Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 42 (14.10.1873)
- Date
- 1873-10-14
- Page
- Seite 334 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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334 setzen. Von allen Freiheiten, welche unsere Väter errungen haben, wäre keine von der zweiten Restauration mehr bedroht, als die Gewissensfreiheit. Es darf also nicht überraschen, daß auf die geräuschvolle Kunde von der bevorstehenden Ankunft! jenes neuen Messias, der sich einstweilen noch in seiner Frohsj dorfer Zurückgezogenheit aufhält, Alle, welche mit Leib und | Seele an dem Fortbestände dieser Freiheit ein Interesse haben, sich beunruhigen und zur Wehr setzen. Das ״Univers" wun-! dert sich z. B., daß die Protestanten und Israeliten öffentlich! ihre Besorgnisse und ihr Mißtrauen gegenüber dem Syllabus aussprechen, der sich vor ihnen aufrichtet. In einem kürzlich! erschienenen ״Aufruf an die Protestanten" hat man an den | Widerruf des Edicts von Nantes und an die Dragonnaden erinnern zu dürfen geglaubt, und auch die ״Archiv es israslites" haben in ihrer Nummer vom 15. September auf die Gefahren hingewiesen, mit welchen die Wiederherstellung einer dem heiligen Stuhle unbedingt ergebenen Monarchie alle außerhalb der römischen Kirche Lebenden bedroht. Das ״Univers" entrüstet sich auch über die angeblichen Feinde der Kirche, welche, wie es sagt, ״dieselben Gründe haben, auch die Feinde des französischen Königthums zu sein". Das clerikale Blatt irrt sich. Weder die Protestanten, noch die Israeliten, noch selbst die Deisten (Pantheisten) und Freigeister sind die Feinde der! Kirche; sie sind nur die Freunde und nöthigenfalls die Ver-! theidiger der Gewissens- und Cultus-Freiheit. Dieser allein: sind sie zugethan. Es liegt ihnen wenig daran, ob der Syllabus mit dem heiligen Ambrosius die Meinung des Jovinianus verurtheilt, daß der Jungsernstand über den Ehestand gehe, oder ob er diese oder jene Maxime, welche der Natur oder dem öffentlichen Recht widerspricht, als Wahrheit hinstellt. Die Glaubenssätze und Decrete der römischen Kirche wären ihnen sehr gleichgültig, wenn nicht der gebieterische Geist dieser Kirche, die nach dem Ausspruche Anton Arnauld's von der ״Ketzerei der Herrschsucht" besessen ist, es unternähme, die politischen und bürgerlichen Gesetze diesen Glaubenssätzen und Decreten anzupassen und unterzuordnen. Kinder der Freiheit und von! ihr allein lebend, haben die abweichenden Bekenntnisse durchaus keine Feindschaft gegen die Religion der ״Mehrheit der Franzosen"; sie verlangen nur ihr Recht, nicht mehr und nicht weniger, und eben weil sie einigen Grund zu der Besorgniß! haben, daß das Königthum des Syllabus an dieses Recht! Hand anlegen könnte, suchen ste diese Gefahr zu beschwören. I ״Sie wissen — sagt das ״Univers" —, daß man die Jsrae-! liten und Protestanten ebensowenig Zwingen wird, sich zu be-! kehren, als die Protestanten, zur Beichte zu gehen." Wir! wollen es hoffen. Aber wir erinnern uns doch der Zeit, da! die Rectoren der Akademie die Professoren mittelst Rund-! schreibens ״einluden", in die Messe zu gehen, und da Einer! von ihnen dieselben einzeln in sein Cabinet, wie in einen! Beichtstuhl, rief, um sie wegen ihrer Ansicht über die Existenz Gottes und über das künftige Leben auszufragen. Um jene Zeit verweigerte man Hrn. Tainc einen Lehrstuhl der Philosophie und strafte ihn mit Ungnade, weil er als Professor der Rhetorik in Revers die Namen Mirabeau und Danton in einem Vortrage über die Beredtsamkeit anführte. Eine Anekdote mag uns zu den Betrachtungen, mit welchen wir begonnen, zurücksühren. Zur Zeit der clerikalen Reaction, welche im Jahre 1850 die Wiederherstellung des Kaiserreichs vorbereitete, hatte ein dem israelitischen Bekenntnisse angehöriger Professor der Philosophie sich in seiner Eigenschaft als Staatsbeamter für verpflichtet gehalten, in der Capelle seines Lyceums der Heiligen-Geist-Messe beizuwohnen, zumal er zu dieser officiellen Eeremonie mit allen seinen Collegen eingeladen war. Als der Bischof der Diöcese von der Sache erfuhr, erließ er einen Hirtenbrief, in welchem er in eines Oberhirten nicht eben würdigen Ausdrücken erklärte, daß die Capelle, ״da sie durch die Gegenwart eines schmutzigen Juden besudelt worden sei, für den Cultus geschlossen bleiben müsse, bis sie wieder gereinigt worden wäre." Das Ende war, daß der Professor, da der Minister ihn ° im Stich ließ und aufforderte, den Lehrstuhl der Philosophie aufzugeben und sich auf die Literatur zu beschränken, genöthigt war, aus dem Unterrichts-Körper auszutreten, dem er mit seinen Talenten und Arbeiten zur Zierde gereicht hätte. Von diesem ebenso lächerlichen als gehässigen Regime wollen wir nichts wissen, und alle Liberalen ohne Unterschied des Glaubens werden sich vereinigen, um seine Wiederkehr zu verhindern. Die Versprechungen des ״Univers" werden sie nicht einlullen. Sie wissen, wo der Feind zu finden ist, und sie überwachen ihn." ${u1ul(cfl au. 166. Aus Berlin schreibt das ״Frkst. Journ.": ״Die Vergeßlichkeit, welche die jüdische Geistlichkeit von der officiellen Feier des 2. September ausschloß, har sich bis aus die k. Verordnung vom gleichen Tage erstreckt, in welcher für alle Kirchen die Herstellung einer Gedenktafel für die in den letzten Kriegen Gefallenen angeordnet ist. In diesem Erlasse werden die Synagogen in gleichem Sinne nicht erwähnt, was in den betreffenden Kreisen mit schmerzlichem Bedauern be-- merkt wird." — Wir glauben doch, daß darin das Franks. Journal irrt. Wenn man sich auch über die Vergeßlichkeit beklagen mag, so glauben wir doch nicht, daß die Sache für sich in den betreffenden Kreisen mit ״schmerzlichem" Bedauern Bemcvft wird; vielmehr wird man sich sagen: Gut so! denn es wäre geradezu wider jüdische Anschauung und Sitte, solche Tafeln in den Synagogen anzubringen.