich darauf wieder zu entfernen. Auch ich ging, wenn auch mit anderen Gefühlen, in die Synagoge. Ich wollte gerade jetzt, als glücklicher, freier Jude, mich der unglücklichen Tage meiner Vorfahren erinnern, wollte dadurch meinen lebendigen Zusammenhang mit dem, wofür sie Jahrtausende lang gelebt und gelitten, bekunden, und mir dadurch selber den Gedanken nachdrucksvoll vor die Seele führen, daß wir in der endlich errungenen Freiheit unsere geschichtliche Aufgabe als Israeliten nicht aus den Augen verlieren dürfen, daß das ״Gesetz" erst die Freiheit geben kann. So glaubte ich auch die Bedeutung des T. B. zum Segen der Anwesenden, und vorzugsweise zum Segen der Jugend, von der Kanzel verkündet zu hören. Doch Nichts von alledem. Dagegen war Alles, was man sah und hörte und — roch, dazu angethan, einen Widerwillen gegen einen solchen ״Gottesdienst" wachzurufen. In einer Herberge herrschen bessere Begriffe von Anstand und Würde als hier in dem der Gottheit geweihten Hause. Der Anstand gebot mir, eine Zeit lang auszuharren. Die Klagelieder und Zioniden fanden wenig Absatz, das Angebot überstieg bei Weitem die Nachfrage, und so war jeder Kauflustige willkommen, wenn er auch über die Rudimente des hebräischen Lesens nicht hinaus war. Als aber ein Schlachtergeselle, hingestreckt wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, den zierlichen Fuß nur mit Strümpfen bekleidet und keiner nach sau ä6 Cologne duftend, ein ergreifendes, hochpoeüsches Klagelied nicht nur abschlachtete, sondern gar abschindete — da hielt ich's nicht länger aus inmitten einer Gesellschaft, die meine heiligsten Gefühle so tief verletzte. Es zog mich mächtig hinaus, hinaus in den nahen Wald, in den Tempel der Natur. Da ist feierliche Andacht! Da waltet ein hehrer, göttlicher Geist! Leise murmelten die Quellen ein Gebet, so ergreifend und verständlich; in lautloser, stummer Andacht lag Gottes Schöpfung da, und Frühlingsluft, von fern sich erhebend, wehete mich an wie der Segen Gottes. Die Schatten der Nacht lagerten schon tief über Feld und Wald, und erfüllten mit ahnungsvollem, heiligem Grauen die ״bessere Seele" in mir, als ich den Rückweg antrat. Das Bild meiner engen Zelle, meiner freundlich brennenden Lampe, wo ״die Vernunft wieder anfängt zu sprechen und die Hoffnung zu blühen", trat jetzt mit einem eigenen Zauber vor meine Seele hin und erfüllte sie mit einem sehnsüchtigen Verlangen. Einen letzten Händedruck den Meinen; ein letztes Lebewohl den freundlichen Bergen — und hinter mir lag das stille, geräuschlose und traurige Städtchen W. K. Amitti. Feuilleton. Der Tempel der Zukunft. (Ein ״Tischah-beaf" im Hochgebirge.) .OM (Von Dr. ßcopofd Stein•) (Schluß.) IV. Und dieser Allmenschheitsgedanke, Den klar die alten Seher sahn, Und dem entgegenwarf die Schranke, Die mächt'ge, finstere, der Wahn,