Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 44 (29.10.1873)
- Date
- 1873-10-29
- Page
- Seite 346 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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346 konnte. Im Judenhaß secundiren tapfer (?) die Journale der entgegengesetzten Richtung — die Radikalen; — es ist dasselbe Schauspiel, das uns aus der deutschen Journalistik bekannt ist. Wir sind der festen Ueberzeugung, daß der Genius Frankreichs nicht untergehen kann. Die Nation, die die Revolution von 1789 gemacht hat, welche die herrlichsten Ideen der Neuzeit ans Licht gerufen; das Volk, welches so lange der Hort der Gewissensfreiheit war, in welchem die Gleichheit sich so tief eingelebt hat, daß die verschiedenartigsten Regierungen dieses Jahrhunderts es nicht wagen konnten, an ihr zu rütteln, kann momentan in seiner Entwickelung zurückweichen, aber nicht untergehen. Und einem Untergang gleich ist ein solcher dauernder Rückschritt in unserer Zeit, wo fast alle Völker Europas auf der Höhe jener herrlichen in Frankreich geborenen Ideen angekommen sind. Die Mächte der Finsterniß können wohl auf eine'Weile siegen; ihr Sieg wird jedoch nur von kurzer Dauer sein. Und wenn die Restauration, — wenn sie, was wahrscheinlich ist, zu Stande kommt, — wirklich den Bund mit dem Aberglauben, dem Ultramontanismus und den Jesuiten aufrecht erhält, so wird ihr Bestand nur um so kürzer sein. Wie dem aber auch sei — die Gegenwart und die nächste Zukunft Frankreichs ist trüb, sehr trüb! Tritt unter solchen Bedingungen nicht um so mächtiger das Bedürfniß einer Reorganisation der Alliance an uns heran? Frankreich schien bis vor wenigen Jahren fast der alleinige unbezweifelte Hort der vollen Gewissensfreiheit und der Gleichheit vor dem Gesetze zu sein. In dem Augenblicke, wo diese dort in Frage steht, während sie allüberall in Europa fast gesichert erscheinen, kann Frankreich nicht mehr ausschließlich das Recht in Anspruch nehmen, die Gesammtleitung einer über den ganzen Erdball verbreiteten Institution zu haben, deren Basis und Kraft eben diese hehren Güter sind. Wir müssen etwa möglichen Mißverständnissen schon jetzt Vorbeugen. Wir sagen Gesammtleitung — nicht Centralleitung. Wir würden jetzt, wie zu allen Zeiten Bestrebungen entgegentreten, die die Centralleitung dem Comite in Paris zu entreißen versuchten. So lange der Mann an der Spitze der Alliance steht, der allein unter allen Israeliten der Gegenwart der geborene Präsident der Alliance ist, wäre eine Uebertragung auf ein anderes Land ein Verbrechen. Und eine Losreißung wäre zu jeder Zeit gleichbedeutend mit einer Auflösung. Die Kraft und die Erhabenheit der Alliance isr. universelle liegt in ihrer Einheit. Für Viele ist es eben nur dieser Gedanke, der sie für die Alliance begeisterte. Für Viele ist die Alliance — leider — nur noch das einzige Symbol, das sie mit der Gesammtheit Israels verindet und zusammenhält. Wir, die wir dem Judenthume mit unserem ganzen Sein angehören, denen es der Grund des ganzen sittlichen Lebens ist, dürfen gleichwohl nicht diejenigen zurückstoßen und des Haltes berauben, in welchem sich ihre Zugehörigkeit zum Judenthume äußerlich dokumentirten. Gott allein prüft das Herz und die Nieren! Wir dürfen uns nicht jenen Zerstörern und Verwüstern zugesellen, die, es ist schrecklich es auszusprechen, die Trennung des Judenthums ״in Confessionen" neuerdings anstreben. Also, die Alliance muß reorganisirt — aber ihre Einheit muß intact gehalten werden. Was ist da zu thun? Tausende von fruchtbringenden und aufstrebenden Institutionen geben uns vollständig genügende Beispiele. Die deutsche Judenheit muß eine Organisation für die Bewegung im Innern, eine Gliederung in Orts- und Provincialvereinen schaffen. Ihre Spitze bildet ein dem Präsidium in Paris untergebenes (Sonnte, das sein eigenes Ressort vertritt und dabei diejenigen Angelegenheiten, die nur Deutschland betreffen, selbstständig ordnet. Das Centralcomite hat die Centralverwaltung — aber kein Ressort. Es besteht aus nur wenigen Personen — etwa fünf —, sein Sitz ist und bleibt in Paris. Die Vicepräsidenten in den fünf größten europäischen Ländern — Deutschland, Oesterreich, Italien, England und Frankreich — vertreten persönlich ihre Ressorts gegenüber der Gesammtheit, dem Präsidium und der Generalversammlung, die alternirt, und bei welcher sie selbst erscheinen oder sich vertreten lassen. Dies in Kürze einzelne Punkte, auf welche gestützt, eine Reorganisation der Alliance möglich ist und die, gut ausgearbeitet und durchgeführt, der großen Institution neue Kraft zuführen würde. Nur auf diesem oder ähnlichem Wege ist es möglich, die Alliance zur vollen Entfaltung Zu bringen. Wir haben nur noch eine Bemerkung anzusügen. Für die deutsche Judenheit der Gegenwart kann und darf es keine einheitliche Institution geben, die nicht auch die inneren Fragen ins Auge faßt. Wir können und dürfen uns nicht ruhig der Wirksamkeit für weite Fernen hingeben, so lange es im Innern sehr im Argen liegt. Das Centralcomite in Paris kann sich mit diesen internen, deutschen Judenfragen nicht beschäftigen, ein deutsches Landescomite kann und muß es. In der Gegenwart ist man endlich zu der Einsicht gekommen, daß alle religiösen, politischen und socialen Fragen in der Erziehungsfrage gipfeln. Im Judenthum ist das noch in stärkerem Maße der Fall. Seit 12 Jahren vertreten wir den Satz: die jüdischen Fragen sind eigentlich Erziehungs-, d. i. Religionsunterrichtsfragen. Und die Unterrichtsfrage ist zur Zeit Lehrerfrage. Wir haben vor einiger Zeit die Genugthuung gehabt, daß einer der edelsten, besten und thütigsten deutschen Juden dieser Behauptung fast zustimmte. So lange