Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 44 (29.10.1873)
- Date
- 1873-10-29
- Page
- Seite 347 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9588641-9578452-9578840--392-9578843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
347 nicht dafür gesorgt ist, daß jedes jüdische Kind in Deutschland durch einen tüchtigen jüdischen Lehrer entsprechenden Religionsunterricht erhält; so lange notorisch Tausende von jüdischen Kindern in Deutschland keine Gelegenheit finden, sich das einem jeden Juden nöthige religiöse Wissen anzueignen —, haben wir die Pflicht, alle unsere Institutionen so einzurichten, daß wir mittelst derselben auch zur Erfüllung unserer ersten und nächsten religiösen Aufgabe beitragen können. Eine ״ortkoäoxe" §1jnagogen-Einweikung beschreibt die ״Chicago Tribüne" aus christlicher Feder etwa folgendermaßen: Die Gemeinde Beth Hamidrasch in Chicago, aus polnischen Juden bestehend, weihte gestern ihre neue Synagoge, ein hübsches Gebäude im maurischen Style, ein. Sie versammelte sich in ihrem bisherigen Bethause, einem dunkeln und schmutzigen Zimmer, wo die Ceremonie damit begann, daß eine Mustkbande eine buntscheckige Menge Volksmelodien abspielte. Dann wurde eine öffentliche Versteigerung abgehalten über Dinge, die nach der neuen Synagoge zu tragen waren. Die Ehre, den Schlüssel des neuen Gebäudes tragen zu dürfen, ersteigerte ein Herr für Doll. 42. 50.; die Ehre, eine Thora-Rolle tragen zu dürfen, wurde mit Doll. 10—20. bezahlt. Hierauf trat die Chebrah Ahabath Schalom ein und überreichte dem Präsidenten einen Korb Blumen, einen ungeheuren Hochzeit (?)-Kuchen und einen schweren silbernen Becher. Eine neue Versteigerung begann: das Tragen des Bechers wurde mit Doll. 10., das des Kuchens mit Doll. 5. bezahlt. Nun begann der Zug: Voran die Theater-Musik, dann sieben Mann in einer Reihe, jeder eine Thora tragend; hierauf ein Gentleman mit einem Blumenkorb und dem silbernen Becher, ein anderer mit Esrog und Lulas, ein dritter mit zwei Widderhörnern lSchosar) aus einer silbernen Platte, ein vierter mit einem Arm voll hebräischer Bücher, ein fünfter mit dem Kuchen, den er hoch in den Lüften schwang; eine Menge Männer und Knaben schloß den Zug. Am Thor der Synagoge auf der obersten Stufe stand der Vorsänger, und er nebst einem großen dicken Mann und einem kleinen Jungen (״Baß und Singer?") stimmten einen hebräischen Gesang an: ״Gesegnet sei, der da kommt." Kaum hatte Hr. Barnard das von ihm mit Doll. 42.50. bezahlte Oeffnen der Thüre vollbracht, so stürzte sich, trotz des ALwehrens von, einem halben Dutzend Polizeidienern, die Menge in großem Gewirrs hinein. Ein Gebet wurde gesprachen — eine dritte Versteigerung begann und die Ehre, den überaus prächtigen Vorhang vor die heilige Lade hängen zu dürfen, wurde mit Doll. 20. bezahlt. Der Vorsänger sang ein hebräisches Lied und die Musik spielte dann den Strauß'- schen Walzer: ״An der blauen Donau". In einer vierten Versteigerung wurde die Ehre, das ״ewige Licht" anzünden zu dürfen, mit Doll. 30. bezahlt, die Musik begann eine Polka während des Anzündens und der Herr Anzünder wurde mit lautem Beifall der Versammelten und mit einem Tusch der Musik für seine Geschicklichkeit belohnt. Nun wurde eine Versteigerung abgehalten, wer die übrigen Lichter anzünden dürfe. Diese Ehre wurde von jungen unverheiratheten Damen ersteigert, welche stolz die Leiter Hinanstiegen und ihr Licht leuchten ließen. Es geht der Glaube, daß die Herzenswünsche der jungen Damen erfüllt würden, die eine solche Gott wohlgefällige Handlung — Mizvah — übe. Nachdem alle Lichter angezündet waren, wurde die amerikanische National-Hymne gefordert und von der Musik bereitwillig ausgeführt. Nach wiederholter Versteigerung wurden die Thoras nach den Tönen einer lustigen Musik im Saale herumgetragen und dann stellten sich die Träger vor der hl. Lade auf. In einer neuen Versteigerung wurde die Ehre, die Rollen darin aufstellen zu dürfen, mit guten Preisen bezahlt; Cantor und Chor sangen, die Musik spielte einen fröhlichen Walzer, bei dessen Klängen alte Leute sich umarmten und dann zu tanzen anfingen trotz Morlachi oder Rigl (Ballettänzer). Nun wurde D1\ Messing eingesührt. Der ehrwürdige Geistliche forderte vor Allem, daß die kleinen Kinder entfernt würden, denn vor dem Schreien und Weinen der Bäbies (Säuglinge) hörte man sein eigenes Wort nicht. Als seinem Wunsche gewährleistet war, hielt er eine sehr hübsche Ansprache, die er mit den Worten schloß: ״Ihr habt viel Geld aufgewendet und habt ein schönes Haus gebaut, aber Geld machen mögt Ihr draußen, dies Haus sei allein Gott und seinem Ruhm geweiht." Nach ihm ward ein Hr. Stone (Stein) eingeführt. Er sei ein polnischer Jude, begann er, und sei stolz daraus und sei auch stolz auf seine Mitbrüder ... wo und wenn Geld zum Gottesdienst nöthig wäre, seien sie immer bereit, ״mit vollen Händen zu geben" u. s. w. Hierauf spielte die Musik Polka, Mazurka und andere Tänze auf und einige Alte begannen wieder zu tanzen, wurden aber diesmal schnell vom Vorstand gehindert, der einen Tanz an heiliger Stätte für unpassend hielt. Es war nahe an 5 Uhr, die Ceremonie hatte bereits acht Stunden gedauert; sie schien noch lange ihr Ende nicht erreicht zu haben und mindestens bis Mitternacht dauern zu sollen; obwohl im Bäsement (unteren Räumen) Bier, Wein und Liqueure servirt wurden, sah sich unser Berichterstatter hier gezwungen, vom Hunger getrieben, die interessante Versammlung zu verlassen.