Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 42 (14.10.1873)
- Date
- 1873-10-14
- Page
- Seite 331 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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381 > 1 wollte diese edle That als Lockspeise, als Reclame ausbeuten und mißbrauchen, trotzdem ihn der Talmud tausendfach belehren konnte, daß er sie dadurch in ihr Gegentheil verkehrt, und frug an, ob er nicht den Namen des Gebers an die: Spitze der Liste setzen dürste, die die Wohlthäter und ihre! Wohlthat namhaft macht. — Mit der größten sittlichen Entj rüstung wurde ihm dies abgeschlagen, und der Widerwillen,! der sich gegen ihn geltend machte, wird ihn sattsam darüber belehrt haben, daß er hier für die Zukunft verschlossene Thüren findet. Non äer Werra. Fürchte nicht, mein lieber Leser, daß wir Dich wieder von ״Fasten" und ״Bechorim" unterhalten und dabei als ״Kategor" auftreten werden. Diesmal versuchen wir angesichts des Versöhnungstages die Rolle des! ״Sanegor" zu übernehmen, und zwar gilt unsere Vertheidigung den Anschuldigungen gegenüber, die aus der ״Hess. Schulztg." einen Platz in Nr. 37 d. Bl. gefunden haben, und über die Gemeinde Barchfeld in Beziehung des nach Amerika ausgewanderten Herrn Lehrer Lewald erhoben werden. So gern wir auch mit dem Verfasser des ״Ein Zeichen j der Zeit" überschriebenen Artikels in Ansehung der vortreff-! lichen Eigenschaften L.'s übereinstimmen, und so tief ergriffen,! ja erschüttert wir auch waren, als der in seinem Amte eri graute Mann uns die Hand zum Abschied reichte — so gibt ן doch eine genauere Kenntniß und vorurtheilslose Prüfung der Sachlage das Urtheil an die Hand, daß er selber mit Schuld! daran war, wenn er am Abende seines Lebens den Wanderstab ergreifen mußte, um in ungastlicher Fremde eine ״einfache Existenz" zu suchen, die er in Barchfeld nicht erreichen konnte, wenn auch ein Anderer daselbst sein reiches Auskommen finden dürfte. So wenig die Welt auch sonst das wahre Verdienst eines Lehrers Zu würdigen weiß und derselbe zu seiner Befriedigung auf das eigene Herz und dessen Empfindüngen angewiesen ist, so müssen wir doch der Wahrheit darin die Ehre geben, daß ganz besonders Barchfeld einen so harten Vorwurf, seinem verdienstvollen Lehrer und Erzieher der Jugend keine ״einfache Existenz" geboten zu haben, sich nicht zu Schulden kommen läßt, wenn auch Einzelne das Dichterwort: ״Am Gelds hängt, nach Gelde drängt doch Alles!" zu bewahrheiten scheinen. — Lewald gehörte der sich überlebten alten Schule an, und wenn er auch als intelligenter Mann unsere Zeit und ihre Bestrebungen zu würdigen wußte und die hohen Forderungen kannte, die das von einer höhern Eultur getragene Leben an den Einzelnen stellt — so vermochte er es doch nicht, von den scholastisch-mittelalterlichen Anschauungen seines Vorgesetzten', des Fuldaer jüdischen Bischoss, sich in praxi zu emancipiren und den Wünschen der nach Fortbildung strebenden Gemeinde gerecht zu werden. Er hatte stets ein offenes Ohr für die Klagen der Gemeinde, denen wir einmal in Nr. 8 des ״Jsr. Lehrer" Ausdruck gegeben, die vor Allem um das Wohl ihrer Kinder tief besorgt war, doch mit derselben, anstatt mit jenem cabalistisch-roman-- tischen Kopfe Hand in Hand zu gehen, das vermochte der nach der ״Vorschrift" gehende Lewald nicht. Durch die Lösung des contractlichen Verhältnisses seitens L.'s, sah sich die Gemeinde vor die Alternative gestellt: entweder behalten wir L., und unsere Kinder lernen wohl ein unverdautes ״Chomesch" und wissen aufs Haar, ״wieviel man gegessen haben muß, um benschen zu müssen", bleiben aber unfähig, selbst einen kleinen Brief ohne sprachliche und grammatische Fehler zu schreiben, oder wir hindern ihn nicht in seinem Vorhaben und suchen uns einen Mann, dem wir bei voller Befriedigung unserer Wünsche die größten Opfer zu bringen bereit find. Daß L. im Streite mit dem Wohle ganzer Generationen unterliegen mußte, ist nur zu natürlich. Zur Ehre der Gemeinde sei auch hier erwähnt, daß sie ihrem scheidenden Beamten als Zeichen ihrer Dankbarkeit und Anerkennung einen werthvollen, silbernen Pokal durch den Vorsteher derselben überreichen ließ. Wir scheiden somit von Lewald, indem wir ihm neues Glück und neuen Segen in der ״neuen Welt" aus tiefster Seele wünschen. Und besonders den Wunsch rufen wir dem biedern Manne in die Ferne nach: möchte ihn Gott vor solchen Creaturen a la Enoch bewahren! Dann zweifeln wir nicht, daß er zum Segen und Heile unserer Brüder jenseits des Oceans wirken und sich dort eine klingendere Anerkennung erwerben wird, als es ihm hier unter den obwaltenden Verhältnissen möglich war. ÄU8 Zaäen. Wie schwer es noch auf dem Lande und in kleinen Städten hält, den Israeliten irgend ein politisches Gemeindeamt zu übertragen, zeigt nachfolgendes Beispiel: In Emmendingen war dieser Tage die Wahl von fünf Gemeinderathsmitgliedern vorzunehmen. Die Redaction des ״Hochberger Boten", Localblatt dieses Städtchens, setzte Hrn. L. Roos, einen bescheidenen und gebildeten Israeliten, auf das Programm. Nun wurden Placate angeschlagen, welche die Einwohner vor der Wahl von ״Juden und Buben" warnten. Ausrufe trug man in viele Häuser, in welchen den Bürgern erprobte Männer, worunter natürlich wiederum keine Juden sich befanden, als Gemeinderäthe empfohlen wurden. Phrasenreiche Redensarten von Zeitgeist und Fortschritt, Liberalismus und Aufklärung rc. sollten die Wähler ins Garn locken, während von manchem der Vorgeschlagenen verdächtigende Schatten das Licht verscheucht oder doch verfinstert. Der Wahltag kam und Herr Kaufmann Roos ging als Sieger aus der Urne hervor, trotzdem noch ein zweiter Jsraelite aus niederem Ehrgeiz seinem Glaubensbruder Concurrenz zu machen suchte^ indem der Vorsänger B. מבית לבית wanderte, unr wenigstens doch die Stimmen zu zersplittern; die Anstrengung