Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 43 (21.10.1873)
- Date
- 1873-10-21
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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338 verketzerten Männer, die die jüdische Bibliographie so reichlich ausstatteten, sie haben Herrliches geschaffen für die Judenheit. Wir — und ihre Verketzerer! — stehen auf ihren Schullern und — ragen doch nicht über sie weg. Sie haben die Bausteine zusammengetragen; noch aber sind die Werkmeister nicht da, die den Bau kunstvoll zusammenfügen könnten. ״Zu seiner Zeit wird er kommen." Wir wollen keine Namen nennen; Einzelne von ihnen leben ja noch unter uns. Andere sind eben erst heimgegangen — ihr Andenken sei Zum Segen immerdar! Und sie waren gesinnungs- und überzeugungstreue Kämpfer auch im praktischen Berufsleben; edle, herrliche Rabbiner, Prediger und Lehrer! Lehrer! Ach, wie mancher von ihnen verkümmerte in unscheinbaren, ärmlichen Verhältnissen, der mit seinen Kenntnissen vom Judenthum jedem Rabbinatssitze jetzt zur Zierde gereichen würde; manchen: jener Lehrer — wir könnten Na-> men nennen —, ragen viele heute in Orthodoxie machende, sich stolz spreizende Rabbiner auch im jüdischen Wissen nicht bis an die Knie! Ach, und jene waren Lichtbringer in kleinen bescheidenen Berufskreisen alle Tage ihres Lebens! — Diese Männer, sie sind seltener und immer seltener geworden! Ach, an ihrer Stelle macht sich ein Epigonenthum breit, das arn: an Wissen und arm an Charakter, in purer Orthodoxie und Rechtgläubigkeit ״fertig" ist mit seinem Urtheile und seinem Streben, noch bevor es angefangen hat. Mit hohlem Pathos, mit hochmüthigem Selbstgefühle machen diese sich auf dem Boden breit, den ״jene Ketzer und Abtrünnige" vor ihnen bearbeiteten. Sie wollen es gut haben; sie wollen auf ihren fetten Pfründen das Leben genießen und — schweigen. Und unsere Gesinnungsgenossen? Die wenigen, die noch die alten Erinnerungen pflegen? Sie sind zaghaft, muthlos, verstimmt. Sie haben das ideale Streben verloren! ״Das Volk ist nicht für uns", sagen sie. ״Es ist indifferent; nur die Orthodoxie ist noch energisch, thatkräftig, hält zusammen. Unsere Leute sind gleichgültig gegen das, was wir wollen und anstreben." Es mag ein Körnchen Wahrheit in dieser Behauptung sein; aber gerecht ist der Vorwurf nicht, den wir dem Volke um deswillen machen. Es liegt in der Natur der Verhältnisse; es sind die Ersahrungen, die wir in den Uebergangsperioden auf allen Gebieten machen. Die Reaction ist stets regsamer; sie sucht durch Fanatismus Zu ersetzen, was ihr an Gründen gebricht. Der gedankenlose Pathos des Aberglaubens und des Widerstandes gegen jede vernünftige Einsicht düntt oberflächlichen Beobachtern — Innerlichkeit oder gar Begeisterung. Ach nein, ohne Geist keine Begeisterung. Und dann auch das noch. Nach Perioden der Aufregung folgt die der Ermattung, die die Reaction mit sich führt. Und diejenigen, die die Höhe für sich erglommen, fühlen sich durch fast unübersteiglich scheinende Abgründe getrennt von denjenigen, welche noch ganz unten sind und wenden sich mit Ekel ab von dem Getriebe der Reaction — aber leider auch mit Gleichgültigkeit von denjenigen, welche gegen dieseReaction anzukämpfen für nöthig halten. Sie haben kein Interesse an einem Kampfe, der für sie nicht besteht. ״Wir sind oben",! sagen sie; mögen Andere sehen, wie sie heraufkommen.! Es ist mindestens jedoch die Pflicht der Führer, gegen j diese Apathie anzukämpfen mit aller Macht, mit aller Kraft,! mit allen guten und würdigen Mitteln. Werden unsere Ge- | sinnungsgenossen unter den Vorständen und Führern, Rabbinen und Volkslehrern dieser Pflicht nachzukommen bestrebt sein? Wir machen sie für die Folgen verantwortlich. Es hat immer Perioden der Reaction gegeben, in der Polittk, in der religiösen Bewegung, im socialen Leben. Aber die rechten Führer verstummten nicht in diesen dunklen Zeiten. Sie hielten die Fahne des Lichts in ihren starken Händen — für die Zukunft. Sie ließen sie nicht — und ihre Zeit kam wieder. Sehen wir das nicht in unserer Epoche des großartigsten politischen und religiösen Aufschwungs, wo Ideen, welche noch vor zehn Jahren verpönt waren und sich kaum ans Licht hätten wagen dürfen, von den Negierungen selbst gefördert werden? Auch unsere Zeit, die Zeit, wo die Freunde des Lichts im Judenthume einig Zusammengehen und fortwirken im Geiste unserer Vorgänger, wird wiederkommen. Wir zagen nicht; wir vertrauen auf Gott, auf den Sieg des göttlichen Lichts, das einen Augenblick trüberscheinen aber nie verlöschen kann! Aber an die Männer der Gegenwart, an die Führer des Volkes, an die Vorsteher, Rabbiner und Lehrer ergeht die ernste Mahnung, das Andenken der Gerechten zu ehren, auch jetzt nicht müssig zuzusehen, wie die Errungenschaften unserer Lehrer verkümmert und verhöhnt, ja ihre Namen geschmäht werden. Wir dürfen nicht lässig die Hände in den Schooß legen, während die Freunde des Rückschritts die Zurückgebliebenen im Volke fanatisiren und auftegen; wir dürfen nicht schweigen und — seufzen, wenn sie sich allein als die Vertreter des Judenthums in den Vordergrund drängen, ja neuerdings in wahrhaft teuflischer Gesinnung offen auf totale Trennung der Judenheit ״in mehrere Confessionen" hinarbeiten. Wie könnten ׳wir uns, Vorstände, Lehrer und Führer, von dem Vorwurfe reinigen, daß wir zu lange schon dies Gebühren ohne energisches Gegenstreben ließen und durch diese Duldung das Heil derjenigen gefährdet haben, deren geistige Führung, also Weiterbildung uns anvertraut ist? Was wir thun sollen? Arbeiten, nachstreben, weiterstreben! In den Synagogen hervortreten mit ernsten, offenen