Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 42 (14.10.1873)
- Date
- 1873-10-14
- Page
- Seite 333 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 333 Lehrer in Gotha gewesen sei (?), so muß er seine Stelle wieder verlassen und die Kinder genießen wieder 1—2 Jahre keinen Religionsunterricht. So könnte ich ihnen noch eine Masse Facta erzählen. Hält die Moralität und Sittlichkeit bei diesen Hochorthodoxen gleichen Schritt? Lassen Sie mich Ihnen eine Thatsache erzählen, die Ihnen von der Gesinnungstüchtigkeit dieser Menschen ein Bild gibt. Vor jetzt 10 Jahren kam ein Lehrer H. nach M. Er war ein hübscher, braver und edeldenkender tüchtiger Mann; er hatte schon früher mit einem sehr tüchtigen und braven Mädchen, das 4—5000 fl. Vermögen hatte, eine Verbindung angeknüpft und verheirathete sich mit demselben, obwohl die Eltern des Mädchens nicht ganz einverstanden gewesen sein sollen. Zugleich verband er sich mit seinem Bruder Dr. H. und es wurde in Mein Institut gegründet, dessen Director Dr. H., dessen vorzüglichste Kraft aber Lehrer H. war und dessen Oekonomie in den fleißigen und tüchtigen Händen der Frau des Lehrers H. ruhte. Einige Zeit ging das gut. Aber der Director Dr. H. heirathete auch — die Tochter des othodoxen Rabbiners A. a. B. — Auf welche Weise man in diesen hochorthodoxen Kreisen Ehen stiftet — ist eine allbekannte Sache. Die armen Candidaten müssen! Die junge Frau des Directors war hübsch, fromm — aber von dem Hauswesen verstand sie gar nichts; sie spielte dennoch die Frau Direetorin — auch gegen ihre Schwägerin, die Frau des Lehrers — obwohl mit deren Vermögen das Institut eingerichtet und erhalten wurde. Im August 1866 starb der Lehrer H. urplötzlich an der Cholera — er war am Donnerstag Mittag noch in der Schule, Freitag Abend war er bereits begraben. Drei Wochen später starb noch das eine seiner Kinder; und 14 Tage später gab man der Wittwe mit ihrem einen übriggebliebenen Kinde den Abschied; man jagte sie weg, wie eine ausgelohnte Magd. Ihr ganzes Vermögen aber war fort und drauf gegegangen im Institut, sie allein hatte Alles verloren, Mobiliarrc. verblieb ihrem Schwager, dem Director; er war der Eigenthümer. Die Arme wollte nicht zurückgehen zu ihren Eltern; sie wollte lieber dienen. Mit Hohn und Schimpf ließ man sie ziehen. Der Director gründete aber bald anderwärts ein Institut. Es scheint doch nicht sehr lucrativ geworden zu kein; er ist jetzt — hochorthodoxer Rabbiner. Wenn Sie nach M. kommen, wird man Ihnen die Geschichte, obwohl verschämt, erzählen. Ach, den Leuten ist vor lauter Servilität und Frömmigkeit das sittliche Gefühl und der Muth des freien Gedankens und Wortes abhanden gekommen. Bei dem Schlußexamen (Finale) im königl. Schullehrerseminar zu Würzburg sind die Zöglinge der israelitischen Lehrerbildungsanstalt sehr übel weggekommen. Die meisten erhielten die dritte Note, keiner die erste. Es ist auch gar nicht anders möglich, da der größte Theil des Unterrichts im jüdischen Seminar in Talmud- und Mischnahlernen besteht. Zudem hat die Anstalt auch die einzige, wirklich pädagogische Kraft verloren, Herrn Lehrer Stern, der, trotz seines orthodoxen Treibens in Württemberg, ob seines reichen Wissens und seiner anerkannten pädagogischen Begabung für eine solche Anstalt eine passende und segensreich wirkende Persönlichkeit war. Wo Wissen ist, bildet sich der Charakter. Daher mag es kommen, daß einige von den früheren Zöglingen sich selbstständig entwickeln, das Joch abschütteln und freier entfalten, als man hätte glauben sollen, und es dem Rabbiner Bamberger lieb wäre, wenn er es ahnen könnte. Woher soll aber der jetzige Oberlehrer, ein diplomirter Ungar, seine pädagogischen Kenntnisse haben? Woher soll ihm die Befähigung zum Seminardirector kommen, — denn das soll er doch factisch sein? Was denkt man sich denn in diesem Kreise von der so erhabenen und schwierigen Aufgabe eines Leiters in einem zeitgemützen (?) Seminare? — Ueber die innere Einrichtung im jüdischen Seminare, wie es mit Kost rc. bestellt ist, lassen Sie mich schweigen. Darüber darf man nur einen hören, der selbst einige Jahre es dort ausgehalten hat: הלא למשמע און דאבה נפשנו Herr Lehrer Stern, der obengenannte frühere Seminarlehrer, hatte sich die Mißgunst des Rabbiner B. deswegen zugezogen, weil er seine Söhne die humanistischen Schulen in Würzburg besuchen ließ. Ich habe dies aus dem Munde eines Sohnes des Hrn. Stern selbst vernommen. — Genug für heute. Dloui. Aus Rrnnllreicki. Als die ״Rundschau" dieser Zeitschrift im Frühlings dieses Jahres auf die ultramontanen Hetzereien und Gaukeleien in Frankreich hindeutete und Frankreich beklagte, das solchen Verirrungen ausgesetzt wurde, — da war es insbesondere die revue israslite, die gegen unsere Befürchtungen feierlichst protestirte. Sie behauptete, die Agitation der ultramontanen Kreise sei bedeutungslos, die Gewissensfreiheit, die Gleichheit der Culte hätten in Frankreich sich so tief ins Volk eingelebt, daß eine Gefährdung dieser hohen Güter unmöglich wäre. Hören wir, wie man so eben in Frankreich selbst urtheilt: ״Die monarchische Restauration — schreibt das ״Journ. des D6b." —, an wescher man arbeitet, beunruhigt nicht nur die Republikaner; sie flößt auch allen Anhängern der durch die unsterbliche Revolution von 1789 geweihten Frei- Heiken gerechte Besorgnisse ein. Niemand bezweifelt, daß sie zum Vortheil der ultramontanen Partei, ihres wahren Anstifters, vor sich geht. Rom, der Vatikan hält alle Fäden der Jntrigue; aus dem Gesü erfolgen die Losungsworte, denen die royalistische Phalanx gehorcht, und welche die Pilger von Notre Dame-de-Liesse und Parar>-le-Monial in Bewegung