Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 44 (29.10.1873)
- Date
- 1873-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Vollszeitung. Wochenschrift Lrrs rl-eS in Ermrwkr und Ir^ulr^ I^nsgogr unk Leßekkuayen nehmen alle Postanst lten und H°r--Usg°geb-N °°n I. W»g««-I«° i» Zngclheim, bisher Herausgeber des ״Jsr. Lehrer" und des ״Synodalblatt". Inserate sind an die Verlagshandlung von Joh. Friedr. Hartknoch in Leipzig zu senden. Preis der 3gesp. Zeile 2 Ngr. No. 44. Leipzig, den 29. OctoLer. 1873. A n K a k t: Frankreich und die Alliance israälite universelle. — Eine ״orthodoxe" Synagogen-Einweihung. — Correspondenzen: Aus Württemberg, Alzey, Gaya, Aus Amerika. — Mein ״trauriger" Aufenthalt in W. (Schluß). — Feuilleton: Der Tempel der Zukunft (Schluß). — Berichtigung. — Anzeigen. Frankreich und die Höiance israefite universeüe. Als zur Zeit des jüngsten deutsch-französischen Krieges deutsche Stimmen beantragten, daß nunmehr die deutschen Israeliten die Leitung der Alliance isr. universelle an sich nehmen sollten, traten wir mit Entschiedenheit allen derartigen Bestrebungen entgegen. Wir betonten die unzerstörbare Einheit des Judenthums, deren Verkörperung die Alliance sein soll; wir kämpften für das Recht der französischen Juden auf die Vaterschaft der Idee, die nur in einem Lande wie Frankreich, wo die Gewissensfreiheit und die Gleichheit vor dem Gesetze sich so tief eingelebt, Wurzel fassen und sich so mächtig ausbreiten konnte. Wir hatten jedoch damals und zu allen Zeiten zugestanden, daß die Organisation der Alliance verbesserungsfähig sei. Die ersten Begründer der Alliance waren nicht im Stande, die enorme Tragweite ihrer Idee und die derselben entsprechende Ausdehnung des Bundes im Voraus in Aussicht zu nehmen. Als daher nach dem Kriege deutsche Israeliten, warme Freunde der Alliance und des Judenthums, eine Reorganisation befürworteten -und anstrebten, schlossen wir uns diesen Bestrebungen in loyaler Weise an. Unsere Mühen waren vergeblich; die Reorganisation ist nicht zu Stande gekommen. Parteigetriebe und persönliche Eitelkeit unterwühlten das im Interesse der Judenheit und der Alliance unternommene Beginnen. Mißverständnisse zwischen den Leitern der deutschen Bewegung und den an der Spitze des französischen Centralcomites stehenden Männern wurden hervorgerufen und genährt von Deutschland aus. Das ist ja der Fluch des deutschen Judenthums der Gegenwart, daß jede Selbstsucht sich durch die Flagge der ״Partei" deckt; daß jedes dem Eigennutze im Wege stehende Beginnen als aus ״destructiven Tendenzen hervorgegangen" bekämpft wird, während man die eigene Person und ihr Interesse ebenfalls hinter der Partei verschanzt. Darum kannjetzt nichts Neues, Einheitliches geschaffen werden in der deutschen Judenheit. Gott besser's! Die Fortschritte, welche indeß die Alliance im Laufe dieses Jahres machte, sind weder den hohen Zielen und Aufgaben derselben, noch dem geistigen Aufschwünge, den sie in der jüngsten Zeit machte, noch der Sympathie, welche sich die Idee früher errungen hatte, entsprechend. Es kann nicht geleugnet werden, daß das Scheitern der obengenannten Bestrebungen ihrer kräftigen Ausbreitung hindernd im Wege steht. —■ Und nun kommt ein neues Unglück, ein Zwischenfall, der nicht vorausgesehen werden konnte. Es kann nicht geleugnet werden — Frankreich ist in einer traurigen Krisis begriffen, welche die herrlichsten seiner Errungenschaften — wenn auch nur für eine kurze Dauer — in Gefahr bringt. Seit einem Jahre, das gestehen jetzt selbst unsere Glaubensgenossen in Frankreich zu, wird dort die Gewissensfreiheit und die Gleichheit vor dem Gesetze systematisch bekämpft; der Ultramontanismus, in Deutschland gebrochen und fast besiegt, erhebt dort kühn, fast überfrech sein Haupt in einer Weise, wie man es nicht ahnen, geschweige denn für möglich halten .FL 4)1