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Jüdische Volkszeitung · 1873-10-21 · 43 (21.10.1873) · p. Seite 339

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
43 (21.10.1873)
Date
1873-10-21
Page
Seite 339 (sequence 3)
Language
German
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339 und entschiedenen Worten die jüdische Wissenschaft fördern, sie nach Möglichkeit bereichern helfen, popularisiren, ihr dienen, sie unterstützen und diejenigen Werke zu verbreiten suchen, die das Errungene in kleine Münze umsetzen und hineintragen in die durch Sittlichkeit und echte, nicht gefärbte und gefälschte Frömmigkeit gottgeheiligten Wohnungen Israels. Der Wahrheit dienen, offen und ohne Scheu; uns zusammenschaaren für den Fortschritt, gegen die Verfinsterer des Judenthums! — Zaghaftes Auftreten ist in unserer Zeit Verrath. Die Wahrheit muß hell leuchten und sie wird siegen! Wenn wir nicht bald uns zusammenschaaren und auftaffen, dann wird — vielleicht schon in kürzester Frist — die Orthodoxie allein noch auf dem Plane sein. Wie dann? Wir nlüssen' ein Ende machen mit alledem, was wir an Zaghaftigkeit, Gleichgültigkeit und kleinlicher Eifersüchtelei noch unter uns haben, um den Manen unserer Vorgänger gerecht zu werden. Wir nennen heute in dieser Richtung nur ein einziges Wort: die dritte Synode! Sollten die freidenkenden Israeliten allein der fördernden Gewalten der Gegenwart, der Vereine, Versammlungen und Presse entbehren können und — wollen? * * * Wenn aber unsere Erinnerungen und Mahnungen zur Zeit vergeblich wären und über kurz oder lang die Reform und die fortschrittliche Richtung innerhalb des Judenthums anscheinend begraben sein sollte unter der Asche des Jndifferentismus, verbrannt durch den Glutosen des Fanatismus, der Rückschrittshelden? Auch dann, wenn unser Wort verhallt ist und unsere Feder ruht, verzweifeln wir nicht an der guten Sache und an ihrem endlichen Siege. So gewiß die Ideen des Judenthums und seine weltumbildenden Grundsätze nie untergehen können, so sicher ist — der Sieg des Lichts והיה לעת ערב ״ יהיה אורund zur Abendzeit wird es Licht werden." * * * Wir knüpfen an diese Worte eine Stelle aus einer amerikanischen jüdischen Zeitschrift, der ״Jewish Times": ״Ich habe in diesen Skizzen gezeigt, wie heftig beim Beginne der von Mendelssohn angeregten Reform des Judenthums für und wider dieselbe gekämpft wurde. Die Alten kämpften für die bestehende Absonderung vom Culturleben der Christen, für die Erhaltung alles Ueberkommenen. Die Jungen kämpften für eine lebhafte Betheiligung an dem allgemeinen Culturleben und wollten das Ueberkommene nur mit einer Auswahl erhalten. Der Kampf war hitzig auf beiden Seiten; die Jugend siegte. Aber sie ruhte nicht schläfrig auf ihren Lorbeeren. Der erste Erfolg stachelte sie zu neuem Streben auf; und man hat in diesen Aufzeichnungen gesehen, wie neben Mendelssohn auch seine Mitstrebenden sich erst die Mittel zu ihrer eigenen Bildung mühsam und unter den unsäglichsten Entbehrungen herbeischaffen mußten, bevor sie als Reform«- toren vor ihren Glaubensgenossen auftreten und sich Anhang verschaffen konnten. Sie waren Handlanger und Baumeister zugleich. Sie waren genöthigt, die Materialien herbeizuschleppen, mit welchen sie den Bau aufführten. Indem sie aber für die Betheiligung der Juden an dem allgemeinen Culturprocesse unermüdlich arbeiteten, suchten sie, die selbst noch von dem Hasse und den Vorurtheilen der Christen so sehr zu leiden hatten, die Emancipation ihrer Glaubensbrüder vorzubereiten. Diesen edlen Kämpfern ging es indessen, wie den großen Propheten. Sie führten die Ihrigen aus der Sclaverei in das ׳ gelobte Land der Freiheit; ihnen selbst aber war es nicht! vergönnt, dasselbe zu betreten. Die Befreier gehörten immer!noch zu den Verfolgten. j Nicht 'alle Juden, die heute frei athmen, denken an ן die Vorfahren, denen sie die Freiheit zu verdanken haben, j Sie gleichen den lachenden Erben, welche, die dampfende! Cigarre zwischen den Lippen, mit ausgestreckten Beinen und den Kops auf die weichen Polster zurückgelehnt, in glänzender Equipage durch die Straßen rollen, vornehm auf oie Fußgänger blicken und sich nicht der Väter erinnern, deren saurer Arbeit sie den mühelosen Genuß der irdischen Güter schulden. Es gibt gar viele reiche Juden in Deutschland, denen es niemals einfällt, daß sie vielleicht jetzt noch hier und dort gelbe Abzeichen an ihrer Kleidung tragen und Leibzoll zahlen müßten, wenn nicht vor kaum drei Menschenalter einige arme großherzige jüdische Männer aufgestanden wären, um die Schmach von ihrem Volke abzuwälzen, sie der modernen Gesittung zugänglich zu machen und auf diese Weise ihre Gleichberechtigung mit den Christen zu erringen. Das Werk, das jene Männer nicht vollenden konnten,! haben ihre Jünger, haben ihre Nacheiferer zwar auch nicht j zu vollenden vermocht; aber sie haben es mit dem lebendig-! sten Eifer fortgesetzt und sie arbeiten noch heutzutage mittelbar; und unmittelbar unermüdet daran. I Die Feder ruht niemals in ihrer Hand; denn mit der z Arbeit wächst das Werk, und dieselben Juden, die für die Besteiung ihres Volkes schreiben, wirken auch unablässig für die Freiheit anderer Vöfler und gegen jede Tyrannei, wo immer und wie immer sie auch die Menschen drücke! Viele jüdische Geldbrotzen scheinen dies nicht einsehen zu wollen. Sie blicken sogar mit unverhohlener Verachtung

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