Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 43 (21.10.1873)
- Date
- 1873-10-21
- Page
- Seite 341 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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341 einige Rücksichtnahme von beiden Seiten zur Ausgleichung förderlich wäre. Was wir über Charakter und Wissen des Rabbinen Di־. Kroner von zuverlässigen Bekannten und Studiengenossen erfahren haben, gibt uns das Vertrauen, daß wohl einiger jugendlicher Uebereifer vorhanden sein mag, daß aber Zeit und Erfahrung diese scharfen Ecken abschleifen wird und daß D1\ Kroner am wenigsten sich darüber freut, daß man ihn durch Lobeserhebungen im ״Israelit" zum Genossen dieser Richtung zu zeichnen bestrebt ist. Lassen wir daher vorläufig diese Sache ruhen. Nur einem amerikanischen Blatte — der ״Deborah" — müssen wir zur gefälligen Beachtung noch bedeuten, daß der Mann, welcher auf Veranlassung des Herrn Di־. Kroner zu einer dreimonatlichen Gefängnißstrafe verurtheilt wurde, kein Jude war und daß die Beleidigungen, die derselbe .ausstieß, sehr graver Natur und mehr das Judenthum als den Rabbiner treffend waren. Die herben Folgerungen, die Herr Rabbiner und Redacteur Dr. Wise an dieses Vorkommen knüpfte, sind demnach — fehlgeschossen. So schlimm siehts denn doch in Deutschland nicht aus. Die Zeit, in welcher die Orthodoxie allein nach oben hin Geltung hatte und dominirte, ist Gott sei Dank vorüber; das möge man im Auslande wohl wissen. Daß der fanatisirte Janhagel anfängt, mit den Ultramontanen gemeinsame Sache zu machen, ist ein Beweis dafür, daß ihre Zeit vorüber ist, wenn die freisinnige Partei sich nur aus ihrer beispiellosen Lethargie aufrafft. ilnndjcbau. 167. Aus Constantine wird von einer eigenthümlichen Ruhestörung berichtet, welche dort am 6. October zwischen Juden und Arabern stattgefunden hat. Es fand ein jüdisches! Begrübniß statt. Ein Unterofficier von den eingeborenen! Tirailleurs beschimpfte den Zug, indem er ihn, wie es heißt, anspie. Er war allein oder fast allein. Die Juden stürzten; sich auf ihn, schlugen ihn zu Boden und warfen ihn einen Abhang von mehr als hundert Metern hinab, zu dessen Füßen der Rumel-Bach fließt. Der dienstthuende Ofsicier des nächsten Postens, ein Hauptmann von den Spahis, ließ einige Jäger, die er gerade bei der Hand hatte, zu Pferde steigen. Inzwischen waren schon Araber herbeigelaufen, um ihren Glaubensgenossen zu rächen, und es hatte sich eine große und blutige Schlägerei entsponnen, an welcher mehrere Tausend Araber und Juden Theil nahmen. Die Reiter stellten die Ordnung wieder her und rafften die Verwundeten auf; an 20 Araber waren auf dem Platze geblieben, drei von ihnen tödtlich verwundet. Gleichzeitig war es zu einem ähnlichen Conflicte an einem anderen Punkte der Stadt gekommen; hier hatten die Juden die Polizei herbeigeholt, aber ehe diese noch drei der arabischen Ruhestörer abführen konnte, waren dieselben von den Juden halbtodt geschlagen worden. Bei Abgang der Post war die ganze Garnison auf den Beinen und Patrouillen zogen durch die Stadt. Mein ״trauriger" Aufcntftaft in M. Wie Göttingen durch seine ״Würste", so ist W. berühmt durch seine ״Bohnen", die von hier in alle Welt exportirt werden, und wenn Du, lieber Leser, dafür kein Interesse verspürst" und auch an ״Bame madlikin" und ״Jekum Purkan" keinen Geschmack findest, die hier noch üppiger als Bohnen gedeihen, dann darf ich wohl voraussetzen, daß von da kein sterbliches Wort sich in dieses, dem Fortschritt und seinen Freunden dienendes Blatt verirrt haben wird, wodurch Du vielleicht diese Bekanntschaft gemacht haben könntest. Ich werde daher zur besseren Orientirung einen Augenblick bei seiner geographischen Lage verweilen müssen. Da, wo jener Fluß seinen Lauf vollendet, den der Schöpfer deshalb durch das ״verhungerte Land" ausgoß, um ״Fastenspeisen dem Tisch des ftommen Bischof zu liefern", und wo zugleich jener seinen Lauf beginnt, von welchem unsere großen Dichterdioskuren weiter sangen, und heute noch, nach 76 Jahren singen könnten: ״Leider von mir ist gar nichts zu sagen, auch zu dem kleinsten Epigramme bedenkt! geb' ich der Muse nicht Stoff!" — Von da lenkt man den Schritt, wenn man die Bahn nicht vorzieben sollte, in süd-östlicher Richtung, und ehe man's ahnt, sieht man, umrahmt von einladenden, weinumrankten Höhen und Bergen, in einem fruchtbaren Thale, das Städtchen W-, still und geräuschlos, vor sich liegen. Es war gerade in den ״neun Tagen", der jüdischen Trauer- und Fastenzeit, als mich ein ungünstiges Geschick eine Reise dorthin antreten ließ. Der Tisch des ״altgläubigen" oder, was oft dasselbe ist, des auch dem Veralteten gegenüber gläubigen Juden, bietet da nichts als Milch- und Fischspeisen, nicht einmal Geflügel, dessen Verbindung mit Milch nach talmudischer Anschauung ״biblisch erlaubt", und 60 ipso kein Fleisch ist — läßt sich aus demselben erblicken. Unterwegs traf ich einen Bekannten, der, als ich ihm das Ziel meiner Reise mittheilte, verwundert ausries: ״Sie wollen wirklich nach dieser milchigen Medine?!" Ich hatte schon ftüher eine Warnung erhalten, doch nolentem trahant lata, ein Familienereigniß hielt mich in V. länger zurück, und so mußte ich jetzt die Reise nach W. antreten. Die Sonne hatte sich eben purpurn zum Abschiede gekleidet, golden beleuchtete sie nur noch die Spitzen der Berge, als ich daselbst im Kreise theurer Verwandten eintraf. Die lange und eifrig gepflogene Unterhaltung wurde zuletzt durch das geflügelte Wort: ״Du wirst wohl Hunger haben" unterbrochen, und bald saßen wir